Handarbeit boomt – auch in Bietigheim-Bissingen Ist Handarbeit das neue Yoga?

Von Heidi Vogelhuber
Christine Haug betreibt die Stoffboutique Haug in der Bietigheim-Bissinger Altstadt. Sie kann aus ihrer Erfahrung berichten, dass auch immer mehr junge Leute zu Nähnadel und Garn greifen. Frauen, aber auch Männer gehören zu ihren Stammkunden. ⇥ Foto: Martin Kalb

Ehemals Omis Beschäftigung, inzwischen Trendhobby. Handarbeit hat sich vom verstaubten Image befreit – und ist auch in Bietigheim-Bissingen beliebt wie nie.

Auch wenn „Guerilla Knitting“, also Wollgraffiti um Fahrräder und Straßenlaternen, wieder aus den Städten verschwunden ist, bleibt es dabei: Stricken, Häkeln, Nähen und Co. liegen im Trend. „Ich habe schon den Eindruck, dass Handarbeit ein nicht mehr so verstaubtes Image hat“, bestätigt auch Monika Bothner gegenüber der BZ. Ehrenamtlich bietet sie 14-tägig den Kurs „Gemeinsam geschafft“ im Gemeindehaus in der Pforzheimer Straße in Bietigheim-Bissingen an.

„Es ist ein Kreativkreis, in dem verschiedenen Handarbeiten nachgegangen wird“, erklärt sie. Etwa zehn Frauen zwischen 20 und 60 besuchen derzeit den Kurs, der seit etwa einem Jahr existiert. Jeder mache das, auf was er Lust habe, ob Stricken, Häkeln, Malen oder Klöppeln. Es gehe um den Austausch. Darum, etwas voneinander lernen zu können, ums Reden und ums Zuhören.

Kontrapunkt zur PC-Arbeit

„Es ist auch schön, etwas mit den Händen entstehen zu lassen“, erklärt Bothner. Dort vermutet sie auch den Grund, dass Handarbeit auch von Jüngeren wieder so begeistert ausgeübt wird. Nämlich als Gegensatz zu der vielen Arbeit am Computer. Um ein physisches Ergebnis der eigenen Arbeit sehen zu können. Es entspanne aber auch.

Ist Stricken gar das neue Yoga? „Mit Yoga hab ich’s nicht so“, sagt die Kursinitiatorin und lacht. Sie greife dann doch lieber zu den Stricknadeln und lausche dem beruhigenden Klackern. Dass das wiederholte Ausüben einer Tätigkeit in einen Zustand vollkommener Entspannung wie bei Meditation oder Yoga versetzt, erklärte auch schon der Kardiologe Dr. Herbert Benson von der Harvard Medical School in Boston in einer Studie, die er 2005 veröffentlichte. Demnach habe Stricken auch blutdrucksenkende und stressmindernde Wirkung.

Auch wenn viele die Handarbeit als Kontrapunkt zur PC-Arbeit nutzen, verbreite sich der derzeitige Handarbeitstrend vor allem übers Internet. „Durch die vielen Schnittmuster und Beispielarbeiten wird auch vielen jungen Menschen das Nähen schmackhaft gemacht“, sagt Christine Haug. Die 37-Jährige betreibt die Stoffboutique Haug in der Fräuleinstraße in Bietigheim-Bissingen. Neben Stoffen, Nähzubehör und Nähmaschine bietet sie in ihrem etwa 110 Quadratmeter großen Laden noch etwas an: Nähkurse.

Und die kommen an, wie die Unternehmerin im Gespräch mit der BZ erzählt. Seit fast vier Jahren existiert die Stoffboutique in Bietigheim, doch schon davor hatte Haug einen sehr kleinen Laden in Kleinglattbach und auch dort bot sie bereits Nähkurse an, die von jüngeren und älteren Stoffliebhabern gebucht wurden.

„Fünf Personen können an einem Kurs teilnehmen, so viele Arbeitsplätze haben wir. Auch Nähmaschinen sind vorhanden, falls jemand keine eigene hat“, sagt sie. Im Dezember wollte Haug eigentlich einen Hoodie-Kurs für junge Nähfans anbieten und im neuen Jahr einen Kurs für Erwachsene. „Wegen der Corona-Situation werden wir die Kurse erst im Frühjahr geben können“, so Christine Haug.

Ob durch Corona und die viele Zeit zu Hause das Interesse an Handarbeit gestiegen sei? „Gefühlt ist es nicht mehr geworden, zumindest bei uns im Laden. Aber ich könnte mir das schon vorstellen“, sagt sie. Haug selbst habe ihre ersten Nähversuche in der Schule unternommen, „damals waren die Nähmaschinen noch nicht so simpel und selbsterklärend zu bedienen“, sagt sie und lacht. Als sie mit ihrer Tochter schwanger gewesen sei, habe sie mit dem Nähen richtig losgelegt.

Stolz, auf die eigene Leistung

Aus einer Lust heraus habe sie begonnen und ihre Leidenschaft zu ihrem Beruf gemacht. Das Schönste an Handarbeit? „Wenn man das fertige Stück in den Händen hält und stolz ist, alles selbst gemacht zu haben.“ Auch die Kreativität sei für die Ladenbesitzerin ein wichtiger Aspekt. „Wenn Kunden mir ihr fertiges Werk zeigen, das kreativ umgesetzt wurde, wie bei einem Kunstwerk, einer Skulptur. Das beeindruckt mich immer wieder“, sagt sie.

Haug muss aber auch immer auf dem Laufenden bleiben, wenn es um Trends geht. „Trendig ist, was auf Instagram gehyped wird“, sagt sie und lacht. Sie schaue selbst oft auf den sozialen Medien, was gerade aktuell sei, um richtig zu bestellen. Die Großhändler passen sich aber auch an, sagt sie. Das sei das Spannende an der Branche. Tipp von der Expertin: „Waffel-Jersey ist derzeit total angesagt. Elastisch, aus Baumwolle, unifarben, aber eben doch interessant wegen der Haptik“, erklärt sie.

 
 
- Anzeige -