Eröffnung der Schlossfestspiele Plan C für ein ausgefallenes Festival

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Intendant Jochen Sandigs Plan C sieht neue, kurzfristige Veranstaltungen, beispielsweise im Schloss oder auf dem Ludwigsburger Marktplatz vor. Foto: Factum/Simon Granville

Am 6. Mai eröffnen die Schlossfestspiele die Saison mit einem Livekonzert, das online übertragne wird. Intendnat Jochen Sandig lässt sich nicht unterkriegen und tüftelt an „ausgefallenen“ Ideen.

Es ist die zweite Saison der Ludwigsburger Schlossfestspiele für den Intendanten Jochen Sandig, die am 6. Mai eröffnet wird. Und es ist die zweite Saison, die nicht so stattfindet, wie er geplant hatte. Im Mai werden keine Veranstaltungen mit Besucherinnen und Besuchern stattfinden. Sandig sieht die Umstellung auf digitale Medien aber auch als Chance.

Herr Sandig, wie ist Ihre Stimmung angesichts der Absagen vieler Veranstaltungen?

Jochen Sandig: Ja, es ist traurig, aber ich bin ein positiver Mensch und versuche der Situation Vorteile abzugewinnen. Unser Team arbeitet noch mehr auf Hochtouren als sonst, da wir kurzfristig umplanen müssen. Daher sind wir viel mit den Künstlern im Gespräch und ringen um Kooperationen mit neuen Partnern. Wir müssen uns von unserer langfristigen Planung verabschieden und den Fokus auf andere Formate setzen. Wir im Team sprechen derzeit nicht vom Plan B, als Alternativszenario für das lange im Voraus geplante Festival, sondern vom Plan C, der sich ständig verändert, und davon, dass die Schlossfestspiele kein ausgefallenes, sondern ein besonders ausgefallenes Festival sein sollen, im Sinne von noch lebendiger und voller Überraschungen.

Was meinen Sie damit, dass die Pandemie auch eine Chance für die Schlossfestspiele sind?

Wir werden im kulturellen Bereich auf längere Zeit keine Massen an Besucherinnen und Besuchern mehr haben. Deswegen müssen wir überlegen, wie wir Konzerte digitalisieren und sie so in Szene setzen, dass auch zu Hause eine Art Festspielatmosphäre entsteht. Bisher hatten immer wir das Publikum zu Gast, nun sind wir zu Gast bei den Menschen zu Hause. Das ist aber auch eine Chance, neue Besucherinnen und Besucher zu bekommen. Wir hatten 2021 eine so gute Resonanz auf unsere digitalen Veranstaltungen. Und auch die Übertragung von Konzerten auf Arte Concert bringt uns ein neues Publikum. Wir senken dadurch die Hemmschwelle. Wir haben beobachtet, dass dadurch mehr Menschen auf den Geschmack kommen, auch jüngere, uns dann auch mal in Ludwigsburg zu besuchen.

Digitale Konzerte bringen keine Einnahmen, aber die Ausgaben bleiben. Rechnet sich das?

Im Moment noch nicht, aber wir befinden uns in der Pandemie auch in einer Ausnahmesituation und haben unser Programm entsprechend reduziert, um die Kosten im Griff zu halten. Wir arbeiten daran, für besondere Formate auch ein Bezahlsystem einzurichten, zudem sind Spenden immer willkommen.

Aber wie finanzieren Sie diese Saison jetzt ohne Karteneinkünfte?

Wir haben zusätzlich zur Förderung durch Stadt und Land eine projektbasierte Bundesförderung für den Wandel in ein „Fest der Künste, Demokratie und Nachhaltigkeit“ von drei Millionen Euro über drei Jahre bekommen. Da wir in dieser Saison Projekte abgesagt oder aufs nächste Jahr verschoben haben, investieren wir nur einen Teil dieser Summe ins Programm. Wir werden die Mittel dann vor allem 2022 benötigen, wenn wir unser 90-jähriges Jubiläum feiern.

Welche neuen Formate wird es in diesem Jahr geben?

Eine zentrale Idee ist unser „Fest Spiel Zentrum“ mit einem „Klangkreis“ im Schlosshof. Wir werden dort auf 16 Lautsprechern und einem LED-Bildschirm Konzerte übertragen. Die Besucherinnen und Besucher sitzen dann mit Abstand und Maske im Schlosshof. Auch im Blühenden Barock sind Veranstaltungen geplant. Zudem wollen wir auch Konzerte live im Schlosshof in der zweiten Hälfte des Festivals durchführen. Wir müssen jetzt abwarten, wie sich die Corona-Lage entwickelt. Unser Ziel ist es, eine offene Oase der Kultur zu schaffen.

Könnten Sie sich vorstellen, Tests anzubieten, um Konzerte vor Besuchern stattfinden zu lassen?

Natürlich, das wollen wir sogar. Die Stadt wird uns dabei unterstützen. Wir würden alles dafür tun, um vor Menschen spielen zu können. Digitale Formate sind gut, diese wird es auch in Zukunft als Angebot geben. Aber seien wir doch einmal ehrlich, Präsenzangebote sind die Seele der Kultur, da ist es egal, ob nur 50 Besucher im Ordenssaal sitzen. Wir haben das Glück, dass der Aufsichtsrat der Schlossfestspiele zu unseren Ideen und unserem Plan C steht, und ich denke, kleineren Formaten gehört die Zukunft.

Sie engagieren sich unter dem Hashtag „verspieltnichtdiemusik“ für die Kultur?

Ja, ich bin im Sprecherkreis des Forum-Musik-Festivals engagiert und habe dieses Motto vorgeschlagen. Es geht uns darum, dass die Kultur derzeit zu wenig Beachtung bekommt. Denn man kann auch unter Pandemiebedingungen Konzerte oder Tanzvorstellungen veranstalten und coronakonforme Ideen entwickeln, man muss nur kreativ sein und das sind wir Kulturschaffenden. Ich stehe mit Respekt zu den politischen Entscheidungen und habe Verständnis für Politiker, die nach Lösungen ringen.
Aber durch die Bundesnotbremse immer noch Open-air-Veranstaltungen zu verbieten, halte ich für den falschen Weg. Es gibt keinen Fahrplan für Öffnungsperspektiven, unsere sicheren Vorschläge werden zu wenig beachtet.

Verstehen Sie dann die ironischen Videos von Schauspielern wie Jan Josef Liefers?

Ich habe grundsätzlich Verständnis, dass diese Künstler sehr wütend sind, aber meiner Meinung nach sind sie hier übers Ziel hinausgeschossen. Vor allem die Aussage, es gebe keine öffentliche Kritik an den Corona-Maßnahmen, als würden wir in einer Art Diktatur leben, kann ich nicht nachvollziehen. Wir haben in Deutschland eine wundervolle Demokratie, sie zeigt sich auch daran, dass wir alle Kritik äußern können, und Kritik muss sein, aber nicht in dieser Form. Diese Videos gießen leider Öl ins Feuer der Querdenker und Pandemie-Leugner.

 
 
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