Handwerk im Landkreis ist von der Krise gepackt Die Bäcker schlagen Alarm

Von Helena Hadzic und Martin Hein
Bäcker Frank Clement wird seine Öfen bald mit Flüssiggas befeuern Foto: Werner Kuhnle

Enorm gestiegene Preise für Gas und Strom belasten das Bäckerhandwerk massiv. Dazu kommen stark gestiegene Kosten für die Rohstoffe. Mit Preiserhöhungen bei den Backwaren ist das nach Einschätzung des Zentralverbands des Bäckerhandwerks nicht aufzufangen.

Die jetzige Krise ist für die Bäcker weitaus schlimmer als die Pandemie und für viele Betriebe schlichtweg existenzbedrohend. „Stand heute kenne ich acht Bäckereibetriebe aus dem Kreisgebiet, die schon zugemacht haben oder noch zumachen werden. Und es werden nicht die letzten bleiben“, so die Einschätzung des Sachsenheimer Bäckermeisters Frank Clement. Der Zentralverband des Bäckerhandwerks stuft die Situation der Bäckereien ebenfalls dramatisch ein und fordert in einem Schreiben an Finanzminister Christian Lindner einen Rettungsschirm im „Kosten-Tsunami“. Vor allem die enorm gestiegenen Energiekosten belasten die Bäckereibetriebe massiv, geht aus dem Schreiben hervor.

Öfen werden mit Gas betrieben

Rund 70 Prozent der Handwerksbäckereien betreiben ihre Öfen mit Gas. Der Bäcker-Zentralverband rechnet mit einer Verdreifachung bis Verzehnfachung der Preise. Kleinere Bäckereien mit kurzfristigen Verträgen müssen inzwischen teilweise statt 2000 Euro nun bis zu 17 000 Euro monatlich bezahlen, einen Ausweg sehen sie nicht. Bäckermeister Clement liegt ein Angebot von Energie Sachsenheim vor, laut dem sich die monatlichen Kosten von 1400 Euro auf rund 14 000 Euro verzehnfachen. Als Alternative will Clement seine Backstube künftig mit zwei Flüssiggastanks betreiben. Dessen Preis habe sich auch verdoppelt, doch „das können wir momentan gerade noch verkraften“, sagt Clement.

Strom ebenfalls massiv teurer

Beim Strompreis sieht es nicht viel besser aus. Bei einer Bäckerei mit rund zehn Filialen kommen künftig beispielsweise statt rund 12 000 Euro aktuell 60 000 Euro zusammen, sagt Clement. „Hier geht ein Handwerk zugrunde, wenn nicht gegengesteuert wird“, ist er sich sicher. Nicht besser ist die Situation bei den Rohstoffen. Der Verband spricht von Preissteigerungen teilweise um bis zu 80 Prozent. Mehl habe sich inzwischen um 30 bis 40 Prozent verteuert, Hefe um 30 Prozent, der Preis für Butter habe sich verdoppelt, das gilt auch für Zucker. Und ein Ende der Preissteigerungen sei nicht in Sicht.

Das Dilemma, in dem sich das Bäckerhandwerk befindet, beschreibt der Zentralverband so: „Die Betriebe können die dramatischen Kostensteigerungen nur begrenzt an die Kunden weitergeben, weil sie sich im harten Preiswettbewerb mit der Industrie befinden.“

Höhere Personalkosten

Damit nicht genug: Die mehrfache Anhebung des Mindestlohns innerhalb weniger Monate führte nach Auskunft des Zentralverbands zu Personalkostensteigerungen von über 20 Prozent. Bei der Bäckerei Clement wurden die Löhne insgesamt angeglichen. Konkret sind laut Clement bei der Sachsenheimer Bäckerei dadurch im Zeitraum von Januar bis Juli die Personalkosten um rund 200 000 Euro gestiegen.

In ihrer Not haben die Bäcker die Bundestagsabgeordneten angeschrieben, bisher mit eher bescheidener Resonanz, wie der Sachsenheimer Bäcker berichtet. Konkrete Zusagen fehlen bislang. „Es gibt derzeit keine Perspektive. Wir brauchen einen Ausgleich für die Mehrkosten bei der Energie“ fordert er.

Damit nicht genug: Die Branche habe mit einem Fachkräftemangel zu kämpfen. Vergangenen Mittwoch haben alle Bäckereien in Hannover um 14 Uhr ihre Filialen geschlossen und die Mitarbeiter mit Vertretern des Bäckerhandwerks eine Kundgebung vor dem dortigen Neuen Rathaus veranstaltet.

