Den Traum Fußballprofi zu werden haben viele Jungen. Auch Sven Schimmel will es mal bis in die Bundesliga schaffen. Bereits im Alter von zwölf Jahren wechselt er in die Jugend des VfB Stuttgart und kommt seinem Traum dabei immer näher. Unter Trainern wie Rainer Adrion, Reiner Geyer und Jürgen Seeberger spielt er drei Jahre lang in der zweiten Mannschaft des VfB in der 3. Liga und darf auch Trainings bei den Profis absolvieren. Als es für den Durchbruch bei der Stuttgartern nicht ganz reicht, wechselt er zum Drittligisten SV Wehen Wiesbaden. Dort etabliert er sich als Stammspieler und erhält Angebote aus der zweiten Liga. Doch trotz vielversprechendem Karriereverlauf entscheidet er sich dafür, nach 108 Drittligaspielen seine Profikarriere zu beenden.
Fußball Besondere Rückkehr ins Profigeschäft
Nachdem Sven Schimmel aufgrund mentaler Probleme seine eigene Profikarriere beenden musste, arbeitet der frühere Spieler der SGV Freiberg nun als Mentalcoach im Profifußball.
Mentale Last wurde zu groß
„Ich war ein sehr sensibler Spieler und habe mir immer sehr viel Druck gemacht“, erinnert sich Sven Schimmel zurück. „Schon in Stuttgart und dann auch in Wiesbaden habe ich mir mental ein tiefes Loch mit Selbstzweifeln geschaufelt, aus dem ich einfach nicht mehr herausgekommen bin.“ Sportpsychologie habe damals noch kaum eine Rolle im Fußball gespielt. Der junge Fußballer sieht es daher als einzig logische Konsequenz, die eingeschlagene Profikarriere zu beenden. „Als Spieler habe ich gar nicht hinterfragt, ob ich etwas ändern oder daran arbeiten könnte“, schildert Schimmel das Dilemma. „Man muss immer berücksichtigen, dass ich richtig gute Leistungen gezeigt habe. Es war eine aufstrebende Karriere, aber ich habe es mental in der Situation damals einfach nicht geschafft.“
Nach seinem Abgang aus Wiesbaden stand für den gebürtigen Reutlinger im Juni 2013 fest: „Mit dem Profifußball möchte ich nichts mehr zu tun haben!“ Stattdessen schrieb Schimmel sich an der Hochschule für Medien in Stuttgart ein, um ein Studium der Medienwirtschaft einzuschlagen. Erst als ihn ein ehemaliger Mitspielerfragte, ob er nicht in der Oberliga für den SSV Reutlingen spielen wollte, entscheidet sich Schimmel dafür, die Fußballschuhe wieder zu schnüren. Weil aber die Priorität nun auf dem Studium lag, war auch der Druck und Anspannung plötzlich weg.
Freude am Spiel kehrt zurück
Der Spaß und die Freude am Fußball stellte sich bei Sven Schimmel wieder ein. „Nach dem ersten Jahr in Reutlingen habe ich mich in der Sommerpause darauf gefreut, dass es wieder losgeht“, schildert Schimmel. „In den Sommern davor konnte die Pause aus mentalen Gründen gar nicht lang genug sein.“
Nach zwei Jahren in Reutlingen wechselte Schimmel im Juni 2015 zum SGV Freiberg. Dort geriet er in eine sportlich schwierige Situation. Mit vier unterschiedlichen Trainern in der Vorrunde stiegen die Freiberger aus der Verbandsliga ab. „Ich hatte vier sehr schöne Jahre in Freiberg. Aber mein erstes Jahr dort war extrem wild“, schildert Schimmel schmunzelnd. „Die Mannschaft an sich war toll. Aber auf dem Feld waren wir einfach ein Sauhaufen und sind zurecht abgestiegen.“ Menschlich sind es aber wertvolle Jahre für Schimmel gewesen. Denn es entstehen Freundschaften zu David Kienast, Michael Deutsche, Thomas Gentner und Marcel Sökler.
Zum Coaching kam der heute 35-Jährige eher zufällig. „Ich bin da reingerutscht und hatte das nie als Ziel verfolgt“, schildert Schimmel. „Als ich meine Erlebnisse zu Papier bringen wollte, habe ich einen anderen Spieler kennengelernt, der auch gerade ein Buch geschrieben hat – für sein Coaching. Zwei Wochen später saß ich dann schon in der Mentalcoaching-Ausbildung.“
Es sei bezeichnend, dass er das Thema Coaching während seiner aktiven Zeit gar nicht auf dem Schirm hatte. Obwohl er sich für den Bereich Persönlichkeitsentwicklung sehr interessiert hat.
„Als ich mich selbstständig gemacht habe, wusste ich auch nicht, ob das wirklich funktioniert“, erzählt der Ex-Profi. „Es war damals immer noch ein Thema mit vielen Tabus.“ Mittlerweile habe sich vor allem die Offenheit der Spielerinnen und Spieler verändert. „Der Fußball hinkt allgemein sehr hinterher, was das Thema angeht“, betont Schimmel. Das liegt auch daran, weil es ein System ist, das scheinbar funktioniert, viel Geld im Spiel ist und man dadurch weniger offen für Veränderung ist.“
Etablierter Mentalcoach
Was Sven Schimmel als Spieler einst gebraucht hätte, verkörpert er nun in seiner Arbeit als Mentalcoach. Über 250 Spielerinnen und Spieler, aber auch Trainer, Schiedsrichter und Teams aus den europäischen Top-Ligen hat er bisher mit seiner eigenen Agentur betreut. Die Nachfrage stimmt also. Zwar haben die Vereine Sportpsychologen angestellt, doch viele Spieler wünschen sich externe Unterstützung. Auch weil mentales Coaching noch immer als Schwäche ausgelegt wird. Mindestens sechs Monate arbeitet Schimmel mit Klienten zusammen. Doch er betont, dass es ein fortwährender Prozess ist. „Man kann auch nicht mal kurz mit dem Krafttraining anfangen und dann wieder damit aufhöre“, vergleicht er pointiert. Deshalb gibt es auch Profis, mit denen er seit nunmehr vier Jahren arbeitet – und für die er teils rund um die Uhr erreichbar ist. Seit dem vergangenen Jahr bildet Schimmer selbst Mentalcoaches aus.
Ob der Mentalcoach Sven Schimmer seinem jungen Spieler-Ich eine Hilfe gewesen wäre? „Das ist schwierig zu beantworten“, meint Schimmel. „Ich wäre aber auf alle Fälle mit einem besseren Gefühl auf dem Platz gestanden.“
