Mendi Rabinowitz aus Haifa leitet eine der wenigen Schulen in Israel, an der arabische und jüdische Schüler und Lehrer gemeinsam lernen. In Israel ist er eine prominente Persönlichkeit, er tritt seit Jahren für eine offene Gesellschaft ein. Mitte Mai ist Rabinowitz laut Mitteilung mit einer Gruppe von drei jüdischen und drei arabischen Lehrkräften nach Deutschland gekommen und hat im Pädagogisch-Kulturellen Centrum ehemalige Synagoge Freudental (PKC) Schüler der Max-Eyth-Schule getroffen. Begleitet wurden die deutschen Schüler und Lehrkräfte von Anne Gsell, Schulleiterin der Max-Eyth-Schule, und von Claudia Rugart, der Abteilungspräsidentin für Schule und Bildung am Regierungspräsidium Stuttgart (RP).
Freudental „Man muss ständig sehr sensibel sein“
Im Pädagogisch-Kulturellem Centrum ehemalige Synagoge Freudental diskutierten jüdische und arabische Lehrkräfte aus Israel mit Schülern der Max-Eyth-Schule Stuttgart.
Auf die Frage, wie sie den Angriff der Hamas am 7. Oktober erlebt habe, antwortet die jüdische Lehrerin Inbar aus Haifa: „Es war sehr, sehr gruselig. Zwei Tage lang war wirklich alles geschlossen und alle Menschen daheim. Schulen, Kindergärten und Läden, alles war zu, und wir hatten große Angst.“ Ihr Kollege Munder, ein arabischer Lehrer, ergänzt: „Die Schulen blieben 14 Tage geschlossen. Seitdem ist es schwer als arabischer Lehrer zu arbeiten. Es gibt ohnehin nur sehr wenige Schulen an denen auch arabische Lehrer arbeiten, nicht nur Jüdinnen und Juden. Jetzt muss man ständig sehr sensibel sein im Umgang mit den Schülern.“ Er habe Familienangehörige in Gaza, die arabische Christen sind. Er habe aber keinen Kontakt zu seinen Angehörigen, auch nicht per Textnachricht, das wäre zu riskant.
„Viele Leute sind von leeren Slogans verblendet“
Der 18-jährige Lennart besucht die zwölfte Klasse. Vergangenes Jahr war er im Rahmen eines Schüleraustausches der Max-Eyth-Schule in Haifa. Jetzt fragt er die Lehrer aus Israel, ob sie von den pro-palästinänsischen Demonstrationen in Deutschland gehört haben. Tamar, eine christliche Israelin, ist darüber informiert: „Pro-Hamas Aktionen beängstigen mich schon, nicht aber Pro-Palästina-Aktionen. Die Palästinenser kämpfen für eine legitime Sache. Allerdings werde ich als Christin von diesen Menschen auch nicht respektiert.“ Sie bittet die Schüler der Max-Eyth-Schule in der Gesprächsrunde um Offenheit und Bewusstheit: „Viele Leute sind von leeren Slogans verblendet, die sie eigentlich gar nicht verstehen. Ihr wisst, wohin euch die sozialen Medien bringen können. Zum Beispiel wissen die Leute gar nicht, was es bedeutet, wenn in den sozialen Netzwerken der Slogan ,Free Palestine‚ und ,From the River to the Sea’ geteilt wird. Gemeint ist damit ein Palästina vom Jordan bis zum Mittelmeer - also …“ Tamar zuckt mit den Schultern und bringt ihren Satz nicht zu Ende. Der Slogan beschreibe das Ende des Staates Israel und die Herrschaft Palästinas über das bis jetzt israelische Territorium.
Rona, ihre jüdische Kollegin, ergänzt: „Die Leute in Gaza und im Westjordanland verdienen es, eins zu werden und einen eigenen Staat zu haben. Aber die Hamas muss demilitarisiert und entwaffnet werden.“ Über die Veränderungen in der israelischen Gesellschaft seit dem Überfall der Hamas berichtet sie, es gehe ein Riss durch das Land, durch Freundeskreise und sogar durch die Familien. „Alle werden extremer in ihren Meinungen. Die israelische Gesellschaft driftet seit dem 7. Oktober politisch nach rechts. Aber die Politiker sind alle Feiglinge, niemand hat die langfristige Perspektive im Blick, kein Politiker möchte Verantwortung für die Zukunft unseres Landes übernehmen“, so die jüdische Lehrerin. Es gehe nur noch um siegen und töten, die Ereignisse des 7. Oktober rechtfertigten jetzt Rache und Militärdienst. Waffen könne man zur Verteidigung oder zum Angriff nutzen.
Religion und Staat untrennbar verbunden
„Könnte Jerusalem ein neutraler Staat werden?“ fragt Finn, der ebenfalls beim Schüleraustausch dabei war. „Es wäre ein Traum wenn Jerusalem eine neutrale Zone werden könnte. Aber für die Moslems ist Jerusalem ihre ewige Stadt und für die Juden ist Jerusalem genauso wichtig. Die Politisierung der Religion ist toxisch“, antwortete Tamar. Sie erzählt, dass Christen, Juden und Moslems in Israel wenig Berührungspunkte haben. Ehen zwischen Angehörigen verschiedener Religionen seien schlecht angesehen und auch die meisten Schulen nähmen nur Schüler und Lehrer einer Religion auf. Religion und Staat seien in Israel untrennbar verbunden.
Abschließend lobte RP-Abteilungspräsidentin Claudia Rugart die Schüler des Beruflichen Gymnasiums der Max-Eyth-Schule: „Wir haben sehr kluge Schüler.“ Rugart ist ehrenamtliche Projektleiterin bei SCORA (Schools Opposing Racism and Antisemitism) und hatte die Kontakte zu den Israelis geknüpft.
„Nach diesen Gesprächen kann ich unsere eigene Demokratie viel mehr schätzen“ sagt die 18-jährige Schülerin Alisa auf dem Heimweg. „Ich fand es interessant dass es in Israel kein Grundgesetz wie in Deutschland gibt, deshalb stehen die Menschenrechte dort auch nicht in der Verfassung.“ bz
