Geschichte Pfizer-Konzern hat schwäbische Wurzeln

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Karl Pfizer (Mitte) und Karl Erhardt, die beiden Teilhaber von Pfizer & Co, mit Erhardts Mutter Wilhelmine Klotz bei einem Besuch um 1855 in der schwäbischen Heimat.⇥ Foto: BZ-Archiv

Mit dem Impfstoff von Biontech und Pfizer keimt Hoffnung im Kampf gegen Corona auf. Charles Pfizer, der Gründer des US-Pharmakonzerns Pfizer wurde 1824 in Ludwigsburg geboren.

Die Meldung über die hohe Wirksamkeit des Corona-Impfstoffs der deutschen Firma Biontech und des amerikanischen Pharmakonzerns Pfizer hat die Welt regelrecht euphorisiert. Tatsächlich hat Pfizer ebenfalls deutsche, um nicht zu sagen, sogar schwäbische Wurzeln. Der Firmengründer Karl Pfizer stammt aus Ludwigsburg.

Am 22. März 1824 wurde Karl Pfizer als fünftes Kind einer gut situierten bürgerlichen Familie in Ludwigsburg im Gebäude Schlosstraße/Wilhelmstraße geboren. Sein Vater war Konditormeister und Kolonialwarenhändler. Pfizer machte eine kaufmännische Ausbildung und erlernte zusätzlich als Apothekerlehrling den Beruf eines Feinchemikers. Pfizer hatte sich einen Teil seines Erbes ausbezahlen lassen und zugleich einen Kredit über 5000 Gulden bei seinem Vater aufgenommen. Dann begab er sich zusammen mit seinem Cousin Karl Erhardt, einem gelernten Konditor, 1848 auf die sechswöchige Reise nach Amerika.

Süße Hülle mit bitterem Kern

In Williamsburg (Brooklyn) kauften sich die beiden schwäbischen Cousins ein kleines schlichtes Backstein-Gebäude in der Bartlett Street. In dem Häuschen in der damals noch selbstständigen und hauptsächlich von Deutschen bewohnten Gemeinde am East River richteten die beiden Schwaben ein Büro, Lagerraum und ein kleines „Fabrikle“ für die Produktion von feinchemischen Erzeugnissen ein. Zunächst produzierten Pfizer und Erhard die Chemikalie Santonin, ein Mittel gegen parasitäre Würmer. Dieses Medikament schmeckte bis dahin eher unangenehm bitter. Bei Santonin aus dem Hause Pfizer war dies jedoch völlig anders. Pfizers Cousin Erhardt entwickelte als Konditor eine süße Hülle, in der der bittere Kern des Medikamentes steckte. Santonin entwickelte sich daraufhin zum Verkaufsschlager.

Die beiden schwäbischen Auswanderer Pfizer und Erhard hielten zeitlebens einen engen Kontakt in ihre schwäbische Heimat. Bei Geschäftsreisen in Europa machten beide häufig Halt in Ludwigsburg. 1856 heiratete Charles Erhard in Ludwigsburg eine Schwester von Charles Pfizer. Damit war Erhart zugleich auch Schwager seines Vetters Pfizer. Bei einem späteren Besuch in Ludwigsburg lernte Charles Pfizer Anna Hausch kennen und heiratete 1859 ebenfalls in Ludwigsburg.

Das Gebäude in der Bartlett Street war für die aufwärtsstrebende Firma bald zu klein. Im Stadtzentrum von Manhattan eröffneten die beiden Cousins 1857 ein neues Büro. Bis 1860 stellte das kleine Unternehmen Borax und Borsäure her und war damit der erste wichtige Produzent dieser Chemikalie in den USA. 1863 wurden Karl Pfizer und Karl Erhardt eingebürgert und hießen fortan mit Vornamen Charles. Durch Schutzzölle gegen importierten Weinstein begünstigt, begannen Charles Pfizer und Charles Erhardt mit der Herstellung des Cremor Tartari (Weinsteinrahm) aus Weinstein. Mit dieser Weinsäure wurden Wunden der Unions-Soldaten während des amerikanischen Bürgerkrieges behandelt. Pfizer und Erhardt vergrößerten rasch die Produktpalette ihres Unternehmens: Campher, Iod und Iodsalze, Borax, Weinstein, Seignettesalz, Ether, Chlorophorm und Quecksilberverbindungen kamen fortan aus dem Hause Pfizer. 1865 expandierte das Unternehmen auch räumlich und errichtete neben dem Stammwerk in Williamsburg eine Produktionsstätte in Manhattan.

