Galerie Bietigheim-Bissingen „Flagschiff des Linolschnitts“

Von Gabriele Szczegulski
Sergei Moser gewann mit seinem Druck „1976, 2024“ den 13. Linolschnitt-Wettbewerb der Stadt Bietigheim-Bissingen. Foto: /Oliver Bürkle

Zum 13. Mal fand in der Städtischen Galerie der Kunstwettbewerb statt, der i der Kunstwelt als einmalig gilt. Die Ausstellung zeigt Gewinner, Juryankäufe und weitere Werke.

Seit 1989 hat sich der Wettbewerb „Linolschnitt heute“  der Stadt Bietigheim-Bissingen zu einem „Flaggschiff des Linolschnitts“ entwickelt, sagt die Leiterin der Städtischen Galerie, Isabell Schenk-Weininger. Es sei der einzige bekannte Druckwettbewerb, der sich einzig und alleine dem Linolschnitt widmet. Der Wettbewerb ist eine Hommage an den künstlerischen Werkstoff Linoleum, der in den Bietigheimer DLW-Werken hergestellt wurde.

In diesem Jahr bewarben sich 500 Künstler aus der ganzen Welt, 128 kamen in die Endrunde und wurden von der Jury, die aus Schenk-Weininger, der Bietigheim-Bissinger Kulturamtsleiterin Michaela Ruof, den Druckexperten Thomas Köllhofer und Marina von Assel sowie dem Künstler Sebastian Speckmann bestand bewertet. Drei Sieger wurden ermittelt, zudem weitere Ankäufe durch die Stadt ausgewählt sowie Werke, die in der Begleitausstellung gezeigt werden. 45 Künstler zeigen ihre Linolschnittdrucke bis zum 26. Oktober.

Zum Gewinner auserkoren wurde Sergei Moser mit seinem Druck „1976, 2024“. Der in Moldawien geborene Künstler, der sei seinem elften Lebensjahr in Deutschland lebt, überzeugte mit einem Werk, in dem er eine für sich ganz neue Formensprache entwickelte, wie Moser im Ausstellungsrundgang sagt. „Ich wollte was ganz anderes wie sonst machen“, so der Künstler, der schon vier Mal am Linolschnitt-Wettbewerb mit seinen bisher eher technischen Werken teilnahm.

Das Gewinnerwerk zeigt von ihm ausgesuchte Ereignisse seines Geburtsjahrs 1976 abseits der „kommunistischen Brille“, wie Moser erklärt. 1976 war Moldawien noch Teil der Sowjetunion. Da fand die Gründung von Apple statt und der militärische Putsch in Argentinien. In China verloren 250.000 Menschen ihr Leben bei einem Erdbeben. Moser hat das Mahnmal für die Opfer in sein Werk integriert. In Uganda gab es eine spektakuläre Entführung. „Ich habe versucht, die Ereignisse mit mir, im Jahr 2024, in Verbindung zu bringen.“ Moser hat seinen Linoldruck aus vielen einzelnen Linolschnittteilen zusammengestellt, wie ein stempelartiges Puzzle zusammengefügt – eine Sysiphos-Arbeit. „Ich liebe das Linoleum einfach, da ist mir keine Arbeit zu viel.“

Als zweite Siegerin wurde Olesya Dzhurayeva auserkoren, mit ihrem Antikriegswerk „Under the Pressure. Window of Hope“. „Auffällig ist, dass seit dem Corona-Wettbewerb 2022 die Werke immer politischer werden, damals wurde alles um Corona kommentiert, in diesem Jahr sind die Motive gesellschaftskritisch, gegen den Krieg oder bilden Krisen ab“, sagt Schenk-Weininger.

Werke wurden politischer

Da geht es in den Linoldrucken inhaltlich um die Unterdrückung der Frauen im Iran und deren Proteste, aber auch um historische Sündenfälle wie die Zwangsprostitution koreanischer Frauen durch die japanische Armee im Zweiten Weltkrieg oder um die Umweltverschmutzung. Vor 2023 sei das nicht so gewesen, da wäen die politischen Arbeiten in der Unterzahl gewesen, sagt die Galerieleiterin. Dzhurayevas Werk zeigt vor dem Ukraine-Krieg entstandene Ansichten von Kiew. Nun hat sie diese zusammengefügt und so mit einer schwarzen Farbe überdruckt, dass die Stadtansichten kaum erkennbar sind, aber doch zu erahnen. Nur in der Mitte hat sie ein kleines Fenster gelassen mit Blick aus ihrer eigenen Wohnung. Es soll einen Hoffnungsschimmer darstellen, das einmal alles wieder so wird, wie es war – friedlich.

Ein grafisches Universum

Ganz anders ist das dritte Siegerwerk und zeigt mit seiner Verschiedenheit, wie vielfältig die Ausstellung in der Galerie ist und wie unterschiedlich die Arbeiten. Gekürt wurde „Diskrete Symmetrien“ von Benjamin Dittrich. Es ist ein grafisches Universum. Er hat Abbildungen aus alten naturwissenschaftlichen Büchern der 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahre genommen und diese in einen farbenfrohen Druck umgewandelt. Dittrichs grafisches Werk hinterfragt die vermeintliche Objektivität wissenschaftlicher Darstellungen. Er zeigt, dass auch diese Bilder Konstruktionen sind, gebunden an die grafischen Konventionen ihrer Zeit.

Gebunden an die grafischen Konventionen oder eher den kommerziellen Konventionen sind heutzutage die Modefirmen in ihrer Werbung. Andreas Golczewski zeigt in „Samba“, wie Hersteller eine Marke austauschbar und vervielfältigbar machen, in dem sie sie in vielen Farben verkaufen. Eines altmeisterlichen Vorbilds, der „Nachtwache“ von Rembrandt bediente sich Anja Klafki, um in „Die Wache“ auf die Verschmutzung der Meere, Verendung von Tieren und Ausrottung von Pflanzen hinzuweisen. Die Ausstellung ist so vielfältig wie die Kunst an sich und zeigt dadurch Trends, künstlerische Haltungen und formale Entwicklungen auf.

 
 
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