Filmakademie Ludwigsburg „Ludwigsburg war eine Zwischenheimat “

Von Claudia Mocek
Thomas Schadt wird weiter als Dozent an der Filmakademie Ludwigsburg arbeiten. Foto: /Oliver Bürkle

Thomas Schadt war 20 Jahre Direktor der Filmakademie. Mit der BZ hat er über seine Zwischenheimat gesprochen und was er der Akademie wünscht. 

Der Film- und Theater-Regisseur, Produzent, Kameramann, Autor und Fotograf Thomas Schadt (68) hat sich nach 20 Jahren als Direktor der Filmakademie Ludwigsburg verabschiedet. Mit der BZ hat er über seine Zwischenheimat Ludwigsburg gesprochen, was er der Akademie nun wünscht und warum nichts spannender ist als die Realität.

Sie haben an der Filmakademie als Dozent angefangen, waren 20 Jahre Direktor und werden nun wieder Dozent.

Thomas Schadt: Ja, von 1995 an habe ich zehn Jahre an der Filmakademie in Ludwigsburg unterrichtet. Damals war sehr viel Unruhe im Haus, auch wegen meines Vorgängers. Dann kam die Frage auf, ob ich mir vorstellen könnte, Direktor zu werden. Ich war da 48 Jahre alt, hatte schon 20 Jahre lang Filme gemacht und war sehr viel unterwegs gewesen. Ich dachte mir, ich könnte vielleicht auch einmal einen Job machen, der sich auf einen Ort konzentriert, statt weiterhin ein unstetes Wanderleben zu führen. Das habe ich dann nach reiflicher Überlegung angenommen und habe es nicht bereut. Und jetzt trete ich wieder zurück in die zweite Reihe.

Fällt es Ihnen leicht, sich nun aus administrativen Fragen herauszuhalten?

Ja, ich habe an mir Ermüdungserscheinungen bemerkt – auch durch Corona und das ganze Krisenmanagement. Das fand ich eine extrem schwierige Phase, die mich sehr viel Kraft gekostet hat. Ich war froh, als sie vorbei war. Corona hat die Gesellschaft sehr belastet und sie hat nicht mehr so zusammengefunden wie zuvor – auch an der Filmakademie.

Gehen Sie jetzt erleichtert?

Teils, teils. Ich gehe erleichtert, weil man in der Funktion als alleiniger Geschäftsführer letztlich für alles verantwortlich ist, auch im juristischen Sinne. Und das ist natürlich schon ein Druck. Ich habe das 20 Jahre relativ unerschrocken gemacht. Aber ich muss sagen, wenn man sich da zu viele Gedanken macht, bleibt man vielleicht auch mal stecken. Man darf nicht ängstlich werden. Man ist dann auch mal froh, wenn das in andere Hände geht. Wenn ich meinen Nachfolger jetzt sehe, mit welcher Energie er an die Sache herangeht, dann sehe ich mich, wie ich vor 20 Jahren war. Aber nicht mehr, wie ich nach 20 Jahren bin.

Wie hat sich die Akademie in den letzten 20 Jahren verändert?

Man kann die Schule, so wie sie jetzt dasteht, nur noch bedingt mit der Schule von damals vergleichen. Es wurde schon immer viel Projektarbeit durchgeführt und die Dozierenden kamen aus der freien Praxis. Das habe ich konsequent fortgesetzt. Hinzu kam die Beschaffenheit als gemeinnützige GmbH, die mehr Beweglichkeit mit sich gebracht hat als eine klassische Hochschule.

Wir haben dann schnell auch Ideen aufs Gleis gebracht – lange Diplomfilme, szenische Filme mit dem SWR und der MFG. Dann haben wir den Jungen Dokumentarfilm verstetigt. Das kleine Fernsehspiel wurde stärker eingebunden. Dann kam das Serienformat mit ProSieben, Sat.1 und der UFA, die sich stark engagiert hat. Da herrschte eine gewaltige Aufbruchstimmung. Dann gab es Geld vom Land für High Definition in der HD-Offensive, da ging richtig was nach vorne und das hat natürlich Spaß gemacht.

Dann kam die ganze Entstehungsgeschichte der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg (ADK) dazu. Das hat mich ja von Anfang an begleitet. Der ganze Platz hier hat sich verändert. Der ehemalige OB Werner Spec, mit dem ich schnell befreundet war, hatte die Idee, gleich eine ganze Stadtsanierung mit ins Boot zu holen, und hat damals Sanierungsgelder vom Land akquiriert, um den Akademiehof zu gestalten.

... intensive Jahre?

Ja, die ersten fünf Jahre waren sehr intensiv und danach kamen die zehn doch komfortablen Jahre, in denen wir die Ideen umsetzen konnten und große Erfolge damit erzielt haben, auch international. Das war immer so eine Art Lebensversicherung für die kreativen Freiräume. Und dann haben wir ein Strategiepapier geschrieben und die Gelder sind bis Ende Ende 2019 bewilligt worden.

Und dann kam Corona.

Ja, und das war ein gewaltiger Bruch. Hinzu kamen danach der Krieg in der Ukraine und der ganze irrsinnige Krisenherd in Nahost. Aber auch wichtige neue gesellschaftliche Themen wie Nachhaltigkeit, Gleichstellung, Diversität, Inklusion und KI kamen hinzu. Alles zusammen hatte und hat großen Einfluss auf den Lehrbetrieb der Filmakademie, der sich den aktuellen Entwicklungen stetig anpassen muss.

Was steht jetzt für Sie an?

