Ein wahnsinnig lauter Alarmton kommt aus dem kleinen Gerät, das auf der Fensterbank steht. Überhören unmöglich. Es blinkt und surrt unablässig. Auf dem Display ist zu lesen: „H3 VU 1 Pers. ekl. Pkw, Bietigheim, Waldhof, 14.24.“ Jetzt aber schnell. Schlüssel schnappen und zum Auto sprinten. Das Herz rast, Hektik steigt auf, warum fahren die da vorne nicht schneller? Jetzt nicht die Nerven verlieren. Die Feuerwehrwache ist bereits in Sichtweite. Schnell parken und dann geht’s los.
Freiwillige Feuerwehr Bietigheim Mittendrin statt nur dabei
Die BZ wurde mit einem Funkmeldeempfänger ausgestattet und wie ein Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Bietigheim zu Einsätzen gerufen. Ein Selbstversuch, der Herzklopfen verursacht.
Die BZ hat für einen abgesprochenen Zeitraum einen tragbaren Funkmeldeempfänger der Freiwilligen Feuerwehr Bietigheim bekommen und durfte bei ausgewählten Einsätzen mitfahren. Schnell sein gehörte aber auch als stiller Beobachter dazu, warten konnte natürlich niemand auf das Eintrudeln der Redakteure.
Live dabei im Einsatzfahrzeug
Die Feuerwehrleute im Einsatzfahrzeug wirken trotz des Zeitdrucks und des schallenden Martinshorns ruhig. Abteilungskommandant Martin Oexle gibt dem Fahrer Zeichen, wo eine Lücke im Verkehr ist, die genutzt werden kann. Bei diesem Einsatz verhalten sich die Verkehrsteilnehmer vorbildlich. Es werden Rettungsgassen gebildet, Autos fahren zur Seite, um Platz zu schaffen. Das läuft nicht immer so reibungslos. An diesem Tag scheint aber jedem klar zu sein, dass es ernst ist.
Während der Laie bei den Abkürzungen auf dem Display des Piepers nur mutmaßen kann, lesen die Feuerwehrleute darin, dass es sich um einen Verkehrsunfall mit einer eingeklemmten Person handelt. H3 besagt, dass es ein Einsatz mit einer höheren Hilfeleistung ist. Ein Einsatz, bei dem das Team auf ernsthafte Verletzungen oder gar Tote treffen kann.
Vor Kurzem ereignete sich auf der Landesstraße 1107 zwischen Bietigheim-Bissingen und Löchgau ein Verkehrsunfall, in den fünf Personen verwickelt waren, darunter auch zwei Kinder, ein Mädchen und ein Junge. Ein 85 Jahre alter Fiat-Fahrer wollte, aus Richtung des Waldhofs kommend, nach links in Richtung Löchgau auf die L 1107 abbiegen. Vermutlich übersah er hierbei einen VW, der von Löchgau in Richtung Bietigheim-Bissingen unterwegs war. Er nahm dem 40-jährigen Fahrer die Vorfahrt, es kam zum Zusammenstoß.
Das Aufgebot an Rettungskräften vor Ort ist dementsprechend groß. Neben mehreren Feuerwehrfahrzeugen der Abteilungen Bietigheim und Bissingen sind auch Rettungsdienst und Polizei vor Ort. Sogar ein Hubschrauber der DRF-Luftrettung wurde hinzugezogen. „Bei einer eingeklemmten Person geht es nicht um Schnelligkeit allein. Man muss auch vorsichtig sein“, sagt Oexle und weiter: „Man muss zuallererst einmal Platz schaffen, um die Person aus dem Fahrzeug befreien zu können.“ Kurzerhand schieben Feuerwehrmänner den eingedrückten VW weg. Darin ist niemand mehr, die Insassen sind bereits außer Gefahr gebracht. Die Tür des Fiats, in dem der 85-Jährige eingeklemmt ist, kann geöffnet werden. Die Person war nicht eingeklemmt, wie zu Beginn vermutet, sondern eingeschlossen.
In Zusammenarbeit mit dem Rettungsdienst wird der Mann auf eine Liege befördert und zur medizinischen Untersuchung gebracht. „Die Absprache mit Notarzt und Rettungsdienst ist entscheidend“, sagt Aline Kugler. Die Feuerwehrfrau muss es wissen, denn sie engagiert sich nicht nur seit zwei Jahren bei der Wehr, sie ist im Hauptberuf Auszubildende im Rettungsdienst.
