Mein Vater hat sich gleich in das Schloss verliebt“, erzählt Thomas Leibrecht, der mit seiner Frau Ute Gleich im Kleiningersheimer Schloss wohnt. Damals, in den 1960er-Jahren, suchte Professor Walter Leibrecht, der zuvor an verschiedenen Universitäten in den USA gelehrt hatte, einen Standort für das von ihm gegründete Schiller College, später Schiller International University. Er erwarb 1963 das historische Gebäude hoch über dem Neckartal, das damals leer stand, und machte es zum ersten Campus der Universität. Es füge sich schön in die Landschaft ein, teilt Thomas Leibrecht die Begeisterung für das Gebäude und nennt noch einen ganz praktischen Vorteil: Das Schloss hat zwar drei Stockwerke, er sei aber meistens nur auf einer Ebene unterwegs, müsse also nicht ständig Treppen steigen. Zeugnisse aus mehreren Jahrhunderten Schlossgeschichte begleiten ihn dabei auf Schritt und Tritt.
Ingersheim Adelssitz, Klinik und Universität
In einer Sommerserie stellt die BZ Schlösser, Burgen und Ruinen in der Region vor.
Die Geschichte des Schlosses nahm im 16. Jahrhundert ihren Anfang, als der Ritter Caspar Nothaft von Hohenberg anstelle der baufällig gewordenen Vorgängerburg (siehe Infokasten) in den Jahren von 1565 bis 1582 ein Renaissance-Schlösschen bauen ließ. Davon zeugen etwa der Laubengang um den Innenhof und ein Wappenstein dort an der Wand.
Ein „etwas größerer Bauernhof“
Adlige Besitzer wie Melchior Jäger von Gärtringen, nach dem das Schloss auch als „Jägersburg“ bezeichnet wurde, oder die Freiherren von Woellwarth wechselten sich in den folgenden Jahrhunderten als Besitzer ab. Es gab auch einige barocke Umbauten. Doch: Im Prinzip sei es bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts immer noch ein „etwas größerer Bauernhof“ gewesen, weiß Leibrecht, der studierter Historiker und Kunsthistoriker ist. Das habe sich erst geändert, als der Industrielle Carl von Ostertag-Siegle das Schloss 1908 kaufte. Er leitete von 1911 bis 1914 eine umfassende Renovierung ein.
Ostertag-Siegle ließ im Zeichen der damaligen Burgenromantik den hohen Hauptturm bauen, der den Schlosscharakter des Gebäudes betont, ebenso kleine Türmchen an den Seiten. Das Schloss erhielt doppelverglaste Fenster und kupferne Dachrinnen. Der neue Besitzer habe das Gebäude als Rittergut und standesgemäßen Sitz für seinen Sohn vorgesehen gehabt, erläutert Leibrecht – doch die Pläne gingen nicht auf, der Sohn fiel im Ersten Weltkrieg.
Der neue Besitzer, Josef Maria von Radowitz, kaufte sich das stattliche Anwesen für sich und seine Ehefrau Eugenie von Mumm zu Schwarzenstein als Alterssitz zur Silberhochzeit. Historische Fotos zeigen nicht nur den neuen Schlossbesitzer mit Gattin, sondern auch das Personal.
Hakenkreuzfahne überm Schloss
Aber auch das folgende dunkle Kapitel, in dem über dem Kleiningersheimer Schloss die Hakenkreuzfahne wehte, ist fotografisch dokumentiert. Das Gebäude wurde 1936 Standort einer SA-Gauführerschule. Wie auf einem Foto zu sehen ist, ersetzten die neuen Herren eine Schillerbüste durch eine andere, bei der es sich um Horst Wessel oder Adolf Hitler handeln könnte.
In den Jahren 1942/43 beherbergte das Bauwerk eine Pflichtmädelschule. Eines der Mädchen, die damals aus der Großstadt hierher kamen, besuchte ihn im Jahr 2015 im Alter von 87 Jahren, erzählt Thomas Leibrecht.
