Turnschuhe unterschiedlicher Farben, luftige schwarze T-Shirts, eine schwarze Freizeithose und dazu 20 Minuten Verspätung. Was nach der Lässigkeit sehnsüchtig erwarteter Rockstars klingt, war das Resultat eines gesperrten Luftraums und fünf verloren gegangenen Koffern. Statt zum Stuttgarter Flughafen düste der Abholservice der Schlossfestspiele am vergangenen Sonntag spontan nach Zürich, um das siebenköpfige Ensemble „Philharmonix“ für das Gastspiel am Abend im Forum einzusammeln. Statt Anspielprobe gab es eine Kleidertauschbörse. „Das war gerade sehr amüsant in der Garderobe“, erzählte Klarinettist Daniel Ottensamer zur Begrüßung.
Forum Ludwigsburg „Wir spielen, worauf wir Lust haben“
Das Ensemble „Philharmonix“ eroberte das Publikum im Forum mit seiner virtuosen Einzigartigkeit. Als Zugabe spielte die Gruppe, deren Robe abhanden gekommen war, ein Weihnachtslied.
Spontanität bei der Auswahl
Die Setlist war im Vorfeld nicht bekannt, auch, weil die Musiker gern mal spontan entscheiden, was sie spielen. Und da geht es querbeet durch die Literatur: Jazz, Swing, Pop, Volksmusik und Kinderlieder. Auch „ernste“ Klassik ist dabei, das Genre, in dem die Meister, die sich „The Vienna Berlin Music Club“ nennen, eigentlich zuhause sind. Was die Stücke eint: Es sind Bearbeitungen bereits bestehender Werke, denn für die Besetzung eines Streichquartetts plus Kontrabass, Klarinette und Klavier gibt es keine Originalkompositionen – erst recht nicht genreübergreifend.
Und so ist es dem Talent und der Leidenschaft von Geiger Sebastian Gürtler und Cellist Stephan Koncz zu verdanken, dass die launige Combo ihr Repertoire auf den Leib geschrieben kriegt. „Wir spielen, worauf wir Lust haben“, ließ Moderator Ottensamer das Publikum wissen. Und wie das meistens so ist: Wenn die auf der Bühne richtig Spaß haben, springt auch der Funke auf die Zuhörer über. Mit jeder Nummer wurde der Applaus lauter, die johlenden Rufe frenetischer. Das mag an der fachlichen Extraklasse der Musiker liegen, an ihrem vielseitigen Repertoire, aber bestimmt auch an ihrer Lockerheit.
Und die zeigte sich nicht nur im – unfreiwilligen – Outfit, sondern auch in der Manier ihres Auftritts. Insbesondere der Österreicher Sebastian Gürtler gewann das Publikum mit seinen humorvollen Einlagen.
Fuchs liebt Henne
Höhepunkt des Abends war sein komponiertes Wiener Lied „Also, sprach das Füchslein“ über einen in eine Henne verliebten Fuchs, der sich fragt, wie er es hält mit der Erkenntnis „Liebe geht durch den Magen“. Stilistisch vom Feinsten, poetisch ein Gedicht und darstellend exquisit, war es die höchste Kunst der Unterhaltung. Dem Ludwigsburger Publikum präsentierte das vor fast 20 Jahren von Mitgliedern der Berliner und Wiener Philharmonikern gegründete Ensemble auch eine Auswahl baltischer und rumänischer Volkslied-Adaptionen, einen Swing über eine Chopin-Melodie, Drama und Dramatik auf Basis von Prokofjews Ballettmusik „Romeo und Julia“ und ihre Version von Queens „Don’t stop me now“. Innovativ und unkonventionell gehen sie zu Werke, bleiben dabei immer authentisch.
Und deshalb wunderte sich am Ende auch niemand mehr über „Hey, Pippi Langstrumpf“, denn schon gab es ein Weihnachtslied als Zugabe. Stück für Stück hatten sie das Ludwigsburger Festspielpublikum erobert, das bei stehenden Ovationen offenbar am liebsten gar nicht mehr nach Hause gegangen wäre. Mit ihrer entspannten Lässigkeit mischten „Philharmonix“ das oft steife Klassik-Konzert-Konzept gehörig auf. Warum erlauben sie sich das? Weil sie es können. Der Auftritt in Ludwigsburg gab ihnen wieder einmal recht.
