Es war eine groß angelegte Frage, mit der Ludger Engels das Gespräch mit seinem Gast Deniz Yücel eröffnete: „Ist die Kunst frei, ist die Gesellschaft frei?“. Doch der Journalist und langjährige Redakteur von „taz“ und „Welt“, deutschlandweit bekannt geworden durch seine Inhaftierung in der Türkei 2017/2018, sah sich überfordert: „Das müssen Sie Kant oder Habermas fragen“, verwies er den Leiter der Akademie der Darstellenden Kunst (ADK) an die Bücher der beiden deutschen Philosophen.
Fest der Freiheit in Ludwigsburg „Meinungsfreiheit muss man praktizieren“
Eine Diskussion mit dem Journalisten Deniz Yücel in der Akademie für Darstellende Kunst beendete das „Fest der Freiheit“. Da knallten schon mal die Türen.
Engels hatte die Frage gestellt, der die ADK und die benachbarte Filmakademie am Donnerstag und Freitag vor dem Tag der Deutschen Einheit bei ihrem „Fest der Freiheit“ nachgegangen waren, einer Art Tag der offenen Tür. „Wir wollen die demokratischen Freiheiten, die unsere Arbeit erst ermöglichen, zelebrieren und für ein großes Publikum erfahrbar machen“, hatte es in der Ankündigung geheißen. Das Publikum konnte sich an Workshops und Diskussionen beteiligen. Führungen über das Gelände machten mit der Arbeit in den Räumen der Filmakademie und im Turm der ADK bekannt.
Der Turm stand am Donnerstabend im Zentrum des Auftakts. Videoinstallationen, projiziert auf die Fassade, befassten sich mit der Geschichte des Akademiehofs, der einst vom berittenen Militär genutzt wurde.
Welche Dimensionen der Begriff der Freiheit hat, zeigten die Aufführungen: Gelesen wurden unter anderem „Texte über die Freiheit“ von Christian Friedrich Daniel Schubart, dem Dichter, der ab 1777 zehn Jahre lang auf dem Hohenasperg gefangen gehalten wurde. „Je veux“, das Lied von Zaz über den unbedingten Wunsch nach persönlichem Glück und Freiheit war ebenso zu hören wie „Strange Fruit“, das bittere Gedicht über die Lynchjustiz, die der US-amerikanische Süden an Schwarzen verübte. Jazz-Sängerin Billy Holliday sang es in den 1930er-Jahren und machte es weltberühmt.
Die Diskussion mit Deniz Yücel war seitens der Veranstalter als Abschluss und Höhepunkt des Festes geplant. Yücel, eloquent und einnehmend, erwies sich als Vertreter eines Freiheitsbegriffs, der manchen Zuhörer verstörte. „Es gibt keine Verbotsschilder“, machte er deutlich. Für niemanden. Auch für keinen Rechtsaußen und schon gar nicht für die AFD, auf die schnell die Rede kam. Ein Gespräch, bei dem eine Seite nicht bereit sei, dem Gegenüber ein Minimum an Wahrhaftigkeit zuzugestehen oder einzuräumen, er könnte vielleicht doch an irgendeinem Punkt Recht haben, sei kein Gespräch, sondern ein „Verhör“.
Debattenkultur nimmt eine falsche Richtung
Die Debattenkultur in Deutschland habe eine falsche Richtung genommen, fuhr Yücel fort. Der Staat habe seine Zwangsmaßnahmen geschärft. Wer einen „Witz auf schlechtem Niveau“ macht und seinem politischen Gegner auf Wahlplakaten einen Hitlerbart aufmalt, könne wegen Beleidigung belangt werden. Es reiche schon aus, den früheren Vize-Kanzler Robert Habeck in sozialen Medien einen „Schwachkopf“ zu nennen, damit die Polizei vor der Tür steht, führte Yücel ein konkretes Beispiel an. „Das alles hat einschüchternde Wirkung.“ Habeck und die frühere Außenministerin Analena Bärbock, die gerichtlich gegen solche Äußerungen vorgegangen sind, nannte er „Heulsusen“.
Statt Verboten und Brandmauern helfe nur reden, wie es Yücel in der Vergangenheit mit Veranstaltungen in Ostdeutschland versucht hat. Doch das Reden wird schwieriger. Während sich vor einigen Jahren prominente AFD-Anhänger noch dem offenen Gespräch stellten, ist das heute schon deutlich anders. Die Bereitschaft zuzuhören, sinke auf allen Seiten.
„Selbstgerechtigkeit“ in manchen linken Kreisen
Yücel warnte vor der Tendenz, aus politischen Gegnern Feinde zu machen. Das „Nein zur AFD“ sei nicht der Maßstab der Meinungsfreiheit. Da knallten dann schon ein paar Türen im Saal, wenn Yüzel von der „Selbstgerechtigkeit und Selbstvergewisserung“ in manchen linken Kreisen sprach. Wie aber umgehen mit den Versuchen von Rechtsaußen, das Leben von Menschen einzuschränken, die nicht in das Wertesystem von Rechtsaußen passen? Denn die Bedrohungen sind konkret.
Wie kommt man aus seiner eigenen Blase heraus und „wie kann man mutig bleiben“, fragte Maya Sultanova, eine Deutsche mit kurdischen Wurzeln. Aleksandr Kapeliush, ein angehender Regisseur, hatte sein Regiestudent in Moskau mit Beginn des Ukraine-Krieges aufgegeben und war nach Israel ausgewandert. Was tun, wenn schwule oder queere Menschen als Feindbild dienen, als extremistisch, kriminell und unerwünscht gelten, fragte er Yüzel?
Ob Yücels Antwort ihn überzeugt hat? Während seiner Inhaftierung wegen angeblicher „Terrorpropaganda“ habe er selbst keine Angst gehabt und nichts bedauert. Als „Mahnmal der Meinungsfreiheit“ will er deshalb nicht verstanden werden. „Humor und Gelassenheit“ helfen aus Yüzels, wenn Feindbilder „so absurd und lächerlich erscheinen“.
Also wie steht es um die Meinungsfreiheit? „Schon okay“ beantwortete Deniz Yücel die Frage von Ludger Engels gleich zu Beginn, „aber es könnte besser sein“. Wichtig ist: „Man muss sie praktizieren.“
