Ohne Leinwand, ohne Technik, nur mit der Macht seiner Worte zog Revierförster Burkhard Böer am Dienstagabend rund 50 Zuhörer im voll besetzten Bürgerhaus Alte Kelter in seinen Bann. Eingeladen hatten die Gartenfreunde Freudental. Fast zwei Stunden lang entführte Böer sein Publikum auf eine Zeitreise durch die Geschichte der heimischen Wälder und machte klar: Der Wald, wie man ihn kennt, ist das Werk unzähliger Generationen, die ihn beinahe zerstört hätten.
Freudental Geschichte unserer heimischen Wälder
Revierförster Burkhard Böer hielt am Dienstabend im voll besetzten Bürgerhaus Alte Kelter einen Vortrag über die heimische Waldgeschichte.
„Stellen Sie sich vor, hinter Ihnen stehen all Ihre Vorfahren, Generation für Generation“, malte Böer ein eindringliches Bild. „Sie alle haben den Wald geformt, den wir heute sehen.“ Mit dieser Vorstellung nahm er die Anwesenden mit in eine Zeit, in der der Wald die Lebensgrundlage schlechthin war.
Wälder waren völlig ausgezehrt
Doch dieses Erbe stand auf Messers Schneide. Durch intensive Nutzung für Energieholz und Praktiken wie die „Laubnutzung“, bei der die nährstoffreiche Laubstreu aus dem Wald geholt wurde, um das Vieh einzustreuen, waren die Wälder Ende des 18. Jahrhunderts völlig ausgezehrt und an den Rand des Kollapses gebracht.
Besonders drastisch zeigte sich das im Kleinsachsenheimer Wald: Alte Aufzeichnungen berichten, dass er so kahl geschlagen und ausgeplündert war, dass es dort nicht einmal mehr zu Holzdiebstählen kam. Schlicht, weil nichts mehr zu holen war. Ein scharfer Kontrast zu unserer heutigen Vorstellung von nachhaltiger Waldbewirtschaftung.
Böer spannte dabei den Bogen weit: Von großen erdgeschichtlichen Ereignissen, die auch unsere Region und den Umgang mit dem Wald prägten, bis hin zu den Gefahren menschlicher Übernutzung. Seine Botschaft war eindeutig: Ohne die Weitsicht und das verantwortungsvolle Handeln mancher Förster aus vergangenen Jahrhunderten hätte man heute keinen Wald mehr vor Ort.
Einer der waldärmsten Kreise
Dass der Landkreis Ludwigsburg heute zu den waldärmsten Kreisen Baden-Württembergs zählt, liege aber vor allem an den exzellenten Böden, erklärte der Förster. Der Ackerbau war stets profitabler und verdrängte die Bäume.
Doch die verbliebenen Waldgebiete sind ein reiches Geschichtsbuch. Böer, zuständig für die Wälder um Bönnigheim, Kirchheim und Freudental, schlug gekonnt den Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart. Er lüftete Geheimnisse hinter alten Gewann-Namen und erklärte, warum Linden oft bei Weinbergen gepflanzt wurden: Ihr reißfester Bast war das ideale Material, um die Reben anzubinden. Auch Flurnamen wie „Kühweg“ oder „Geishäuslesweg“ verraten Geschichten, sie erinnern daran, dass früher Kühe und Ziegen in den Wald getrieben wurden. Vor allem die Ziegen setzten den Beständen stark zu und fraßen die Vegetation oft bis auf den letzten Halm kahl.
Ehemaliges Forstgefängnis
Als besonders markantes Beispiel für die damalige Zeit diente zudem das ehemalige Forstgefängnis in Bönnigheim, dort zu finden, wo heute die Vinothek am Schloss ist. In einer Epoche, als Holz ein überlebenswichtiger und knapper Rohstoff war, landeten hier Menschen im Arrest, die sogenannten „Waldfrevel“ begingen. „Das war in erster Linie der Diebstahl von Holz – ein Problem, was es im Übrigen bis heute noch gibt“, führte Böer aus. Das Gefängnis zeugt somit von der großen Bedeutung des Waldes.
Böers lebendige Erzählungen voller überraschender Zusammenhänge sorgten für einen ebenso lehrreichen wie unterhaltsamen Abend. Die Besucherinnen und Besucher verließen die Alte Kelter mit dem Verständnis, dass der Wald ein fragiles, von Menschenhand geschaffenes Erbe ist – und mit einem geschärften Blick für die Spuren der Ahnen zwischen den Bäumen.
