Paul Wiens Blick schweift in Richtung Nordosten und taxiert die Hügelkette. Hier, weithin gut sichtbar, thront hoch über Großbottwar die Burg Lichtenberg. „Sie ist eine der besterhaltenen staufischen Burgen überhaupt“, sagt er. Das Bottwartal mit seinen Wäldern, Streuobstwiesen und Weinbergen – das ist die Heimat des Kandidaten der FDP zur kommenden Landtagswahl am 8. März. „Heimat“ – ein großer Begriff, den der 35-Jährige zwar im Herzen des württembergischen Unterlandes verortet, aber durchaus weiter gefasst werden kann.
Großbottwar Nur beim Fußball ein Roter
Paul Wien ist Kandidat der FDP und spricht über Heimat, badisch-württembergische Grenzgänge und das Besondere an Besenwirtschaften.
Kindheit im Kraichgau verbracht
Denn er ist in Schwäbisch Hall geboren, in Eppingen und mithin im badisch geprägten Kraichgau aufgewachsen und hat in Freiburg studiert. Sozusagen ein württembergisch-badischer Grenzgänger. Nicht die schlechteste Voraussetzung in einem Land, welches bekanntermaßen erst 1952 aus den ehemals freien Territorien Baden, Württemberg und Hohenzollern (vormals preußisch) geformt wurde.
Nun also ist er vor einigen Jahren zurückgekehrt in die Heimat seiner Eltern – seine Mutter stammt aus Großbottwar, der Vater aus dem nahen Ilsfeld. Seinen Zivildienst hat Wien in der Fränkischen Schweiz geleistet, eine Zeit, „die für mich eine gute Erfahrung gerade auch im Umgang mit Menschen war“.
Während seines Studiums Neuerer und Neuester Geschichte in der Breisgaumetropole, von deren Liberalität, Offenheit und alternativer Atmosphäre er heute noch schwärmt, hat er als Jahrgangsbester sogar den „Moritz-von-Brauch-Preis“ verliehen bekommen. „Und doch habe ich nach vier Jahren gemerkt, dass meine Interessen doch eher an Sonderthemen wie Elektromobilität und der Geschichte des Tabakanbaus liegt.“ Das Grundstudium sei ihm zu theoretisch vorgekommen, „es ging viel um Interpretationen, und diesen Kampf wollte ich auf Dauer nicht führen“. Was folgte, war eine Ausbildung als Kaufmann für Marketing und Kommunikation, und so arbeitete er zunächst für das Berufsbildungswerk der IHK, danach bei einer mittelständischen Firma in der Sicherheitsbranche in Oberstenfeld.
Arbeit für Landtagsmitglied
Nun ist er zwar noch nicht direkt im Landtag, aber doch schon in den Landtag involviert – denn er arbeitet als Büroleiter und „rechte Hand“ für den Landtagsabgeordneten Georg Heitlinger aus Eppingen.
Dass er, obwohl im Stamm- und Gründungsland der FDP geboren und sozialisiert, seine politische Heimat bei den Liberalen finden würde, sei, so Wien, ihm nicht gerade an die Wiege gesungen worden. „Meine Eltern, sie sind Schreiner und Tischler von Beruf, waren und sind eher rot-grün orientiert“, was bedeutete, dass man zu Hause schon immer Misstrauen gegen Ämter und Institutionen gehegt, die Verwaltung und das Beamtentum mit Argwohn betrachtet habe.
Er hingegen habe die soziale Marktwirtschaft und den Sozialstaat gut gefunden. So habe er sich gefragt, wo er denn politisch stehe, und schon bald habe sich sich herauskristallisiert, dass seine Bestimmung bei der FDP liegen würde. „Obgleich auch die anderen etablierten Parteien durchaus interessante und anzuerkennende Positionen haben, die wir in unserer liberalen Politik einbinden können“, so Wien.
Dass er den Termin mit der Presse ausgerechnet in einer Besenwirtschaft anberaumt hat, könnte, gibt er zu, mit seiner Liebe für den heimischen Rebensaft zu tun haben. Aber auch die Tatsache, dass man in den urigen Räumlichkeiten gut und von den Portionen her ordentlich und dies zu einem hervorragenden Preis-/Leistungsverhältnis – „was den Schwaben in mir freut“ – speisen kann, spielt argumentativ hier mit.
„Vor allem aber“, sagt der Landtagskandidat, „ist die Besenwirtschaft ein Bollwerk der Basisdemokratie.“ Denn hier seien die Menschen alle gleich – im Besen kämen alle miteinander ins Gespräch: der Uniprofessor mit dem Landwirt, der einfache Arbeiter mit der Jura-Studentin, es wird geredet, politisiert, es werden – stets auf Augenhöhe – Argumente ausgetauscht und natürlich auch herzlich miteinander gelacht.
Wenig Chancen auf den Einzug
Die Besenwirtschaft sei fast schon ein Ort sozialistisch motivierter Gleichheit, ohne dass es jedoch allzu dogmatisch zu werden und in uniformer Gleichmacherei zu kippen drohe. Was seine Ambitionen, in den neuen Landtag zu kommen, anbelangt, so bleibt der 35-Jährige auf dem Teppich. „Damit ich mit meinem Listenplatz 44 reinkomme“, sagt er und lacht, „müsste die FDP an die 30 Prozent der Wählerstimmen erhalten.“ Und dies sei dann doch eher unwahrscheinlich.
Dennoch ist Paul Wien es geübt, sich in der Politik zu engagieren, denn er sitzt seit 2019 – als einziges FDP-Mitglied – im Großbottwarer Gemeinderat und mischt bei den Entscheidungen, die die Gemeinde im Herzen des Bottwartals betreffen, mit. So gibt er im Gespräch mit der BZ seiner Hoffnung Ausdruck, dass vielleicht doch schon bald wieder, und dies nach 60-jähriger Pause, das Bottwartal eine Bahnanbindung bekomme – so wie damals, als der „Entenmörder“ auf schmaler Spur zwischen Marbach und Heilbronn-Süd verkehrte.
„Sie wäre ein wichtiger Impuls und wichtig für eine verbesserte Infrastruktur und somit für die weitere Entwicklung dieser herrlichen Gegend“, ist sich der Liberale sicher. Nun sind seine Gedanken auf den 8. März gerichtet, und bis dahin ist noch einiges an Terminen zu bewältigen.
In seiner Freizeit zeigt Paul Wien Wandelfähigkeit, denn dann wird aus dem Gelben ein Roter: „Ich bin großer Fan des VfB und auch Vorsitzender des Fanclubs ,Red Schlupf’ mit seinen mehr als 70 Mitgliedern.“ Der Club wurde 2004 gegründet und, je nach Saison, leidet und jubelt mit dem Cannstatter Bundesligisten mit. Ein weiteres Ehrenamt bekleidet er als Schriftführer bei der Senioreneinrichtung „Kleeblatt“, denn „das Ehrenamt ist ein für mich wichtiges Instrument einer gut funktionierenden Gesellschaft, und das ist in meinen Augen wichtiger denn je.“
Info
In loser Reihenfolge stellt die BZ-Redaktion die Kandidatinnen und die Kandidaten vor, die sich bei der Landtagswahl am Sonntag, 8. März, in den Wahlkreisen Bietigheim-Bissingen und Vaihingen um ein Mandat für den Baden-Württembergischen Landtag bewerben. In dieser Artikelreihe geht es nicht um politische Aussagen der Kandidaten, viel mehr will die Redaktion die Person mit ihren Leidenschaften und Interessen sowie ihrem persönlichen und beruflichen Werdegang vorstellen.
