Hessigheim Theater mit Aussicht

Von Corinna Müller
Auf einer selbstgebauten Bühne mitten im Weinberg hat die Gruppe Rampenfieber um Regisseur Rüdiger Erk (rechts) das Stück „Steil gehen“ aufgeführt. Foto: /Martin Kalb

Die Gruppe Rampenfieber führte „Steil gehen“ rund um Wein, Rausch und Liebe inmitten der Hessigheimer Felsengärten auf dem Weinberg von Isabel Gil auf.

Glühende Hitze herrschte am frühen Samstagabend in den Hessigheimer Felsengärten. Kein Lüftchen regte sich, selbst die Insekten hatten sich verkrochen. Nur eine Schwalbengruppe flog über dem Permakultur-Weinberg von Isabel Gil und schien die Menschen betrachten zu wollen, die sich dort auf Strohballen niedergelassen hatten, um eine Theateraufführung anzuschauen. Der Kulturverein Rampenfieber hat unter der Regie von Rüdiger Erk das Stück „steil gehen“, aufgeführt, das Erk nach einer Idee von Leander Haußmann verfasst hat. Bei Temperaturen um die 47 Grad keine einfach Angelegenheit.

Flora und Fauna aus dem Süden

Die rund 40 Zuschauer hatten sich weitestgehend unter Schirme verzogen, teilweise Picknick ausgepackt und Sonnenhüte, Fächer oder Ventilatoren eingesetzt. Und dennoch war es vor der dicken Steinmauer drückend heiß. Die Weinberginhaberin bot in Sektgläsern eisgekühltes Lavendelwasser an, das mit Rosmarin, Minze und Zitrone verfeinert worden war und reichlich Zuspruch fand. „Abgesehen von der Zitrone stammt alles aus meinen Weinbergen – und die Zitrone folgt demnächst auch“, beschrieb Gil, die eine Einführung in die Permakultur gab. „Die Reben sind die Königspflanzen hier“, sagte sie, doch zudem gebe es Olivenbäume, Lavendel, diverse Bodendecker und vieles mehr. „Denn wenn wir Pflanzen mischen, schützen sie sich gegenseitig.“ Alles, was hier wachse, habe Nutzen, erklärte Gil. Die Kakteen würden als Dünger für die Olivenbäume fungieren, der Roggen minimiere das Phosphat im Boden und diene der Beschattung der jungen Reben, die Ringelblume sei wirksam gegen Nematoden. „Obwohl wir hier teilweise 70 Grad haben, gieße ich die Pflanzen nur an, später erhalten sie kaum oder gar kein Wasser mehr – aber es funktioniert,“ freute sich die gebürtige Spanierin.

„Die Insekten aus den südlichen Ländern sind ebenfalls schon da“, teilte sie mit und zeigte Fotos vom Weinberg mit einer Gottesanbeterin. Die ersten Oliven habe sie im vergangenen Jahr geerntet und eingelegt. „Diese ersten Hessigheimer Oliven werde ich bei meinen Weinverkostungen servieren,“ versprach die Sommelier lachend. „Verkauft werden die nicht, dafür sind es zu wenige.“

Nach der Bühne kommen Mandeln

Allerdings habe sie für alles Genehmigungen benötigt, sogar für die Deutsche Eiche, die nun bereits Schatten spendete. „Für die Theateraufführung habe ich sechs Stunden lang ausschließlich Formulare ausfüllen müssen.“ Deshalb bliebe es bei einer einmaligen Sache. An Stelle der Bühne würden später Mandelbäume gepflanzt werden.

Im Anschluss an diese Einführung erfolgte die Theaterperformance über Wein, Rausch und Liebe. Nicht nur die Steillagen wurden auf kuriose Weise thematisiert, sondern auch Thaddäus Trolls schwäbische Liebestechniken: „Sex isch fei scho a Schenderei“ wurde klargestellt. Nicolai Köppel spielte den coolen Regisseur und Säufer Gunnar Spielvogel genauso überzeugend, wie anschließend eine skurrile Gottheit, und der 87 Jahre alte Eberhard Krieg aus Besigheim trug gefühlvoll „Attischer Sommer“ vor, was den Besuchern ein Seufzen entlockte: „Des isch schee.“

Gesang, Tanz und Spiel

Gesang, Tanz und Spiel wechselten sich ab, begleitet von Geige, Akkordeon und Schlagzeug. „Trink, trink, Brüderlein trink“ und Grönemeyers „Alkohol“ folgten. Und das Publikum, das sich inzwischen auch auf dem Weg oberhalb des Weinberges niedergelassen hatte, sang oftmals fröhlich mit.

Mehrere Tage lang hatte Ralf Ackermann an der Bühne gearbeitet, die den Zuschauern des Stückes einen atemberaubenden Blick aufs Neckartal erlaubte. In der Ferne die Felder, in der Tiefe der Fluss mit den Kanuten. Ringsum sattgrüne Weinberge – die sich allerdings bereits bedenklich lichteten. „Steil gehen“ soll auf diese Problematik aufmerksam machen. „Neue Wege wagen und Gewohntes hinterfragen,“ forderte der stellvertretende Hessigheimer Bürgermeister Michael Schunk auf: „Der Erhalt der Steillagen ist eine Aufgabe, die uns alle angeht.“

 
 
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