Freudental Einst die Heimat vieler Juden – heute Erinnerungsort

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In das später Judenschlössle genannte Gebäude in der heutigen Strombergstraße zogen 1723 die ersten sechs jüdischen Familien ein. Damit begann das jüdische Leben in Freudental Foto: /Martin Kalb

1723 wurde es den ersten Juden durch einen Schutzbrief erlaubt, sich in dem kleinen Ort anzusiedeln und ihre Religion auszuüben.

Zahlungskräftige neue Bürger holte sich die Zobelsche Herrschaft 1723 nach Freudental. Durch einen Schutzvertrag mit Seligmann Wolffen, einem Juden aus Flehingen bei Karlsruhe, legt der Verwalter des Ortes Freudental die Basis zur Geschichte der Juden, die fast 300 Jahre währen sollte. Seligmann Wolffen kam mit sechs Familien und 100 Personen und bezog das baufällige Oberschloss, zu dem die Freudentaler Judenschlössle sagen, das auch heute noch gegenüber der ehemaligen Synagoge steht.

Freudental wurde Vorbildfür andere Orte

Was für Freudental eine rein monetäre Sache war, bedeutete für die Juden, endlich eine feste Heimstatt gefunden zu haben. Der Schutzbrief garantierte ihnen freie Religionsausübung, den Schabbat, die Errichtung einer Synagoge, einer Mikwe und eines Friedhofs. Der Freudentaler Vertrag wurde zum Vorbild für spätere Schutzbriefe für Juden in Jebenhausen, Buttenhausen und Hochberg. Die Geschichte der Freudentaler Juden hat Theobald Nebel 1989 aufgeschrieben.

Nötig waren solche Verträge, weil den Juden seit 1477 nicht mehr erlaubt war, sich in Württemberg anzusiedeln, sie durften nur zu Handelszwecken das Land betreten, wohnen durften sie nicht darin, durften keinen Grundbesitz haben und nichts mieten und wurden verjagt. Da kam ein Angebot wie aus Freudental gerade recht. Für den Schutzbrief mussten die Juden eine Pro-Kopf-Abgabe bezahlen, „das war finanziell sehr interessant“, sagt Alexander Fleig, heutiger Freudentaler Bürgermeister. Das gab mehr Geld für den Herrn Zobel von Giebelstadt, dem der Ort gehörte und zog jüdische Familien, meist Händler, nach Freudental.

Von Grävenitz holtnoch mehr Juden

Auch die Gräfin Wilhelmine von Grävenitz, für die 1731 das Freudentaler Schloss gebaut wurde, sah diese Vorteile für den Ort. 1729 erweiterte sie den Vertrag mit den Juden, sodass die jüdische Gemeinde wuchs. Mitte des 19. Jahrhunderts waren fast die Hälfte des 800 Einwohner zählenden Ortes Juden. So groß war die Gemeinde, dass sie einen eigenen Rabbiner bekam und eine eigene Schule. „Die Juden waren voll in die Freudentaler Gesellschaft integriert“, sagt Michael Volz, kultureller Leiter der Pädagogisch-Kulturellen Centrums Ehemalige Synagoge, dessen Institution das jüdischen Erbe verwaltet.

1864 wurden die Juden per Edikt gleichgestellt. Nun konnten sie Freudental verlassen und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, was auch viele taten. Die Gemeinde wurde kleiner. Anfang des 20. Jahrhunderts lebten keine 100 Juden mehr in Freudental, und diese Zahl reduzierte sich bis 1933 auf 50. Denn die Gemeinschaft hatte einen weitsichtigen Lehrer, Simon Meißner, der vor dem nahenden Unglück warnte, das in Gestalt der Nationalsozialisten erschien. „Er hat einen großen Anteil daran, dass viele Freudentaler Juden überlebt haben“, so Volz. Meißner organisierte einen Kindertransport nach England und half ausreisewilligen Juden sich vorzubereiten. Auch die Stimmung in Freudental änderte sich. Die Jüdin Margot Stein erzählte, dass sie in einer Nacht noch bei ihrer christlichen Freundin übernachtete und diese am Tag darauf die Straßenseite wechselte, nachdem sie in den Bund Deutscher Mädels eingetreten war.

Am 10. November 1938, einen Tag nach der Reichspogromnacht, kam die Ludwigsburger SA auch nach Freudental, schändete die Synagoge, beraubte und schlug Juden und wollten auch die Synagoge niederbrennen. Doch da schlugen die Nachbarn Alarm, aus Sorge, das Feuer würde dann auf andere Häuser übergreifen, so Volz. 1942 wurde die letzte Jüdin aus Freudental deportiert. 14 Freudentaler Juden wurden in Konzentrationslagern ermordet.

PKC übernimmtdas jüdische Erbe

Das jüdische Leben in Freudental war damit beendet. Die Synagoge erfuhr die verschiedensten Nutzungen, sie war Sporthalle oder Lagerraum. In den 1970er-Jahren entstand durch den Talheimer Heimatforscher Theobald Nebel, der die Geschichte der Juden in Freudental erforschte, ein Träger- und Förderverein für die Synagoge. Der Landkreis kaufte dann 1985 das Gebäude und die Judenschule. Es entstand das Pädagogisch-Kulturelle Centrum Ehemalige Synagoge (PKC) als Institution, die die Erinnerung an das jüdische Leben bewahren soll.

 
 
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