Götz Reustle, langjähriger Vorstandschef der Besigheimer Felsengartenkellerei "Eis für Steillagen wird immer dünner"

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Steillagen-Weinbau am Hessigheimer Wurmberg. Die Anstrengungen für den Erhalt sind groß. Und dennoch steigt der wirtschaftliche Druck, weitere Flächen drohen verloren zu gehen, sagt Götz Reustle, langjähriger Vorstandschef der Felsengartenkellerei Besigheim.⇥ Foto: Martin Kalb

Götz Reustle war fast 14 Jahre Vorstandschef der Felsengartenkellerei. Im Gespräch mit der BZ äußert er sich zur Entwicklung der Genossenschaft und zu aktuellen Fragen des Weinbaus.

Im April 2007 hatte Dr. Götz Reustle sein Amt als Vorstandschef der Besigheimer Felsengartenkellerei angetreten,  Anfang Februar diesen Jahres hat er es an seinen Nachfolger Joachim Kölz übergeben. Im Interview mit der BZ äußert sich der 63-Jährige Reustle, der in der Genossenschafts-Kellerei nach wie vor engagiert und für einige Projekte zuständig ist, zu aktuellen Entwicklungen im Weinbau.

Herr Reustle, wie hat Corona die Felsengartenkellerei verändert?

Götz Reustle: Vor allem haben sich die Schwerpunkte in der Vermarktung geändert. Der Verkauf im Lebensmitteleinzelhandel hat sich sehr gut entwickelt, extrem gut lief die Vermarktung über unseren Online-Shop. Wir konnten auch den Verlust ausgleichen, den wir durch den Ausfall von Weinfesten und Messen erlitten haben. Statt auf Messen Kunden zu gewinnen, haben wir das sehr erfolgreich mit Mailings versucht. Insgesamt hat der Umsatz nicht gelitten. Keinerlei Nachteile hatten wir bei der Direktvermarktung ab Hof in Hessigheim. Aufgrund der touristischen Entwicklung in der Region wurde sogar ein Plus erreicht. Hofausschank und Verkauf waren immer geöffnet, wenn auch zeitweise nur zur Abholung. Was sich zwangsläufig geändert hat, ist die innerbetriebliche Organisation.

Welche Rolle nimmt der Wein aus dem Mittleren Neckartal in der Region ein und wie ist er in Deutschland positioniert?

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass sich die Qualität des Weins in den letzten Jahren über alle Betriebe, sei es Genossenschaft oder private Weingüter, sehr verbessert hat. Außerdem hat man begriffen, dass wir eine attraktive und beeindruckende Landschaft haben und vermarkten das auch mit. Wir haben begonnen, unser Rebsortiment anzupassen, das muss fortgesetzt werden. Es gibt immer noch sehr viele traditionelle Kunden, die ihren Trollinger-Lemberger oder Trollinger trinken. Für die jungen Leute aber brauchen wir neue Schwerpunkte, beispielsweise Weißer und Grauer Burgunder.

Kommen Sie denn mit ihrem Wein über die Grenzen Württembergs hinaus?

Das hat sich in den letzten Jahren bei uns im Haus wesentlich geändert. Wir sind in ganz Deutschland präsent, natürlich nicht flächendeckend. Wir sind in den Weinhäusern der deutschen Metropolen vertreten, in Hamburg, Berlin, im Ruhrgebiet, in München, in Frankfurt. Der Schwerpunkt liegt aber ganz deutlich in Süddeutschland, keine Frage. Insgesamt ist für Württemberger Wein nördlich der Mainlinie noch Entwicklungspotential.

Sie haben es bereits angesprochen: Die Steillagen sind Teil der Vermarktung, aber bei den Wengertern sind sie nicht sehr beliebt.

Eines gilt für alle Steillagen: Sie lassen sich nicht mehr wirtschaftlich bearbeiten. Der Arbeitsaufwand ist erhöht, die Trockenmauern müssen erhalten werden. Die Möglichkeiten der Mechanisierung sind eingeschränkt, die Bewirtschafter sind überaltet. Junge Winzer akzeptieren diese Situation nicht mehr und sind nicht mehr bereit, eine beschwerliche Arbeit zu leisten, die nicht auskömmlich ist. Zudem haben sich die Rahmenbedingungen verschlechtert, ein Beispiel sind die Auflagen für den Pflanzenschutz. Es hat auch mit den Sorten zu tun, die in den Steillagen stehen und die, wie beim Trollinger, einen Wechsel erfordern.

Im Mittleren Neckar sieht man in den Steillagen trotzdem kaum Brachen, wie man sie anderswo sieht. Woran liegt das?

