Fehlende Transparenz Streit vor der Olympia-Abstimmung

Von Jochen Klingovsky
Jürgen Scholz hat sich als Freund klarer Worte gezeigt und in seiner Funktion als Präsident des Landessportverbandes heftige Kritik geäußert. Foto: /Martin Kalb

Sersheims Bürgermeister Jürgen Scholz attackiert als Präsident des Landessportverbandes den Deutschen Olympischen Sportbund vor der Wahl der Bewerberstadt für Sommerspiele.

Es gab 2026 etliche sportliche Großereignisse: Olympische Winterspiele und die Fußball-WM zum Beispiel, aber auch die Reit-WM in Aachen oder zuletzt die WM der Basketballerinnen in Berlin. Der wichtigste Termin für den deutschen Sport steht aber noch aus: Am 26. September wird im Kurhaus in Baden-Baden darüber entschieden, mit welcher Stadt sich Deutschland um die Ausrichtung Olympischer Sommerspiele bewirbt.

Zur Wahl stehen Berlin, München sowie Köln mit der Region Rhein-Ruhr, und das Ergebnis der Abstimmung ist so weitreichend, dass der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) schon früh alle Beteiligten auf einen fairen, transparenten und nachvollziehbaren Wettbewerb eingeschworen hat. Doch nun gab es, ein paar Tage vor der außerordentlichen DOSB-Mitgliederversammlung, völlig unerwartet harsche Kritik aus den eigenen Reihen – von Jürgen Scholz. Seither sieht sich der Präsident des Landessportverbandes Baden-Württemberg selbst heftigen Vorwürfen ausgesetzt.

Liegt eine Verstoß gegen die Verschwiegenheitspflicht vor?

Jürgen Scholz, im Hauptberuf Bürgermeister der Gemeinde Sersheim im Kreis Ludwigsburg, hatte gegenüber der ARD-Sportschau zwei Punkte angeprangert: die Auswahl der Abstimmenden und die aus seiner Sicht fehlende Transparenz im Prozess. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass dies im DOSB nicht zu Beifallsbekundungen geführt hat. Eine Interviewanfrage unserer Redaktion am Montag lehnte Jürgen Scholz jedenfalls mit dem Hinweis ab, er wolle nicht noch mehr Öl ins Feuer gießen. Dabei war der Ärger längst entflammt.

Scholz, derzeit der Sprecher der 16 Landessportbünde, sitzt in der DOSB-Evaluierungskommission, von der die Bewertung der drei Bewerberkonzepte überprüft wird und die am Ende eine Wahlempfehlung aussprechen kann. Es gibt sechs Voll-Mitglieder, darunter DOSB-Präsident Thomas Weikert und den DOSB-Vorstandsvorsitzenden Otto Fricke. Wie die frühere Turnerin und heutige IOC-Athletensprecherin Kim Bui ist Jürgen Scholz einer von drei nicht stimmberechtigten Beisitzern. Am Dienstag, als die Evaluierungskommission turnusgemäß tagte, bekam er den gesammelten Unmut zu spüren.

Nach Informationen unserer Redaktion wurde ihm unter anderem ein „Vertrauensbruch“ und die Missachtung der Verschwiegenheitspflicht vorgeworfen. Zugleich sollen sich die DOSB-Leute bestätigt gefühlt haben, die Scholz schon länger unterstellen, dass er sich gerne auf Kosten anderer profiliert. Doch ist das tatsächlich so?

Kritik am reduzierten Kreis der Stimmberechtigten

Zumindest bei seinem ersten Kritikpunkt ist der baden-württembergische LSV-Präsident alles andere als alleine. Es steht zwar schon seit Monaten fest, dass sich der DOSB auf Paragraf 16 seiner Satzung beruft, der besagt, dass nur ein reduzierter Kreis Stimmrechte hat, wenn es um „Angelegenheiten in Verbindung mit Olympischen Spielen geht“, weshalb lediglich die 42 olympischen Spitzenverbände und nicht alle 103 Mitgliedsorganisationen des DOSB an der Wahl in Baden-Baden teilnehmen werden – trotzdem bleiben Fragen offen.

Warum dürfen die sechs Wintersportverbände, deren Disziplinen olympisch sind, über Sommerspiele in München, Berlin oder Köln abstimmen, nicht aber der Deutsche Behindertensportverband, obwohl es ja auch um die Ausrichtung der Paralympics geht? Weshalb haben die Landessportbünde, die Träger der Olympiastützpunkte sind, kein Stimmrecht? Warum dürfen stattdessen acht persönliche DOSB-Mitglieder, zu denen beispielsweise Profifußballer Leon Goretzka gehört, wählen?

„Ein wesentlicher Teil des deutschen Sports ist von der Entscheidungsfindung ausgeschlossen“, sagte Jürgen Scholz der ARD, „das halte ich für falsch.“ Ebenso klar hat er seinen zweiten Kritikpunkt formuliert.

Im Abschlussbericht der Evaluierungskommission wird unter anderem stehen, wie viele Punkte die drei Bewerber in den Prüfbereichen „Sportfachliche und operative Eignung“ sowie „Internationale Wettbewerbsfähigkeit und nationale Akzeptanz“ erreicht haben. Der Report könnte zum Schluss kommen, dass alle drei Regionen als Olympiaausrichter perfekt geeignet sind, es könnte aber auch eine klare Wahlempfehlung für eine Stadt ausgesprochen werden. Diese wäre zwar für die Funktionäre, die in Baden-Baden entscheiden, nicht bindend, an den Erkenntnissen der Evaluierungskommission hätten aber sicherlich alle großes Interesse.

Informationen erst nach der Abstimmung?

Stattdessen erklärte Jürgen Scholz: „Nach meinem aktuellen Kenntnisstand wird es den Bericht erst nach der Abstimmung geben, nicht vorher. Das ist ein Anachronismus, der nicht geht. Was spricht denn dagegen, offen und ehrlich zu kommunizieren?“

Es ist eine Frage, über die man sich dem Vernehmen nach im DOSB ziemlich gewundert hat, weil schon lange festgelegt sei, dass die Abstimmenden ebenso wie die Öffentlichkeit nach der letzten Sitzung der Evaluierungskommission am 22. September informiert werden – nur der Umfang sei noch offen. Alles andere, so war zu hören, würde ja auch keinen Sinn ergeben.

Hat Jürgen Scholz also den wichtigsten Punkt nur falsch verstanden? Aus seinem Umfeld war zu erfahren, dass er bei seiner Darstellung bleibe und froh darüber sei, beim DOSB nun in puncto Informationspolitik ein Umdenken zu erkennen. Ein Haken allerdings bleibt trotzdem: Den Vertretern der Spitzensportverbände wird vor der Abstimmung am 26. September nur sehr wenig Zeit bleiben, um die Erkenntnisse der Evaluierungskommission in ihren Gremien zu besprechen. Ob die Wahl am Ende auf Berlin, München oder Köln fallen wird, ist offen. Sicher ist nur: Die Kritik, dass mehr Transparenz möglich gewesen wäre, wird den DOSB auch weiterhin begleiten.

 
 
- Anzeige -