In Deutschland hat jeder zweite Mensch in der Kindheit oder Jugend körperliche Gewalt erfahren. 49,3 Prozent der Frauen sind als Minderjährige mindestens einmal geschlagen oder körperlich verletzt worden. Unter den Männern lag der Anteil sogar bei 51,7 Prozent. Diese Daten gehen aus der am vergangenen Dienstag veröffentlichten Dunkelfeldstudie mit dem Titel „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag“ hervor, für die zwischen Juli 2023 und Januar 2025 bundesweit 15.479 Menschen im Alter zwischen 16 und 85 Jahren befragt worden waren.
Frauen für Frauen Ludwigsburg „Social Media ist ein Schritt zurück“
Die psychische Gewalt, vor allem an Frauen, nehme zu, sagt Arezoo Shoaleh.
„Zahl ist nach oben geschnellt“
Arezoo Shoaleh ist die pädagogische Leiterin der Geschäftsstelle des Vereins Frauen für Frauen Ludwigsburg und zuständig auch für das Ludwigsburger Frauenhaus. Der Verein betreibt eine Fachberatungsstelle für Frauen, die unter häuslicher und auch sexualisierter Gewalt leben, bietet Präventionsangebote an und ist Teil der Interventionsstelle häusliche Gewalt. Diese wird nach einem Einsatz der Polizei beim Verdacht häuslicher Gewalt gerufen, um Hilfe für die Frauen – aber auch betroffene Männer – anzubieten.
„Seit 2006 waren es zwei Männer, die bei einem unserer Einsätze von häuslicher Gewalt im Kreis Ludwigsburg betroffen waren, beide haben unser Angebot des Beratungsgesprächs nicht in Anspruch genommen“, sagt Shoaleh. Dahingegen sind es insgesamt 500 Frauen, die die Fachberatungsstelle jährlich und über längere Zeit aufsuchen. „Diese Zahl ist in den letzten Jahren seit Corona nach oben geschnellt“, so Shoaleh.
Das liege aber nicht unbedingt an mehr Fällen der häuslichen Gewalt: „Frauen trauen sich immer mehr, sich Hilfe zu suchen, deswegen investieren wir viel in die Öffentlichkeitsarbeit und in Prävention.“. Aber, es sei auch ein Fakt, dass junge Frauen in größerer Zahl wieder einem falschen Männer- und Frauenbild unterworfen seien. Für Shoaleh sind vor allem Social-Media-Kanäle ein Hort für ein falsches und nicht gleichberechtigtes Verständnis von Sexualität und Beziehungen. „Social Media ist ein Schritt zurück für das Selbstverständnis von Frauen und die Gleichberechtigung von Mann und Frau“.
Hier würden überkommene Schönheitsideale, Begriffe wie Hausfrauendasein und „Frauchen“ idealisiert. „Es ist eine falsche Sozialisation, die in Social Media um sich greift“, so Shoaleh. Zudem seien auch die Zunahme von Gewalt und vor allen Dingen der Brutalität in der Gewalt einhergehend mit Social-Media-Inhalten.
Psychische Gewalt nimmt zu
Was zunehme sei auch die psychische Gewalt an Frauen, die sich nicht an blauen Flecken und gebrochenen Knochen beweisen ließe. Unterdrückung, Kontrolle, Kleinmachen des Selbstbewusstseins, Ausbeutung bis hin zur Unterwerfung könne man nicht fassen. „Wir haben viele Fälle, die an Depression leiden“, sagt sie. Durch Apps beispielsweise könnten Frauen kontrolliert werden, Überwachungskameras in Wohnungen zeichneten auf, was die Frau in Abwesenheit des Mannes mache. Umso früher die Opfer sich beraten ließen, umso mehr könne ihnen geholfen werden. Nur meistens kämen die Frauen, wenn sie schon voller Verunsicherung, krank und klein gemacht seien. „Mir glaubt doch eh niemand“ heiße es dann.
„Gewalt gegen Frauen ist kein Frauenthema, sondern ein gesamtgesellschaftliches“ sagt Shoaleh und meint damit, dass sowohl mit Jungen als auch Mädchen gearbeitet werden müsse. „Es ist der Umgang zwischen Männern und Frauen, der falsch ist und das Frauen- als auch Männerbild“, sagt Shoaleh. „Gewaltig verliebt“ heißt ein Präventionsprogramm, mit dem Frauen für Frauen an die Schulen geht.