Ich begleite jetzt meinen Nachfolger erst einmal bis zum Sommer, dann habe ich meine Lehraufträge. Ich habe etliche studentische Projekte, die ich betreue. Ich habe zwei Kinder, die sind neun und elf Jahre alt, und die freuen sich darüber, dass sie mich jetzt mal die ganze Woche haben und nicht nur am Wochenende. Langweilig wird es mir bestimmt nicht.

Vermissen Sie das Filmemachen?

Nein, eigentlich nicht. Ich habe 60 Filme gemacht. Ich habe nicht mehr diesen Unruhedrang wie früher. Ich bin so viel gereist, ich war so viel unterwegs, und ich habe so viele Menschen kennengelernt. Ich konnte auch ganz viele tolle und privilegierte Projekte machen. Wenn ich jetzt noch mal ans Filmemachen denken würde, dann müsste das schon etwas sein, was wirklich passt und wozu ich Lust habe.

Gerade ist Ihre Fotoausstellung „Zwischenheimat“ im Ludwigsburg Museum zu sehen.

Das war ein tolles Angebot des Museums und des Kunstvereins. Ich bin 23 Jahre in Nürnberg aufgewachsen und habe anschließend 25 Jahre in Berlin gelebt. Ich habe dort eine Familie gegründet und dachte, dass ich dort irgendwann mal zu Grabe getragen werde. Aber das Leben erzählt sich unterschiedlich. Dann kam ich hierher, habe mich nach und nach von Berlin gelöst und meinen Weg nach Freiburg gefunden, wo meine jetzige Frau und unsere Kinder leben. Ludwigsburg war für 20 Jahre eine Zwischenheimat für mich. Aber eine, die es schon sehr gut mit mir meinte.

Sie haben mal gesagt, dass nichts spannender ist als die Realität – gilt das heute noch?

Das stimmt auf jeden Fall. Und deswegen musste ich hier auch ab und zu mal die Filmakademie verlassen. Das ist ja schon eine richtige „Film-Bubble“. Wenn es mir hier ein bisschen zu weltfremd wurde, bin ich mittags ins Marstallcenter gegangen, habe dort ein halbes Hähnchen gegessen und mir mal wieder die richtige Welt angeguckt.

Welcher Ihrer Dokumentarfilme war Ihnen am wichtigsten?

Das kann ich nicht sagen, dazu waren es zu viele. Es gibt Filme, die länger in einem nachwirken. Vielleicht eher künstlerische Filme wie der über den Fotografen Robert Frank. Später habe ich mich sehr stark mit politischen Zuständen auseinandergesetzt – wie beim Film über Helmut Kohl. Wenn man sich fünf Jahre lang mit so einer Persönlichkeit beschäftigt, macht das etwas mit einem. Und es war ein langer und ganz schwieriger Weg. Oder „Berlin, Sinfonie einer Großstadt!“ Das war noch mal so ein großes Herzensprojekt.

Der Film über den Amokläufer Robert Steinhäuser war auch ein ganz, ganz wichtiger Film, eine Auseinandersetzung mit der Frage: Was muss passieren, damit ein relativ unscheinbarer junger Mann so eine Tat ausführt? Das hat mich stark beschäftigt und ich habe dabei sehr viel auch über gesellschaftliche Zustände gelernt. Das war immer das Tolle an meinem Job, dass man immer etwas lernen konnte über die unterschiedlichsten Zustände von Gesellschaft.

Was brauchen Studenten von heute, hat sich das geändert?

Ich habe selbst Film studiert und manche Dinge sind gleichgeblieben. Man muss Utopien entwickeln und an Utopien glauben. Dann ist das Studium vorbei und man fällt auf den harten Boden der Realität. Dann muss man sich an den Möglichkeiten des Marktes reiben, daran hat sich nicht so viel verändert. Manches ist aber einfacher geworden: Es gibt viel mehr im Nachwuchsbereich als zu meiner Zeit. Auf der technologischen Seite gibt es durch die Digitalisierung und das ganze Streaming viele neue Möglichkeiten. Wobei ich da eher das Problem sehe, dass man darin auch ein bisschen ertrinken kann. Da war es bei uns damals einfacher – da gab es den analogen Film und das war’s.

Was geben Sie Ihrem Nachfolger Andreas Bareiß mit auf den Weg?

Dem sage ich: Du machst das schon. Andreas bringt viele Skills mit. Er hat einen juristischen Hintergrund, was in unserer jetzigen Zeit nicht verkehrt ist für den Job. Er hat hier studiert und einen Hintergrund als Produzent. Er hat vor allem eine gute Intuition für den Spirit dieses Hauses. Er ist wissbegierig und wird sich rasch einarbeiten. Er wird das gut machen, ich bin da sehr, sehr, sehr optimistisch.

Was wünschen Sie der Filmakademie für die Zukunft?

Dass sie ein geschützter Raum für kreative Entfaltung bleibt. Dafür haben wir hier gekämpft. Wir haben immer gesagt, dass Erfolg wichtig ist. Aber dahinter muss es diesen geschützten Raum geben, in dem man scheitern darf und in dem man sich frei entwickeln kann. Ich wünsche der Akademie, dass sie diskursfähig bleibt. Die Freiheit in der Kunst steht für mich ganz oben. Ich hätte mir als Student nicht reinreden lassen, wie ich meine Filme mache. Und das empfehle ich meinen Studierenden auch – sie sollen ihr eigenes Ding machen.

Vielen Dank für das Gespräch.

 
 
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