Für drei Jahren lang war Markus Gaugisch eine wichtige Säule für den Erfolg der SG BBM Bietigheim. Von 2020 bis 2023 coachte der gebürtige Göppinger die Handballerinnen und machte sie zum deutschen Powerhouse. Drei Pokalsiege, zwei deutsche Meisterschaften, ein Supercup und der Sieg der EHF European League stehen aus dieser Zeit in seiner Vita. Nach seinem Abgang bei den Ellentälerinnen fokussiert sich der 51-Jährige auf die Nationalmannschaft, wo er weiterhin mit einigen Ex-Spielerinnen zu tun hat und aktuell hart auf die Heim-WM ab Ende November hinarbeitet.
HB Ludwigsburg Sind die Heim-WM und der deutsche Frauenhandball allgemein in Gefahr?
Markus Gaugisch, der Trainer der Frauennationalmannschaft, sieht die Lage bei seinem Ex-Klub sehr kritisch auch für die deutsche Auswahl.
Inzwischen ist aus der SG BBM Bietigheim die HB Ludwigsburg geworden und die steckt in finanziellen Schwierigkeiten und mit einem Bein in der Pleite. Den Spielerinnen ist es seit Montag freigestellt, sich neu zu orientieren und sich ohne Konsequenzen einen neuen Verein zu suchen. „Diese Nachricht und die daraus resultierende Unsicherheit ist wenige Monate vor der Heim-WM natürlich nicht optimal für die Spielerinnen“, sagt der Bundestrainer in einem Statement des DHB auf Nachfrage. Auch Frederik Griesbach und Jasmina Rebmann-Jankovic sind davon direkt betroffen, das Duo fungiert als Co- beziehungsweise Torwarttrainer sowohl bei der HBL als auch beim DHB.
Planungen für das Heimturnier laufen weiterhin wie gewohnt
Als ehemaliger Trainer, Mentor und Sportlerkollege verspricht er dem Team: „Ich hoffe sehr, dass sich für alle Involvierten Lösungen finden lassen, um möglichst schnell wieder in den sportlichen Alltag zu kommen. Wir werden sie dabei so gut es geht unterstützen.“ Trotz der drohenden Insolvenz will Gaugisch aber noch nicht den Kopf in den Sand stecken. „Unsere Planungen für die Heim-WM werden wir aktuell genauso fortsetzen, wie es geplant war, werden aber auch die sich immer wieder ändernden Situationen im Auge behalten und dahingehend anpassen“, sagt er klar.
Auch Gaugischs Nachfolger Jakob Vestergaard weiß: „Markus hat eine sehr gute Arbeit gemacht.“ Der Däne, der nach der abgelaufenen Saison wieder in Richtung Heimat zu Odense gewechselt ist, sieht die Lage an seiner alten Wirkungsstätte ebenfalls kritisch: „Deutschland hat die Möglichkeit bei der WM die Top Drei zu erreichen. Aber wenn jetzt die Spielerinnen keinen Verein finden, kann das ein Problem werden.“ Dabei sei es egal ob die Youngster um Mareike Thomaier und Viola Leuchter, oder die Erfahrenen wie Xenia Smits oder Nationalmannschaft-Kapitänin Antje Döll.
Döll, die selbst zehn Jahre im Ländle verbracht hat und eine solche Situation bis dato nie erleben musste, sagt zum bevorstehenden Turnier: „Die Lage ist nicht optimal, aber es ist noch einige Zeit bis dahin. Ich hoffe, dass sich spätestens bis September alles gerichtet hat.“ Die Linksaußen weiß aber: „Wir sind körperlich top fit. Je schneller du den Ball wieder regelmäßig in der Hand hast, desto besser.“
Für sie, wie auch ihre Teamkollegin Smits steht nicht die personelle finanzielle Sorge im Vordergrund. „Wir hätten gerne weitergemacht, mit noch einem Jahr in dieser Konstellation wäre einiges gegangen. Dem wird man lange nachtrauern und öfter daran denken. Ich habe mir nichts mehr gewünscht, als mit der Mannschaft in eine neue Saison zu gehe“, erzählt Döll und schildert die Gefühlswelt, als das Team am Montagabend zusammensaß und die Nachricht übermittelt bekommen hat: „Es war vorher schon sehr angespannt und nach den Infos, die wir bekommen haben, sind Tränen geflossen. Da ist jeder schnell in seinen eigenen Gedanken. Man guckt in die Runde und denkt, man wird die Mädels noch ein, zwei Mal so wiedersehen und dann nicht mehr.“
Rückkehr zu Ex-Trainer Vestergaard?
Wo es sie hinzieht, will sie noch nicht sagen. „Ich bin in Gesprächen“, verrät sie aber. Eventuell könnte sie zurück zu ihrem Ex-Coach Vestergaard, der allerdings damit seine ganz eigenen Probleme hat: „Wir haben unsere Kaderliste schon gemacht, die Planung für diese Saison ist geschlossen.“ Nur wenige Chancen gebe es für den Ex-Coach, der noch guten Kontakt zu seinen früheren Schützlingen hat. „Eine Spielerin, die schwanger ist. Oder wenn sich Spielerinnen verletzen, hätten wir eventuell Möglichkeiten.“
Vestergaard hatte selbst nie das Gefühl, dass die Lage während seiner Zeit so prekär sei. „Wenn wir über neue Spielerinnen gesprochen haben, hatten wir nie Probleme. Wir haben immer eine überragende Mannschaft gehabt.“ So schaffte es der 50-Jährige vor etwas mehr als einem Jahr ins Finale der Champions League und verlor dort nur gegen Györ.
Auch in den anderen Wettbewerben war der Coach erfolgreich, sein Nachfolger Tomas Hlavatý hätte eigentlich am 23. August beim Supercup die Chance, seinen ersten Titel einzuheimsen. Sollte die Mannschaft bis dahin aber nicht mehr existieren – wonach es schwer aussieht – würde die HSG Blomberg-Lippe ohne Gegner dastehen. Doch dafür hat die Liga bereits eine Notlösung. Der Thüringer HC rückt als European-League-Sieger und Liga-Dritter als Ersatz für die Barockstädterinnen nach. Das verkündete die Liga am Dienstagnachmittag in einer Mitteilung. Aufgrund der bestehenden Unsicherheit um die Teilnahme der HB Ludwigsburg hat der Vorstand diese Entscheidung treffen müssen, um die Durchführung der Super-Cup-Partie sicherzustellen. Organisatorische Zwänge sowie bestehende Verpflichtungen gegenüber unseren Partnern lassen uns zu diesem Zeitpunkt keine andere Wahl”, wird HBF-Geschäftsführer Christoph Wendt in dieser zitiert.
Bundesliga würde nur mit elf Teams starten bei Abmeldung
Ob die HBL in der Liga teilnehmen wird, steht noch nicht fest. „Die bisherigen Angaben der HB Ludwigsburg lassen die Option offen, dass der Verein, gegebenenfalls mit verändertem Kader, am Bundesliga-Spielbetrieb teilnimmt. Insofern müssen wir die weitere Entwicklung abwarten”, heißt es so von Wendt weiter. Sollte der Verein tatsächlich sich vom Spielbetrieb abmelden, so würde die Liga nur mit elf Teams ausgespielt und die HBL stünde als Absteiger fest. Ein Aufrücken von etwa Bayer Leverkusen, dem Absteiger aus der Vorsaison, oder eines weiteren Zweitligisten ist hierbei nicht angedacht, da die Teams bereits für Liga Zwei geplant und den Kader danach zusammengestellt haben.
