Es ging ein Raunen durch die Weinbranche, als die Nachricht vor zwei Wochen verkündet wurde: Martin Fischer ist der neue Mann an der Spitze der Felsengartenkellerei Besigheim. Der ehemalige Chef des privaten Weingutes Sonnenhof in Gündelbach übernimmt sowohl das Amt des Vorstandschefs von seinem Vorgänger Eberhard Wolf als auch die Geschäftsführung von Hans-Georg Schiller.
Felsengartenkellerei Besigheim Neuer Chef in schwieriger Zeit
Preisdruck, Kostensteigerung, Flächenschwund: In der Hessigheimer Genossenschaft steht Martin Fischer vor großen Herausforderungen.
Die Felsengartenkellerei schrumpft
Fischer rückt in einer schwierigen Zeit an die Spitze der Genossenschaft mit ihren rund 1400 Mitgliedern, das ist ihm durchaus bewusst: Die Felsengartenkellerei schrumpft. Aktuell werden laut Fischer 576 Hektar Reben bewirtschaftet, im vergangenen Jahr waren es noch 703 Hektar. Jahrelang haben Wengerter zusehen müssen, wie sie immer weniger Geld für ihre Trauben bekommen haben. Zuletzt haben sie kapituliert, weil Aufwand und Ertrag in keinem Verhältnis zueinander stehen. Sie finden keine Nachfolger oder Pächter mehr, der Wert der Rebflächen verfalle, schildert Fischer im Gespräch mit der BZ die aktuelle Lage im Weinbau des mittleren Neckartals.
Personalkosten steigen, der Kostendruck ist hoch
Damit nicht genug: Die Personalkosten steigen, der Kostendruck sei hoch. Die drohende Erhöhung des Mindestlohns werde dies noch verschärfen, fürchtet der neue Vorstandschef. Corona habe international für volle Weinkeller geführt, das habe den Preisdruck erhöht. Discounter, die zu den wichtigen Kunden der Kellerei gehören, und „der Lebensmittelhandel weiß ganz genau, dass Druck im Kessel ist“, fährt Fischer fort, „sie fordern Zugeständnisse bei den Preisen“.
Dabei ist der Preis für regionalen Wein schon jetzt viel zu niedrig angesetzt. Häufig stehe Wein aus Württemberg für weniger als fünf Euro im Regal, bei den Discountern noch deutlich niedriger. Um wirtschaftlich zu arbeiten, seien aber sieben bis acht Euro notwendig. Was Fischer Mut macht: „Ich übernehme einen Betrieb, der in der Vergangenheit gut geführt worden ist.“
Ein Betrieb, der große Qualität in der Flasche hat
Er setzt auf die Zusammenarbeit mit dem Önologen und Betriebsleiter Sebastian Häußer, der vor etlichen Jahren für kurze Zeit Betriebsleiter im Sonnenhof war. Einzelne Weine und die Genossenschaft als Ganzes haben viele nationale Auszeichnungen erhalten. „Ich finde einen Betrieb vor, der gute Qualität in der Flasche hat“, betont Fischer. In die Qualität sei in der Vergangenheit ebenso investiert worden wie in die Technik, beispielsweise in die Sortierung des Lesegutes. „Wir haben die Chance, besser zu sein als andere“, sagt Fischer. „Damit kann ich mich identifizieren.“
Erst wird sich Fischer in seiner Aufgabe zurechtfinden müssen, doch dann geht es darum, die Kostenstrukturen zu senken, macht er deutlich. Nach Jahren der Expansion mittels Fusionen und Übernahmen der Genossenschaften in Ilsfeld, Neckarwestheim und Bad Cannstatt ist der Anzug in Hessigheim angesichts des Flächenrückgangs gewissermaßen zu groß geworden. „Die Umfänge sind für größere Strukturen ausgelegt“, sagt er. Inwiefern dies personelle Folgen hat, lasse sich für ihn noch nicht abschätzen.
Chancen für den Wein im Export in andere Länder
Fischer setzt zudem darauf, die Beziehungen zum Handel auszubauen und „national stärker zu werden“, sprich den Absatz über Württemberg hinaus auszudehnen. Zugute kommen sollen ihm seine Kontakte zum Lebensmitteleinzelhandel aus seiner Zeit als Chef des Sonnenhofs, der mit rund 53 Hektar Rebfläche einst der größte private Weinbaubetrieb des Weinbaugebietes Württemberg war.
Chancen für den Wein rund um das Neckartal sieht er auch im Export in Länder außerhalb Europas, in nordische und asiatische Länder und in baltische Staaten. „Ich habe jedenfalls nicht vor, dass der Schrumpfungsprozess weitergeht.“
Die Bewirtschaftung ist intensiv und teuer, der Preis für die Trauben viel zu gering. Aktuell ist von 50 bis 60 Cent pro Kilo in der Branche die Rede, Tendenz sinkend. Wengerter ziehen vermehrt die Konsequenz und legen Flächen still oder roden sie. Zu beobachten sind die Folgen seit einigen Jahren verstärkt in den Steillagen im Neckartal zwischen Besigheim und Mundelsheim, wo der Arbeitsaufwand besonders hoch ist.
Immer größere Lücken in der Kulturlandschaft tun sich auf. Das führt zu Problemen mit dem Pflanzenschutz: Wenn Rebflächen nicht mehr bearbeitet werden, breiten sich Pilzkrankheiten auf die Nachbargrundstücke aus. Unbeliebte Rebsorten werden gerodet, selbst in der Fläche, wo die Bewirtschaftung deutlich einfacher ist. Sobald die ersten Brombeerbüsche wachsen, breiten sich danach Schädlinge wie die Kirschessigfliege schnell aus und gefährden Nachbargrundstücke.
