Erligheim Ein unbeschriebenes Blatt im Insektenraster

Von Gabriele Szczegulski
Steffen Hammel vor dem Holzstapel in seinem Arbeitszimmer, von dem er hofft, dass sich darin Käferlarven entwickeln. Toll wäre, so Hammel, ein weiteres Exemplar aus der Gattung der Buntkäfer, die rund um Erligheim so gut wie ausgestorben sind. Foto: /Oliver Bürkle

Steffen und Ute Hummel haben ein Exemplar des seltenen Eichenbuntkäfers gefunden. Sie zählen auch Schwebfliegen und Hornkäfer.

Insektenmonitoring“ nennt man das, was das Erligheimer Ehepaar Steffen und Ute Hammel in ihrer Freizeit betreibt. Sie suchen nach Insekten, zählen sie, beschreiben sie, bestimmen die Art und leiten die Ergebnisse entweder an das Nabu-Portal „Naturgucker“ oder das Umweltportal Baden-Württemberg weiter. Dort werden die Insektenarten dokumentiert und in eine topgrafische Karte übernommen, um bestimmte Vorkommen, Seltenheiten oder vom Aussterben bedrohte Arten lokal zu bestimmen. „Erligheim ist ein unbeschriebenes Blatt im Insektenraster“, sagt Steffen Hammel, „da wurde noch nichts dokumentiert“. Das war der Grund, warum er sich mit seiner Frau aufmachte, dieses leere Blatt zu füllen.

Die Hammels wurden zu Hobby-Entomologen

Vor zwei Jahren trat das Paar in den Zabergäuverein ein und erfuhr vom Insektenmonitoring. Als ihnen klar wurde, dass ihr Wohnort und dessen Umgebung im Raster nicht vorkommen, begannen die Hammels nach Schwebfliegen zu suchen und sie zu zählen. Die Hammels wurden zu Hobby-Entomologen. Die Entomologie ist die Insektenkunde. Mehr als 70 Arten gibt es im Wald von Erligheim, hat das Paar herausgefunden. „Früher war immer die ganze Windschutzscheibe des Autos voller kleiner Schwebfliegen“, da das nicht mehr so ist – ein Zeichen des Rückgangs dieser Fliegen, veranlasste die Hammels, diesen Schwund zu dokumentieren.

„Es wurde eine richtige Sammelleidenschaft daraus“, so Hammel. Nach Abschluss der Schwebfliegensuche wollten sich die Hammels um Waldkäfer kümmern, denn „die sind so wichtig für die alte Kulturlandschaft Württembergs“. Der Bockkäfer war das Ziel. „Der Bockkäfer ist schön, farbenprächtig, hat lange Flügel und ist relativ selten.“

Das Paar geht in jeder freien Minute in die Natur und sucht im Wald, im Gehölz, in Holzstapel und im Totholz nach Bockkäfern. Und dabei machten sie im Sommer 2025 einen Zufallsfund in einem Brennholzstapel: Sie fanden ein Exemplar des Eichenbuntkäfers, einer Art, die in Württemberg nicht mehr vorkommt. Hammel stieß bei seiner Recherche darauf, dass der Eichenbuntkäfer zum letzten Mal vor 100 Jahren gesichtet wurde. Der Käfer aus der Familie der Buntkäfer gilt auf der Roten Liste der deutschen Insekten als vom Aussterben bedroht und wird als besonders geschützt deklariert.

Über den Fund veröffentlichte Hammel seine Recherchen in den Nachrichten des Entomologischen Vereins Stuttgart. Denn: „Der Eichen-Buntkäfer ist ein Kulturzeiger alter Mittelwälder. Alteichenbestände liebt er“, so Hammel. Er hofft, dass durch den Fund mehr Menschen beispielsweise durch die Veröffentlichung im Internet, auf besondere Käferarten aufmerksam werden, diese fotografieren und sie an die entsprechenden Portale weiterleiten.

Buntkäfer sind Nutztiere, da sie den Borkenkäfer fressen

Der Eichenbuntkäfer liebt Brennholzstapel. „Hier sitzen die Käfer immer wieder und lauern auf ihre Beute – verschiedene andere Holzkäfer“, erklärt Ute Hammel. Die Larven und die erwachsenen Eichen-Buntkäfer sind für die Forstwirtschaft nützlich, da der seltene Räuber Borkenkäferlarven frisst. Der Käfer lebt an altem, von Insekten und anderen Gliedertieren zerfressenen Holz verschiedener Laubbäume, vor allem Eiche und Eichenrinde, während der Kleine Eichen-Borkenkäfer die Rinde befällt, den Saftstrom unterbricht und zu großem Waldsterben führt. Gäbe es mehr Bunt- und Hornkäfer, würden sich diese um die „bösen“, so Steffen Hammel, Käfer kümmern und sie einfach auffressen.

Das Käfersammeln oder -zählen ist für die Hammels auch angesichts der Klimaerwärmung, dem Waldsterben und der zunehmenden Trockenheit mehr als nur ein Hobby. Man könne, so Hammel, zukünftig auf Grund der Anzahl und der Arten vergleichen, ob spezielle Insekten vom aussterben bedroht sind oder ob sie sich wieder ansiedeln, wie eben der Eichenbuntkäfer.

Ein Experiment: Insekten im Haus züchten

Deshalb hat Hammel auch in seinem Haus einen Stapel Totholz, das er im Wald gesammelt hat, aufgeschichtet, sodass eventuell hier ungestört Käferlarven wachsen können, „ein kleines Experiment, wie er sagt. „Insekten sind so wichtig für unsere Natur, vor allem für die Wälder, wir sollten alles dafür tun, dass keine Art vom Aussterben bedroht ist“, so Steffen Hammel. Im kommenden Frühjahr und Sommer machen sich die Hammels wieder auf die Suche nach den Bockkäfern. Der Wald um Erligheim habe noch viele Insektenarten, die dokumentiert werden könnten, sagt Hammel.

 
 
- Anzeige -