Frauenwirtschaftstage in Ingersheim „Frauen können das auch“

Von Petra Neset-Ruppert
Diskutierten im Rahmen der Frauenwirtschaftstage in Ingersheim (von links): Cynthia Schönau, Kerstin Wulle, Markus Klohr, Bettina Scholz, Professorin Uta Meier-Gräwe und Simone Lehnert. ⇥ Foto: Oliver Bürkle

Diskussionsrunde im Ingersheimer Rathaus im Rahmen der Frauenwirtschaftstage: Teilnehmer sind sich einig, dass Care-Arbeit einen neuen Stellenwert erlangen muss.

Als eine „Exotin“ sieht sich  Ingersheims Bürgermeisterin Simone Lehnert, denn Frauen als Chefin im Rathaus seien immer noch keine Selbstverständlichkeit. „Das ist ein echtes Herzensthema“, begrüßte Lehnert am vergangenen Freitag das Publikum im Ingersheimer Rathaus. Eingeladen hatten das baden-württembergische Wirtschftsministerium und die Ingersheimer Gemeinde zu einem Vortrags- und Diskussionsabend zum Thema „Chefin – Barrieren und Brücken“ im Rahmen der Frauenwirtschaftstage.

Nachdem die emeritierte Professorin Uta Meier-Gräwe einen Vortrag (Infokasten) zum Thema Frauen in der Wirtschaft, und welche Barrieren es immer noch für sie gibt, gehalten hatte, diskutierten Bettina Scholz, Leiterin der Scholz GmbH, Markus Klohr, Pressesprecher beim Landratsamt, Kerstin Wulle, Hausdirektorin des Pflegeheims Karl-Ehmer-Stift in Ingersheim, Simone Lehnert und Uta Meier-Gräwe gemeinsam mit Moderatorin Claudia Mocek, Redaktionsleiterin der Bietigheimer Zeitung, darüber, welche Brücken jetzt gebaut werden müssten, um die Barrieren für Frauen, besonders in Führungspositionen, zu überwinden.

Weibliche Vorbilder

Es beginne mit der Problematik, dass es einfach an weiblichen Vorbildern  mangele. „Meine Mutter hat immer gearbeitet, deshalb gab es für mich keine andere Realität“, erzählt Lehnert. Markus Klohr, von  Moderatorin Mocek als „Quotenmann“ des Abends bezeichnet, sieht auch für Männer kaum passende Vorbilder: „Mein Vater war null daheim. Mein Vorbild für die Elternzeit war meine Frau.“

Gerade mit der Elternzeit gingen viele Herausforderungen einher. „Die Elternzeit von Männern ist bei uns etwas schwierig. Geht bei uns ein Meister für ein paar Monate in Elternzeit, fehlt uns die Fachkraft. Dann können bestimmte Arbeiten nicht erledigt werden“, erklärte Bettina Scholz.

„Egal ob männlich oder weiblich, es ist grundsätzlich schwierig, wenn jemand in Elternzeit geht. Es fehlen Fachkräfte. Für mich ist eines der größten Probleme, dass die Elternzeit nicht auf die Rente angerechnet wird“, argumentierte Kerstin Wulle.

Auch Meier-Gräwe sah einen großen Handlungsbedarf sowohl bei der Elternzeit als auch in der Umschulung potenzieller neuer Fachkräfte: „Da muss die Bundespolitik jetzt agieren.  Das sind keine Kosten, sondern Investitionen für die Zukunft.“

Die Arbeitswelt der Zukunft müsse neu aufgebaut werden. „Ich glaube, wir brauchen auch eine Männerquote“, überlegte Heimleiterin Wulle. Doch vor allem müssten die Pflegeberufe finanziell besser vergütet werden. Viele Männer, die nach einem Burnout zum Beispiel in der Pflege Praktika machten, landeten dann auch in diesem Berufsfeld. „Wir brauchen großangelegte Umschulungsprogramme“, forderte Professorin Meier-Gräwe. Gerade beim Blick auf den Wandel in der Automobilindustrie sehe sie Potenzial.

Appell ans Publikum

Weibliche systemrelevante Berufe waren vor nicht allzu langer Zeit unbezahlte Care-Arbeit (Betreuungs-, Pflege- und Hausarbeit). Die Wertschätzung sei jedoch immer noch nicht in die richtige Entlohnung eingeflossen. „Seid mal schön auch im Lohn bescheiden“, sei das Credo, gegen das sich Frauen wehren müssten, sagte Meier-Gräwe. „Wir müssen die Politik mit unserem Anliegen bombardieren. Wenn Pflegekräfte mehr verdienen sollen, müssen die Angehörigen mehr für die Pflege bezahlen. Da muss eine andere Finanzierung her. Dafür brauchen wir Sie alle, das schaffen wir nicht alleine“, appellierte Wulle an das Publikum.

Für die Zukunft sei eine reduzierte  Wochenarbeitszeit eine Möglichkeit, die Frauen aus der Care-Arbeit heraus in die Arbeitswelt zu bringen. „Kinderbetreuung ist dabei natürlich ein wichtiger Baustein, aber dass es zum Beispiel mehr Hauptamtsleiterinnen in 50 Prozentstellen gibt, die sich die Aufgaben teilen, ist absolut möglich“, fand Lehnert.

Aus dem Publikum kam die Rückmeldung, dass man den Appell mitnehme und die Frauen nun auch selbst etwas in Gang setzen könnten oder, wie Uta Meier-Gräwes Vater ihr zu sagen pflegte: „Frauen können das auch. Trauen Sie sich.“

 
 
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