Bei einem ähnlichen Demomarsch der Bäcker auf den Stuttgarter Landtag, wie ihn Bäckermeister Klaus Heinerich vorschlägt, würde Frank Clement sofort mitmachen. Denn um Heinerichs Bäckerei in Ingersheim ist es ähnlich bestellt. Hier sind die Energiekosten von 2 000 Euro auf 7 000 Euro angestiegen, wie er im Gespräch mit der BZ berichtet. Für Heinerich ist die derzeitige Lage eine „absolute Katastrophe“. Zwar nutze sein Betrieb auch Fotovoltaik, aber diese sei für den Nachtbetrieb nutzlos. „In der Nacht scheint die Sonne nicht, also müssen wir auf herkömmliche Energie zurückgreifen“, sagt er. Auch die Materialkosten seien beinahe nicht mehr tragbar. Für einen Kilo Margarine habe er immer um die zwei Euro gezahlt, nun seien es fünf Euro, und von der Margarine brauche er immerhin 100 Kilo. Ihn plagen deswegen große Existenzängste – auch habe er bereits Geld aus seiner Lebensversicherung ausbezahlen lassen, um die Löhne der Mitarbeiter zahlen zu können. Doch Heinerich gibt sich kämpferisch: „Ich gebe meinen Betrieb nicht auf“, sagt er. Über den Winter werde möglicherweise sogar gezwungen sein, die Preise der Backwaren zu erhöhen, kündigt er an. Aber auch das sei eine Sackgasse: Wie viele andere Bäckereiinhaber fürchtet er, Kundschaft an die Discounter zu verlieren. Auch die Kundschaft sei von der Inflation betroffen und müsse auf günstigere Alternativen zurückgreifen.

„Letztendlich drehen wir uns hier im Kreis – das ist ein politisches Problem, dem sich die Politiker mal annehmen sollten“, fordert Heinerich. Das ist der Grund, warum er mit anderen Bäckern aus dem Kreis Ludwigsburg, Schwäbisch Hall und Stuttgart die Aktion auf dem Marktplatz in Stuttgart plant. „Wir werden mit der Demo auf uns aufmerksam machen, wir gehen auf die Barrikaden.“

Schließtage möglich

Reiner Stolzenberger, Inhaber der gleichnamigen Bäckerei in Bönnigheim, konnte die Kosten in seinem Betrieb bis jetzt noch auffangen – ausgerechnet wegen Personalmangels. Dafür musste er allerdings die Preise schon dreimal in diesem Jahr anheben. Das habe Spuren hinterlassen – auch seine Kundschaft seit teilweise zu den Discountern abgewandert. „Ab dem 15. im Monat spürt man es besonders: Weniger Kunden und es wird weniger gekauft. Wir haben 1800 Schüler hier, von denen sich nicht mehr alle mal eben was beim Bäcker holen können“, bedauert Stolzenberger.

Als Konsequenz habe er das Produkt-Sortiment reduziert und zieht es in Betracht, den Betrieb zwei Tage in der Woche zu schließen, um die Energiekosten zu senken. Seine Gaskosten für einen Monat sind von 1 000 Euro auf 6 000 Euro geklettert, die Materialkosten seien von einem prozentualen Anteil seiner Kosten von 20 auf bis zu 50 Prozent gestiegen, ohne dass sich der Umsatz erhöht habe. Das Personal sei überlastet. Die Erhöhung des Mindestlohns habe ihn nicht betroffen. „Wir befinden uns ohnehin über dem Mindestlohn, um die Arbeit in einer Bäckerei attraktiv zu machen“, so Stolzenberger. Auch er werde sich der geplanten Demonstration von Heinerich anschließen. „Die Politik hat noch nicht erkannt, wie wichtig diese Handwerksberufe sind, auch für die Gemeinschaft“.

In Bietigheim ist die Lage bei der Bäckerei Stöckle so angespannt wie bei den Kollegen. Geschäftsführer Steffen Mahl kann lediglich 10 bis 15 Prozent seiner Energie durch Fotovoltaik gewinnen. Seine Produktionskosten haben sich um das Achtfache erhöht – die durchschnittliche Zahl lag früher bei monatlich 6 000 Euro, nun belaufen sich die Kosten auf 20 000 Euro. „Wir versuchen daher, die Öfen früher abzuschalten“, sagt Mahl.

Auch er hat das Sortiment reduziert und die Preise erhöht, allerdings fürchtet er den Mindestlohn, der ab dem 1. Oktober gilt (zwölf Euro). Damit werden die Personalkosten in die Höhe getrieben, sagt er, weswegen er im Oktober erneut nachziehen müsse mit den Produktpreisen.

 
 
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