Fußball: Kritik an Fortsetzung der Drittliga-Saison SG Sonnenhof prangert Ungereimtheiten an

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Ab dem 16. Mai soll in den Drittliga-Stadien wieder der Ball rollen oder fliegen. Hier gewinnt Sonnenhof-Kicker Sebastian Bösel (rechts) im Heimspiel gegen Rostock ein Kopfballduell. ⇥ Foto: Avanti

Der Drittligist aus Aspach sieht die geplante Fortsetzung des Spielbetriebs kritisch und sorgt sich um die Gesundheit seiner Kicker.

Auf wenig Gegenliebe stößt bei der SG Sonnenhof Großaspach die Aussicht auf eine Fortführung der Drittliga-Saison 2019/20, die Mitte März aufgrund der Corona-Pandemie unterbrochen wurde. Am 16. Mai soll es wieder losgehen, dann allerdings mit Geisterspielen ohne Zuschauer. Noch elf Spieltage stehen auf dem Programm. „Aus unserer Sicht sind die Risiken zu groß und viele Dinge noch offen und fragwürdig“, sagt Andreas Benignus, der seit April 2018 Vorsitzender beim Dorfklub ist.

Am Montag hatte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) bei den Vereinen per Videokonferenz ein Meinungsbild eingeholt. Das Votum fiel denkbar knapp aus: Acht Klubs, darunter die baden-württembergischen Vertreter Großaspach und SV Waldhof Mannheim, sprachen sich für einen endgültigen Saisonabbruch aus, den sie bereits im Vorfeld in einem gemeinsamen Schreiben gefordert hatten. Zehn Drittligisten befürworteten hingegen die Wiederaufnahme des Spielbetriebs, die zwei weiteren enthielten sich. „Wir haben uns deutlich positioniert, denn wir sehen uns als Verein in einer gesundheitlichen und gesellschaftlichen Verantwortung. Die Gesundheit steht über allem – und das soll keine Worthülse sein“, bekräftigt Benignus.

Fürsorgepflicht als Arbeitgeber

Dass Fußball in der jetzigen Situation einen Sonderstatus erhalten soll, kann der 38-jährige Diplom-Kaufmann und dreifache Familienvater nicht verstehen. „Während eine Kontaktsperre gilt und etwa Kinder nicht vor das Haus gelassen werden sollen, stellen sich Spieler in eine Mauer oder liefern sich Zweikämpfe – das passt im gesellschaftlichen Kontext nicht zusammen. Und das sage ich als Sportler und absolut Fußballverrückter.“

Als Arbeitgeber habe der Verein zudem eine Fürsorgepflicht gegenüber seinen Mitarbeitern und speziell den Spielern, so der Klubchef weiter. Um eine Ansteckung mit dem Virus beim Sport zu vermeiden, hat der DFB den Vereinen zwar ein ausgeklügeltes Hygienekonzept an die Hand gegeben. Doch Corona ist nicht die einzige Gesundheitsgefahr für die Akteure. Die andere hat mit dem erhöhten Verletzungsrisiko zu tun. Die Zwangspause für die Sonnenhof-Kicker, die zurzeit noch in Kurzarbeit sind, währt bereits seit mehr als sechs Wochen. Nach einer Mini-Vorbereitung wartet dann gleich ein Hammerprogramm auf sie: Geplant ist, dass die Runde bis zum 30. Juni mit fünf englischen Wochen zu Ende gebracht wird. „Jeder Sportmediziner wird uns recht geben, dass dies mit einer solch kurzen Vorbereitungszeit aus medizinischer Sicht nicht zu verantworten ist, da das Risiko schwerwiegender Verletzungen enorm steigt“, sagt Benignus. Zum Vergleich: Die Sommerpause dauert gewöhnlich nur drei bis vier Wochen, ehe eine mindestens fünfwöchige Saisonvorbereitung folgt.

Eine weitere Ungereimtheit sind die unterschiedlichen Voraussetzungen, die die Vereine haben. In Baden-Württemberg sieht die aktuelle Rechtsverordnung vor, dass nur Erst- und Zweitliga-Profis in kleinen Gruppen trainieren dürfen. Für alle anderen gilt dagegen bisher das generelle Sportverbot, wovon auch die SG Sonnenhof und Waldhof Mannheim betroffen sind. Deren Spieler müssen sich individuell fit halten. Dasselbe gilt derzeit auch noch für sechs weitere Klubs in anderen Bundesländern. Bayern dagegen hat den Drittliga-Profis den Übungsbetrieb mit den entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen schon längst erlaubt. Der FC Ingolstadt befindet sich zum Beispiel seit dem 8. April wieder im Training, die Spvgg Unterhaching, wahrscheinlich der erste Großaspacher Gegner beim Wiederanpfiff, bereits seit dem 7. April. „Das ist eine Wettbewerbsverzerrung. Aufgrund der behördlichen Verfügungen ist bei uns auch weiterhin kein Platztraining erlaubt – auch nicht in Kleingruppen. Es macht ja einen großen Unterschied, ob sich Profis individuell durch Joggen fit halten oder auf dem Platz trainieren“, stellt Benignus fest.

Dieser Wettbewerbsnachteil wiegt umso schwerer, da es für die SG in der Liga ohnehin nicht gut aussieht. Mit 21 Punkten aus 27 Partien ist Großaspach Tabellenvorletzter. Der Rückstand zu einem Nichtabstiegsplatz beträgt schon zwölf Zähler. Vier Mannschaften müssten die Schwaben hinter sich lassen, um doch noch drittklassig zu bleiben. „Sportlich sind wir bis zu unserem Trainerwechsel zu Hans-Jürgen Boysen hinter den Erwartungen geblieben. Deshalb haben wir personell nochmals reagiert, um die Chance auf den Klassenerhalt noch zu wahren“, so Benignus. „Sollte es dann am Ende so sein, dass wir sportlich absteigen, dann gehen wir in der nächsten Runde eben in der Regionalliga an den Start.“

Gelder aus dem Solidarfonds der DFL werden für Corona-Tests verwendet

Aufgrund der in vielen Punkten noch unklaren Faktenlage lässt sich eine wirtschaftliche Prognose für die aktuelle Saison aus Sicht der SG Sonnenhof noch nicht verlässlich treffen. Bei einer Fortführung der Runde würden die Klubs zwar noch etwa 300 000 Euro aus der letzten Rate der Fernsehgelder erhalten. Im Gegenzug müssten sie aber komplett auf Zuschauereinnahmen verzichten. 300 000 Euro sollte jeder Drittligist eigentlich auch aus dem Solidarfonds der DFL bekommen – und zwar ohne Bedingungen, wie deren Geschäftsführer Christian Seifert erklärte. Aus dem 7,5 Millionen Euro umfassenden Topf sollen dem DFB zufolge nun aber zunächst die Corona-Tests in der Dritten Liga und Frauen-Bundesliga zentral bezahlt werden, die sonst die Vereine hätten tragen müssen. Die weiteren Ausschüttungen würden dann anteilig nach jedem Spieltag an die Klubs erfolgen. „Dies soll dabei helfen, die zu erwartenden Zusatzkosten und Einnahmeausfälle durch die Organisation des Spielbetriebs unter den besonderen Rahmenbedingungen von Spielen ohne Zuschauerinnen und Zuschauer zu decken“, heißt es in einer Verlautbarung des DFB. ⇥ae

 
 
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