Haiti-Experte aus Bietigheim zu den aktuellen Entwicklungen „Gefahr, dass es eskaliert“

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Jean-Frantz Bien-Aime.⇥ Foto: Helmut Pangerl

Der Haitianer Jean-Frantz Bien-Aime aus Bietigheim-Bissingen blickt nach dem Tod des haitianischen Präsidenten mit gemischten Gefühlen in die Heimat.

Haiti ist schon seit einiger Zeit ein heißes Pflaster. Jetzt wurde Präsident Jovenelle Moïse getötet. Was das bedeutet, kann noch niemand abschätzen. Auch der gebürtige Haitianer Jean-Frantz Bien-Aime aus Bietigheim-Bissingen macht sich Sorgen um die Zukunft des Inselstaats. Das Vorstandsmitglied des Vereins „Haiti-wir-helfen“ will dennoch bald in die Heimat reisen.

Wie haben Sie den Tod von Moïse aufgenommen?

Jean-Frantz Bien-Aime: Dass ein Präsident, egal ob nun gut oder schlecht, ermordet wird, ist schon krass. Das hat mich geschockt. Es tut mir für seine Familie und sein Umfeld sehr Leid. Ich hoffe, dass seine Frau überlebt. Ich hoffe, dass so etwas nie wieder vorkommt.

Was denken Sie, wie geht es jetzt weiter?

Haiti ist ziemlich kaputt und zerstört. Die korrupte Politik hat viel dazu beigetragen. Ich habe schon mit ein paar Leuten gesprochen. Die Meinungen sind 50:50. Es kann sein, dass es jetzt aufwärts geht, die andere Seite befürchtet, dass das Land im Chaos versinkt. Ich habe gehört, dass Polizisten bereits flüchten, weil Clans die Macht übernehmen. Es besteht die Gefahr, dass das Böse überhandnimmt und total eskaliert. Das Ausland muss sich nun einschalten. Es ist nicht irgendjemand, der da gestorben ist.

Was sollte sich als erstes bessern?

Die Leute sind enttäuscht von der ganzen Politik. Seit dem Erdbeben 2010 ist nichts passiert. Es wurden keine Krankenhäuser gebaut, es gibt viel Armut. Die Leute haben gehofft, dass durch Spenden etwas aufgebaut wird, dass sich die Politik darum kümmert. Die Hoffnung besteht nun darin, dass endlich einer kommt, der im Interesse des Landes handelt und dass es langsam aufwärtsgeht. Schlimmer kann es eigentlich nicht mehr werden.

Haben Sie Angst um Ihre Familie in Haiti?

Nicht mehr als zuvor. Der Brennpunkt ist die Hauptstadt Port au Prince. Meine Familie wohnt Familie in Hinche, das ist gut drei Stunden entfernt. Dort ist es eher ruhig. Dasselbe hören wir von unserer Schule von „Haiti-wir-helfen“ in Dano. Hoffentlich ist es nicht die Ruhe vor dem Sturm. Ich will nach wie vor Ende des Jahres nach Haiti. Als Haitianer habe ich keine Angst. Es ist kein böses Land.

 
 
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