Frauenhandball SG BBM hat die Vergangenheit abgehakt

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Karolina Kudlacz-Gloc (rechts) freut sich zusammen mit Xenia Smits über ihren Treffer. Doch vor allem in der Abwehr machten die beiden SG BBM-Asse ein richtig starkes Spiel.⇥ Foto: Marco Wolf

Vor 15 Monaten hatte Bietigheim das Spitzenspiel gegen Dortmund noch sang und klanglos verloren. Doch seitdem hat sich bei der Spielgemeinschaft einiges getan.

Kevin Gerwin ist so etwas wie eine Glücksfee für die Bundesliga-Handballerinnen der SG BBM Bietigheim. Als der Spitzenreiter der Bundesliga im Mai letzten Jahres im Final Four in der Stuttgarter Porsche-Arena nacheinander die TuS Metzingen und Buchholz 08 Rosengarten aus dem Weg räumte und sich so den ersten Pokalsieg der Vereinsgeschichte sicherte, saß Gerwin genauso als Hallensprecher am Mikro wie am vergangenen Sonntag nur wenige Meter von der Porsche-Arena entfernt. Der 34-Jährige, der eigentlich als Hallensprecher bei den Rhein-Neckar Löwen tätig ist, sorgte beim Spitzenspiel zwischen den Bietigheimerinnen und Meister Borussia Dortmund in der Stuttgarter Scharrena für ordentlich Stimmung bei den 500 zugelassenen Zuschauern. Und Gerwin hatte offenbar aus seinem Fehler aus dem Final-Four-Turnier gelernt. Damals vergaß der Hallensprecher bei der Erwähnung des Namens Karolina Kudłacz-Gloc immer wieder den ein oder anderen Konsonanten, doch dieses Mal wusste sich Gerwin zu helfen und ließ kurzerhand das Publikum den Nachnamen der Bietigheimer Rückraumrechten hinausschreien.

Abgezockte Leistung

Ähnlich ausgebufft wie Gerwin präsentierte sich auch dessen Arbeitgeber auf Zeit, die SG BBM Bietigheim, im Spiel gegen ihre alte Nemesis Dortmund. Wie der Pokalsieger dem Deutschen Meister nach der knappen 14:12-Halbzeitführung im zweiten Durchgang enteilte und am Ende einen überraschend hohen 33:22-Heimsieg einfuhr, nötigt Respekt ab. Die Leistungssteigerung der Gastgeberinnen in Hälfte zwei erinnerte dabei ganz stark an ihren Auftritt im Supercup Ende August, als die SG BBM die Borussia beim 31:21 ähnlich distanziert hatte.

Dabei hatten sicher nicht wenige Zuschauer und womöglich auch Spielerinnen vor dem Anpfiff möglicherweise nicht den erfolgreichen Supercup, sondern eine ganz andere Begegnung der beiden Teams im Hinterkopf. Am 30. Oktober 2020 hatte Bietigheim den BVB nämlich in einer ganz ähnlichen Konstellation empfangen. Auch damals waren die deutschen Nationalspielerinnen erst wenige Tage zuvor von ihrer Auswahl zurückgekehrt, sieben bei Bietigheim, derer drei bei der Borussia. Auch damals waren coronabedingt nur 500 Zuschauer zugelassen, allerdings in der Ludwigsburger MHP-Arena. Und auch damals führte die SG BBM mit einem Spiel mehr vor den ebenfalls noch ungeschlagenen Dortmunderinnen die Tabelle an. So weit die Gemeinsamkeiten. Denn das Spiel im Oktober 2020 ähnelte dem Vergleich am Sonntag absolut nicht. Mit 22:28 gingen die Bietigheimerinnen seinerzeit baden.

Dass es diesmal anders ausging, hatte die Spielgemeinschaft vor allem dem Umstand zu verdanken, dass sie der Borussia im vergangenen  Sommer mit Kelly Dulfer und Inger Smits ihre beiden besten Spielerinnen abwerben konnte. Und auch wenn deren Vertreterin Alina Grijseels auf der Mitte wie schon damals im Zusammenspiel mit Kreisläuferin Merel Freriks erneut eindrucksvoll die Fäden zog, reichte das nicht aus, um die nun mit 20:0-Punkten an der Tabellenspitze liegende SG BBM zu besiegen.

Bietigheimer Luxusprobleme

Denn im Vergleich zur Startformation bei der bitteren Schmach vor 14 Monaten hat sich bei der SG BBM einiges getan. Mit der dänischen Rechtsaußen Trine Østergaard stand am Sonntag lediglich noch eine Spielerin zu Beginn auf der Platte, die auch schon damals dabei gewesen war. Antje Lauenroth, Luisa Schulze, Kim Naidzinavicius und Julia Maidhof rotierten zunächst allesamt raus. Xenia Smits kam in der Abwehr für Inger Smits.

„Wenn man sich die Bank von Bietigheim anschaut, sitzt da eine zweite erste Sechs“, zollte Eurosport-Expertin Isabell Klein dem breiten Kader des Pokalsiegers Respekt. „Die können im Training ein Bundesligaspiel locker simulieren“, schlug Kommentator Uwe Semrau in die gleiche Kerbe. Vor allem aufgrund dieser riesigen Qualität in allen Mannschaftsteilen schaffte es Bietigheim Dortmund den Zahn zu ziehen und die erste Niederlage nach 39 Bundesliga-Serien in Folge überhaupt zuzufügen. Doch trotz des Sieges ist der Weg zur dritten Meisterschaft noch lang. „Es wird keine Feier geben, dafür ist die Saison noch zu lang“, trat Xenia Smits schon gleich bewusst auf die Euphoriebremse. Und auch SG-Coach Markus Gaugisch hob verbal den warnenden Zeigefinger: „Wir müssen demütig bleiben. Denn wenn wir gegen Bensheim verlieren, war der Sieg gegen Dortmund nichts wert.“

 
 
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