Hängepartie im Amateurfußball: Die Aufstiegskandidaten streben eine Fortsetzung der Saison an. Zwischen Hoffen und Bangen

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Wann dürfen die Amateure wieder kicken? Das Bild zeigt eine Szene aus dem letzten Hessigheimer Bezirksliga-Spiel vor der Saisonunterbrechung Ende Oktober: TASV-Außenverteidiger Raffaele Cervone springt über den grätschenden Benninger Davide Capella hinweg. ⇥ Foto: Volker Müller/Imago Images

Die Amateurvereine und ihre Kicker bewegt die Frage, ob die Saison fortgesetzt und gewertet werden kann. Daran haben vor allem die Aufstiegskandidaten ein Interesse. Eine Umfrage bei drei Topteams.

Die Uhr im Amateurfußball tickt. Bis spätestens 9. Mai muss laut dem Stufenmodell des Württembergischen Fußballverbands (WFV) eine Rückkehr in den Spielbetrieb erfolgen (die BZ berichtete). Das erklärte Ziel ist es, die Hinserie noch auszutragen und so eine sportliche Wertung der derzeit unterbrochenen Saison 2020/21 herbeizuführen. Daran haben vor allem die Aufstiegsfavoriten in den jeweiligen Spielklassen ein Interesse. Eine Wertung ist bereits möglich, wenn zumindest 75 Prozent aller Teams einer Staffel alle Vorrundenduelle absolviert haben. In diesem Fall wird die Quotientenregelung wirksam. Sollte der Stichtag aufgrund der Pandemie und der behördlichen Vorgaben nicht zu halten sein, wird die Saison dagegen annulliert – was viele Abstiegskandidaten befürworten, wie kürzlich eine WFV-Umfrage bei den Klubs ergeben hat.

Die Bund-Länder-Gespräche an diesem Mittwoch könnten nun Hinweise geben, ob, wann und unter welchen Bedingungen ein Re-Start möglich ist. Die BZ hat bei drei Aufstiegsanwärtern aus der Region nachgefragt, wie sie die Situation einschätzen.

SGV Freiberg, Spitzenreiter der Oberliga Baden-Württemberg

Als Tabellenführer und neben den Stuttgarter Kickers heißester Aufstiegsaspirant hat der SGV Freiberg ein großes Interesse an der Fortsetzung der Oberliga-Runde. „Am Ende des Tages sollte die Saison sportlich zu Ende gebracht werden. Dafür gibt es auch noch genügend Zeit und Optionen“, sagt Sportdirektor Dr. Christian Werner.

In seiner Stellungnahme an den WFV hat sich der Wasen-Klub kritisch über den 9. Mai als Stichtag geäußert, den Werner als „zu früh gewählt“ empfindet. „Bis dahin ist es zwar noch eine Weile, aber die Saison hätte man auch noch etwas nach hinten schieben können“, stellt der 39-jährige Sportwissenschaftler fest. Werner hofft zwar auf eine angemessene Vorbereitungszeit von drei Wochen, doch falls das Zeitfenster bis zum Wiederauftakt zu eng werden sollte, hält er auch einen Kaltstart für denkbar: „Notfalls muss eine Woche Training auf dem Platz reichen, um wieder Spiele zu bestreiten.“

Bereits seit einigen Wochen befinden sich die Wasen-Kicker in Kurzarbeit. Darum gibt es für sie vom Verein auch keine Trainingspläne oder gar Leistungskontrollen. „Die Spieler trainieren individuell und freiwillig“, sagt Werner. Er ist sich aber sicher: „Wenn es wieder losgeht, wird die Mannschaft in einem Topzustand sein.“

In der Corona- und Winterpause hat der SGV seinen ohnehin schon bestens bestückten Kader mit drei hochkarätigen Neuverpflichtungen weiter verstärkt – auch mit Blick auf den angepeilten Regionalliga-Aufstieg: Alexander Nandzik, Azur Velagic und Royal-Dominique Fennell haben sich dem Oberliga-Primus angeschlossen. Die „drei Qualitätsspieler“ (Werner) ersetzen im Team die abgewanderten Berkan Alimler, Patrick Fossi und William Rodrigues.

