Im Sommer nerven sie besonders, aber: Wespe ist nicht gleich Wespe

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Martina Wonner mit einem erfolgreich umgesiedelten Wespennest, das vergangenen Herbst verlassen wurde. ⇥ Foto: Heidi Vogelhuber

Martina Wonner ist Schutzbeauftragte für Hornissen und Wespen beim Landratsamt Ludwigsburg. Eher selten rät sie zum Entfernen der Nester und klärt im Gespräch mit der BZ auf.

Man trifft sie im Freibad beim Eisessen, auf der Terrasse beim Kaffeekränzchen mit Kuchen und abends beim Grillen im Garten: Wespen. Sie sind nicht nur ungebetene, sondern auch ungeliebte Gäste, vor allem sind sie jedoch eines: lästig.

Das sieht auch Martina Wonner so, ihrerseits Wespen- und Hornissen-Expertin. Jedoch nur bedingt. Wichtig ist zu betonen: Wespe ist nicht gleich Wespe und erst recht nicht gleich Hornisse. „Die lästigen Wespen, das sind bei uns zwei Arten: Die ‚Deutsche Wespe’ und die ‚Gemeine Wespe’“, erklärt Martina Wonner, die neben ihrer hauptberuflichen Tätigkeit als Naturpädagogin ehrenamtlich im Landratsamt bei der Naturschutzbehörde im Bereich Hornissen-, Wespen-, Fledermaus- und Steinkauzschutz arbeitet. Sie ist seit 2008 Fachberaterin und wird dazugezogen, wenn ein informierendes Telefonat via Wespentelefon (siehe Infokasten) nicht ausreicht.

Denn: Wenn’s auf dem Balkon summt und brummt, muss nicht gleich der Kammerjäger her, wenn ein Nest der schwarz-gelben Insekten entdeckt wird. Schritt eins ist erst einmal Ruhe zu bewahren, denn wenn nicht gerade eine Allergie vorliegt, sind Stiche dieser Insekten zwar schmerzhaft – aufgrund der Größe vor allem von Hornissen – nicht jedoch gefährlicher als von einer Honigbiene, beruhigt die Expertin. „Eigentlich sind Hornissen äußerst friedfertig, sie haben nur ein schlechtes Image“, sagt Wonner. Auch das Gerücht, dass drei Hornissenstiche einen Menschen töten können ist – sofern keine Allergie vorliegt – ein Ammenmärchen. Der Stachel werde prinzipiell nur bei Rivalitäten mit Artgenossen oder bei großen Beutetieren eingesetzt – wozu der Mensch nicht gehört.

Ein größeres Problem seien da die Wespen, „jedoch werden diese sogar von Hornissen in Schach gehalten, denn die wiederum gehören zu besagten Beutetieren“, so die Expertin. Außerdem sind Hornissen auch nachtaktiv, die fleißigen Brummer fliegen bis zu 22 Stunden. „Neben Fledermäusen sind sie die einzigen Tiere, die Nachtfalter erbeuten“, erklärt Wonner. Etwa Schädlinge der Waldbäume, wie den Eichenprozessionsspinner. „Damit haben Hornissen eine wichtige Funktion im Ökosystem“, so Wonner. Seit 1984 stehen Hornissen auf der „Roten Liste“ der gefährdeten Tier- und Pflanzenarten.

Aber auch bei einem Wespennest auf dem Balkon ist der Kammerjäger immer noch nicht von Nöten. „Die Nester, die auf den ersten Blick entdeckt werden, sind oft Nester der ‚Mittleren’, ‚Sächsischen’ und der ‚Feldwespe’“, so Wonner. Allesamt harmlose Wespenarten, die in kleinen Völkern (30 bis 200 Tiere je nach Art) leben und ihre Nester meist frei in Gebüschen und Bäumen, am Dachgebälk, in Nistkästen oder unter Dachziegeln haben und damit leicht vom Menschen zu entdecken sind. Anders jedoch die erwähnten „lästigen Wespenarten“, wie die Deutsche oder die Gemeine Wespe, die in Populationen zwischen 1000 und 7000 Tieren leben und im Gegensatz zu den harmlosen Arten sehr gerne an Kuchen, Süßem und Grillfleisch naschen, womit sie viel vereinen, was an Negativem mit Wespen verbunden wird. Die Wahrscheinlichkeit jedoch, dass ein solches Nest ohne großes Suchen entdeckt wird, ist schwindend gering. Die Tiere leben ober- und unterirdisch in Höhlen, etwa Mauselöchern, oder auch in Rolladenkästen.

Anruf beim Landratsamt

Ein Anruf beim Landratsamt kann auf jeden Fall helfen, denn via Wespentelefon kann ein Berater die Situation einschätzen und gegebenenfalls einen der 15 Fachberater, die im Landkreis im Einsatz sind, vorbeischicken. In Bietigheim-Bissingen und der näheren Umgebung ist das Martina Wonner, die die Situation vor Ort in Augenschein nimmt und entweder Entwarnung gibt, da es sich um eine harmlose Art handelt, die den Balkon nicht zur Sperrzone erklärt beziehungsweise es schon so spät im Jahr ist, dass sich das Problem von alleine löst.

Denn im Spätherbst stirbt die gesamte Population aus, einzig die Königin und die Männchen schwärmen aus – ohne zum Nest zurückzukehren. „Das ist der Idealfall, wenn die Tiere vor Ort bleiben können und ich für Mensch und Tier die beste Lösung finden kann“, sagt Wonner. Oder die Spezialistin muss das Insektenvolk umsiedelt werden – das geschieht nur, wenn eine Gefahrensituation gegeben ist. Unter anderem abhängig von der Stelle des Nests, aber auch den Bewohnern des Haushalts (Kleinkinder, Allergiker, der einzige Balkon einer kleinen Mietwohnung ist unnutzbar).

Mit Imker-Anzügen und zumeist mit einem zweiten Wespen-Experten fängt Wonner dann mit einem Kescher oder einer Art „Staubsauger“ die Tiere ein, setzt die Waben in einen Kasten und siedelt die Tiere an einem Ort an, wo sie niemanden stören und auch nicht gestört werden. Nicht immer jedoch gelingt das Umsiedeln, manchmal stirbt das Volk nach kurzer Zeit. Die lästigen Arten können zumeist nicht umgesiedelt werden, das sie nicht aus dem Loch oder Ähnlichem geholt werden können. In so einem Fall kann der Kammerjäger tatsächlich die einzige Lösung sein.

Experten-Tipp Schlagen, Fuchteln oder gar Pusten macht Wespen aggressiv. Lieber überreife Früchte ein paar Meter weiter platzieren, die Tiere damit anfüttern und fortlocken. So kann ein Miteinander von Mensch und Tier gehandhabt werden, empfiehlt Martina Wonner.

 
 
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