Auch Personen, die in den nachfolgenden Jahren hier waren, kommen immer wieder mal als Besucher zurück: 1945 bis 1948 zog hier das Bietigheimer Krankenhaus ein, danach befand sich im Schloss bis 1958 ein Kinderheim. Damals waren hier Kinder mit Verdacht auf Tuberkulose untergebracht. Erst dieses Jahr im Mai sei eine Frau zu Besuch gewesen, die in den Jahren 1951/52 in dem Heim untergebracht war. Die Trennung von der Familie sei so schrecklich für sie gewesen, erfuhr Leibrecht, dass sie mit dem Opa einen Fluchtversuch unternahm, nur um danach wieder von der Polizei zurückgebracht zu werden. „Ich freue mich immer, wenn jemand kommt“, erzählt der „Schlossherr“. Auf diese Weise erfahre er auch immer wieder Neues aus der Schlossgeschichte.
Studenten aus vielen Ländern
Als das Gebäude dann Universitätsstandort wurde, beherbergte es rund 100 Studenten aus bis zu 130 Ländern im Internatsbetrieb. Die Frauen waren im Obergeschoss untergebracht, die Männer im Fachwerkhaus nebenan. Auch aus dieser Zeit gibt es Kontakte, etwa zu dem Musiker Freebo, der einer der ersten Studenten war. Im Jahr 1974 wurde der Studienbetrieb nach Heidelberg verlegt, später folgte die Hochschulverwaltung.
Nach dem Tod von Walter Leibrecht 2007 hat die Familie die Universität verkauft. Bis Januar dieses Jahres wurde aber vom Schloss aus die CEPA GmbH (vormals SIU Travel GmbH) geführt, die Bildungsreisen für Studenten im Auftrag von Universitäten anbietet. Neuer Standort ist seitdem das renovierte alte Postgebäude in Besigheim. Ein weiteres Schloss aus den Universitätszeiten, Château de Pourtalès in Straßburg, übernahm Thomas Leibrechts Bruder Harald mit seiner Frau, der es restaurieren und zu einem Hotel umbauen ließ.
Kulturtreff und Drehort
Im Kleiningersheimer Schloss sei auch nach dem Auszug von CEPA immer einiges los, erzählt Thomas Leibrecht. Sei es dass Gäste kommen, Führungen oder Veranstaltungen stattfinden. Erst vor Kurzem war hier das Sommerfest des FDP-Kreisverbands. Alle zwei Jahre wird der Schlosshof zum Treffpunkt bei „Kultur im Schloss“. Auch Drehort war das Anwesen mit seiner Gartenterrasse über dem Neckartal schon – für die Fernsehserie „Die Kirche bleibt im Dorf“.
Nun sei daran gedacht, die durch den CEPA-Auszug frei gewordenen Räume zu renovieren, erzählt Leibrecht. Auch einen Aufzug würde er gerne einbauen lassen – einen Schacht dafür gibt es bereits, wie alte Pläne zeigen. Darüber hinaus fallen immer wieder Arbeiten an – sei es am Dach oder an den Fenstern, von denen im vergangenen Sommer alle 160 gestrichen wurden. Als Besitzer eines historischen Gebäudes müsse man eben ständig im Auge behalten, ob etwas im Argen liege, so Thomas Leibrecht – um so mit viel Idealismus und Herzblut dafür zu sorgen, dass das geschichtsträchtige Bauwerk in Kleiningersheim weiterhin in Schuss gehalten wird.
Standort der Burg ist unklar
Wo sich die mittelalterliche Vorgängerburg des Kleiningersheimer Schlosses genau befand, ist immer noch unklar, bedauert Thomas Leibrecht, der auch Vorsitzender der Landesgruppe der Deutschen Burgenvereinigung ist. Diese dürfte durch einen mächtigen Turm gesichert gewesen sein, vermutet er. Als Burgbesitzer werden unter anderem die Markgrafen von Baden und die Herren von Sachsenheim genannt.