Ein Grund ist die Förderung durch die Felsengartenkellerei, es gibt Zuschläge für Trauben aus Steillagen. Es gibt Unterstützung für den Wechsel der Sorten. Und es gibt die Fördermaßnahmen des Landes, die dazu beigetragen haben, dass die Wengerter noch etwas länger durchhalten und diese Weinberge weiter bewirtschaften. Insgesamt aber ist der Druck sehr groß, dass früher oder später gewisse Lagen aufgegeben werden müssen.

Warum sind junge Leute denn überhaupt noch bereit die Steillagen zu bewirtschaften und dort Wein zu erzeugen?

Die Wirtschaftlichkeit ist es jedenfalls nicht. Es gehört Nostalgie dazu, die Tradition, die Liebe zur Heimat und zu dieser besonderen Landschaft. Und der Wunsch, diese beeindruckende Kulisse zu erhalten. Doch das Eis wird immer dünner.

Ein Weg, den sie eingeschlagen haben, ist der Anbau hochwertiger Rebsorten. Sie beteiligen sich an Versuchen und kooperieren mit anderen Erzeugern. Das spielt sich aber immer noch eher am Rande ab. Müsste es nicht im Zentrum stehen?

Das wäre schön, aber solchen Projekten muss man Zeit geben. Erst wenn sie belastbare Perspektiven für den Wengerter aufzeigen, wird er bereit sein, sich darauf Schritt für Schritt einzulassen. Die Genossenschaften spielen dabei eine ganz wesentliche Rolle. Ein kleiner Weinbaubetrieb muss für sich entscheiden, ob er das Risiko eingeht. In einer Genossenschaft muss das Risiko des Anbaus einer neuen Sorte durch den Wengerter ganz oder teilweise von der Genossenschaft übernommen werden. Sonst werden wir keine Bewegung in die Sache bekommen. Zumindest nicht im positiven Sinne.

Was könnte die Felsengartenkelleri denn noch tun, um Wengerter zu motivieren, ihren Weinberg zu roden und neue Sorten zu pflanzen?

Wir müssen vor allem Erfolg haben mit den aktuellen Anbauprojekten. Die gemeinsame Erzeugung hochwertiger Weine im „Weinbergwerk“ zusammen mit den Genossenschaften aus Lauffen und Roßwag war ein toller Anfang. Was gefehlt hat, war der Schritt zur Vermarktung. In unser neues Projekt „Steile Weine“ sind die Weinbauschule in Weinsberg  und die Hochschule in Geisenheim eingebunden. Dadurch wird nicht nur die Weinbauseite, sondern auch die Vermarktung betrachtet. Wir hoffen, dass sich Wege aufzeigen, wie solche Weine schmecken müssen und wie wir sie bezeichnen müssen, um einen höheren Preis zu erzielen und sie in größerer Menge zu vermarkten.

Es hört sich an, als bräuchte man noch zwei Dekaden, um zu einem Ergebnis zu kommen.

Dieses aktuelle Projekt soll innerhalb von vier Jahren zu einem Ergebnis führen. Aber ich bin nicht ein solcher Optimist oder Phantast zu glauben, dass wir kurzfristig wesentliche Änderungen hinkriegen. Wenn wir insgesamt unsere Auszahlungen an die Wengerter wieder nach oben bringen könnten, dann bewirkt das auch die Bereitschaft, sich in den Steillagen zu engagieren. Weder darf die emotionale Bindung der Mitglieder an die Steillagen überstrapaziert werden, noch die Querfinanzierung innerhalb der Genossenschaft. Wir sind hier mittlerweile an Schmerzgrenzen angekommen.

Bei den Fusionen der vergangenen Jahre war die Felsengartenkellerei immer der größere Partner. Haben Sie die gewünschte Größe erreicht oder setzt sich der Trend fort?

Aus betriebswirtschaftlicher und marktwirtschaftlicher Sicht bleibt die Notwendigkeit der Bildung größerer Einheiten bestehen. Ob es zwangsläufig Fusionen sein müssen oder ob man nicht durch Kooperationen dieselben Effekte erreichen kann, das muss man prüfen. Ich sehe in Kooperationen die größere Notwendigkeit. Bei Fusionen von Weingärtner-Genossenschaften besteht immer die Gefahr der Entfremdung der Mitglieder vom Betrieb. Sie sind der wichtigste Faktor, wenn es um die Stabilität einer Genossenschaft geht. Wir haben immer ganz bewusst mit kleineren Partnern fusioniert oder sind von ihnen angefragt worden. Fusionen auf Augenhöhe bergen große Schwierigkeiten, weil ein Betrieb sich aufgeben muss und es schwierig ist herauszufinden, welcher es ist.

 
 
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