TASV Hessigheim, Spitzenreiter der Bezirksliga Enz/Murr

Bis zur Unterbrechung Ende Oktober war der Aufsteiger auch in der Bezirksliga auf dem Höhenflug: Die Roten sind noch unbesiegt und stehen nach acht absolvierten Spielen mit 22 von 24 möglichen Punkten sensationell auf Rang eins. Auch in Hessigheim hofft man auf eine Fortsetzung der Runde, allerdings nicht aus Eigennutz. „Wir würden einfach gern jedes weitere Spiel mitnehmen. Eine so lange Pause ist schon heftig. Es wäre wichtig, dass endlich wieder Normalität einkehrt. Der Trainings- und Spielbetrieb wäre mit einem Hygienekonzept auch umsetzbar“, sagt der Sportliche Leiter Benjamin Osswald, der aber betont: „Ein Abbruch wäre schade, aber auch kein Drama.“

Das liegt vor allem daran, dass der TASV eigentlich gar nicht vorhat, aufzusteigen. Das ursprüngliche Rundenziel lautete Klassenerhalt, und der ist mittlerweile praktisch schon eingetütet. „Unser Abschneiden ist sicher kein Zufall. Die Mannschaft hat bisher eine bombastische Saison gespielt. Wir sehen uns aber trotzdem nicht als Aufstiegsfavorit Nummer eins – und ich glaube auch nicht, dass sich für uns die Aufstiegsfrage stellen wird“, sagt Osswald und verweist auf das knifflige Restprogramm, das noch Auswärtsspiele bei den wahren Titelfavoriten AKV Ludwigsburg und Croatia Bietigheim vorsieht. Der Sportliche Leiter hat sich auch noch gar nicht mit dem Szenario Landesliga beschäftigt und zeigt sich für den Fall der Fälle skeptisch: „Wir müssten uns gut überlegen, ob die Landesliga für einen Verein wie unseren überhaupt zu stemmen ist.“

Ein Pflichtprogramm für die Spieler, um sich für einen etwaigen Wiederauftakt zu rüsten, gibt es beim TASV nicht – genauso wenig wie einen Corona-Fall innerhalb des Teams. Jeder Kicker hält sich seit Monaten individuell fit. „Dafür gibt es ein straffes Programm, sobald wir wieder loslegen dürfen“, sagt Osswald, der nach der monatelangen Zwangspause eine drei- bis vierwöchige Vorbereitung für nötig erachtet.

SGM Riexingen, Zweiter in der Kreisliga A3 und der Kreisliga B7

Gleich zwei heiße Eisen im Feuer hat die Spielgemeinschaft aus Oberriexingen und Unterriexingen. Die erste Mannschaft hat kurz vor dem Lockdown im Oktober noch die Topteams aus Besigheim (5:2) und Iptingen (5:1) geschlagen und steht nun in der Kreisliga A3 hinter dem TSV Nussdorf auf Rang zwei – ebenso wie in der Kreisliga B7 die zweite Garde, die wie der Tabellenführer Spvgg Bissingen noch ohne Verlustpunkt dasteht. Riexingen II hatte schon 2019/20 beim Saisonabbruch Pech gehabt, als mit der Quotientenregelung gewertet wurde: Wegen einer Differenz von nur 0,1 Punkten musste das Team damals dem VfR Sersheim den Aufstieg überlassen.

„Natürlich würden wir uns freuen, wenn es weitergeht. Aber die SGM wird auch bei einem erneuten Abbruch fortbestehen. Das wäre zwar total ärgerlich, aber dann greifen wir eben das nächste Mal wieder an“, sagte Spielleiter Jens Märkle und betont: „Ich habe Verständnis für die Vereine, die viel Geld investieren und unbedingt aufsteigen wollen. Es gibt im Moment aber wichtigere Dinge, die Priorität und Vorrang vor dem Fußball haben sollten – gerade wenn ich an die Gastronomie oder den Einzelhandel denke.“

Mehr als die Tabelle beschäftigen Märkle auch die Folgen, die die Fußball-Auszeit auf die Amateurkicker haben. „Der Kontakt untereinander fehlt uns allen doch sehr – und mir persönlich auch die Rote Wurst am Sonntag auf dem Sportplatz. Außerdem frage ich mich, ob alle überhaupt noch Lust haben, Fußball zu spielen, wenn das irgendwann wieder möglich ist“, stellt der 42-jährige Unterriexinger fest.

 
 
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