Nur leichte Verletzungen
Die beiden Erwachsenen im VW, der 40-jährige Fahrer und seine 35-jährige Beifahrerin, haben, ebenso wie der 85-Jährige, nur leichte Verletzungen erlitten, teilt die Polizei im Nachhinein mit. „Zum Glück gab es die Kindersitze“, sagt eine Mitarbeiterin der Luftrettung. Ein Feuerwehrmann berichtet, dass beide Sitze durch den Unfall beschädigt wurden, ihre Aufgabe aber ausgezeichnet erfüllt hätten. „Das ist noch einmal glimpflich ausgegangen“, sagt er. Die Kinder blieben unverletzt. „Hauptsache ist, dass die Patienten versorgt werden. Nun liegt der Fokus darauf, die Straße so schnell wie möglich freizugeben“, erklärt Kugler. Und ja, der Verkehr staut sich in beide Richtungen soweit das Auge reicht.
Polizeibeamte nehmen den Unfall auf, dokumentieren ihn durch Fotos aus allen Blickwinkeln. Die Feuerwehr klemmt die Batterien der Autos ab, um Entzündungen oder Ähnliches zu vermeiden. Einige Feuerwehrmänner schieben die beiden Unfallautos zur Seite. Der Abtransport erfolgt später durch einen Abschleppdienst. Jetzt gilt es noch die Fahrbahn zu säubern. Aus einem Kanister wird ein Pulver auf die ausgelaufenen Flüssigkeiten auf der Fahrbahn gestreut. „Das ist Ölbindemittel“, sagt Kugler. Das müsse nun nur noch zusammengefegt werden und könne dann problemlos entsorgt werden.
„Das lief jetzt alles sehr entspannt“, sind sich die Feuerwehrleute auf der Heimfahrt einig. Dass ein so großes Aufgebot an Helfern ausgerückt ist, wirkt übertrieben, sei aber Standard, wenn ein so schwerer Verkehrsunfall gemeldet wird. „Letztendlich entscheidet die Leitstelle, wie viele ausrücken“, sagt Kugler.
Behinderungen durch Baustelle
Massive Probleme habe die Bietigheimer Wehr durch die Mammutbaustelle auf der B 27, berichtet Gruppenführer Christian Mauch: „Durch die Baustelle hat man eigentlich nur die Wahl zwischen schlechten Optionen.“ Oftmals seien die Straßen so verstopft, dass die Einsatzfahrzeuge nicht durchkämen. Da müsse auch mal einer der Feuerwehrler aussteigen und die Autofahrer einweisen, sodass das Einsatzfahrzeug passieren kann.
Auch wenn der beschriebene Einsatz für die Wehr routiniert ablief, „angespannt ist man immer. Man weiß vorab nicht, was einen wirklich erwartet“, sagt Oexle. Dass im Ernstfall alles so koordiniert abläuft, liege daran, dass alles nach Rang läuft, erklärt Kugler. Je nach Rang werde entschieden, was gemacht wird, „und wir setzen das dann um“, sagt sie. Vor Ort sind die Ränge an den farbigen Westen ablesbar. Der Einsatzleiter trägt eine gelbe Weste, der Zugführer eine grüne, der Gruppenführer eine blaue et cetera. Es wird dabei zwischen dem Ausbildungsstand und der Funktion im Einsatz unterschieden. Die Farbwahl ist in ganz Baden-Württemberg übrigens einheitlich.
Mit der Rückgabe des Funkmeldeempfängers endet die Zeit der BZ im Dienst der Feuerwehr. Das Fazit ist eindeutig: Unfassbar, was die Frauen und Männer bei der Freiwilligen Wehr bereit sind zu leisten. Alleine am beschriebenen Einsatztag ist die Abteilung Bietigheim fünf Mal ausgerückt – zu Brandmeldealarmen, Türöffnungen und dem glimpflich verlaufenen, schweren Unfall. Beim Ertönen des Martinshorns bekommt der eine oder andere BZ-Redakteur sogleich wieder Herzklopfen.