 Pfizer beschäftigte 1876 bereits 150 Arbeiter und vier Chemiker. 1890 wandelten die beiden umtriebigen Vettern ihr Unternehmen in die Aktiengesellschaft „Charles Pfizer & Co“ um. 1891 starb Charles Erhardt. Charles Pfizer zog sich 1900 aus der Geschäftsleitung zurück. Er starb am 19. Oktober 1906. Charles Junior und Emile Pfizer sowie ein Sohn von Karl Erhardt leiteten nun die Firma. Das Unternehmen, das für seine kompromisslose Qualitätskontrolle bekannt war, expandierte weiter. In den 1930er-Jahren wurde Pfizer zum Spitzenreiter in der Fermentationstechnik. Dadurch war die Massenherstellung von Zitronensäure, beispielsweise für zitronensäurehaltige Limonaden wie Coca-Cola und Pepsi-Cola, möglich. Pfizer war 1923 der weltgrößte Zitronensäure- und Vitaminpräparate-Produzent. 1941 entwickelte die Pfizer-Forschung ein Verfahren zur großtechnischen Fermentierung des Penicillins. Pfizers Antibiotikum war 200-mal ergiebiger als das herkömmliche Penicillin. Ab 1944 belieferte Pfizer damit die halbe Welt.

Der Ludwigsburger Historiker Karl Moersch fand heraus, dass eine Enkelin von Charles Pfizer um die Jahrhundertwende nach Deutschland zurückkehrte und hochbetagt 1965 im Ludwigsburger Albert-Knapp-Pflegeheim in der Mühlstraße verstarb. Einen Teil ihres Vermögens vermachte sie damals dem Pflegeheim.

In den 1950er-Jahren suchte der amerikanische Pfizer-Konzern einen Produktionsstandort in Deutschland. Tatsächlich war damals wieder Ludwigsburg in der engeren Auswahl. Allerdings bot Karlsruhe ein günstiges Gelände an und bekam den Zuschlag. 1966 gab die deutsche Pfizer-Niederlassung den Anstoß, am Geburtshaus von Karl Pfizer eine Gedenktafel anzubringen, das 1972 aber abgerissen wurde.

Viagra aus dem Hause Pfizer

Spätestens 1998 stand der Pharmakonzern Pfizer weltweit im Rampenlicht. Damals erhielt Pfizer von der US-Gesundheitsbehörde die Genehmigung, das Medikament Sildenafil zu verkaufen. Eigentlich wollte Pfizer ein Medikament gegen Herzinfarkte und ähnliche Durchblutungsstörungen entwickeln. Die Wirksamkeit gegen koronare Erkrankungen konnte nicht bewiesen werden, stattdessen wirkte das Mittel bei den männlichen Probanden an völlig unerwarteter Stelle und führte zu Erektionen. Sildenafil, inzwischen besser bekannt unter dem Handelsnamen Viagra, war das erste Potenzmittel, das ein weiterer Riesenerfolg für Pfizer wurde.

Info Derzeit beschäftigt Pfizer nach Unternehmensangaben weltweit über 90 000 Mitarbeiter, davon 2500 in Deutschland. 2018 erzielte Pfizer Inc. einen Umsatz von 53,8 Milliarden US-Dollar. Das Unternehmen investiert in Forschung und Entwicklung etwa 8 Milliarden US-Dollar. Aktuell ist Pfizer der größte Pharmakonzern der USA. Bis 2018 war Pfizer der weltweit größte Pharmakonzern und wurde erst 2019 von Roche auf Platz zwei verdrängt.

 
 
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