Ingersheim Als die Pest Familien auslöschte

Von Jörg Palitzsch
Die Abbildung zeigt Doktor Schnabel von Rom, 1656. In Ingersheim lebten zu diesem Zeitpunkt bereits wieder Menschen. Foto: Zoonar/Imago

Ingersheim
 Im Schatten von Seuche und Krieg erlebte das blühende Dorf vor 400 Jahren eine völlige Entvölkerung. Erst ab 1648 wagten die Überlebenden in größerer Zahl die Rückkehr.

Die Pest, die in regelmäßigen Wellen über Mitteleuropa hereinbrach, hinterließ tiefe Spuren in den betroffenen Gemeinden. Auch Ingersheim blieb vor 400 Jahren von dieser Katastrophe nicht verschont. Die Pestjahre des frühen 17. Jahrhunderts bedeuteten ab 1626 für Groß- und Kleiningersheim einen dramatischen Einschnitt. Sie leiteten eine Phase ein, in der Krankheit, Krieg und Hunger schließlich zu einer nahezu vollständigen Entvölkerung führte.

Bereits im 16. Jahrhundert scheint die Gemeinde Ingersheim verhältnismäßig stark bevölkert gewesen zu sein. Darauf weisen mehrere Indizien hin, wie im Heimatbuch von 1979 von Dr. Paul Sauer (1931 bis 2010) und der Ortsbeschreibung von Pfarrer Richard Stein (1861 bis 1922) nachzulesen ist. So waren die herrschaftlichen Höfe und Lehen in Ingersheim schon damals auf mehrere Inhaber verteilt, und auch das Handwerk hatte – wenn auch in bescheidenem Umfang – Fuß gefasst.

Zuzug wurde reguliert

Demnach gab es im Jahr 1523 in Großingersheim 88, in Kleiningersheim 20 wehrfähige Männer im Alter zwischen 17 und 60 Jahren. Stein schätzte die Einwohnerzahl um 1520 für beide Orte zusammen auf etwa 700 bis 800 Personen, wobei rund 500 bis 600 auf Großingersheim und etwa 200 auf Kleiningersheim entfielen. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts, um 1573, war die Bevölkerung bereits auf etwa 1200 Menschen angewachsen.

Ein weiteres aussagekräftiges Zeugnis liefert die Kirchenvisitation des Jahres 1605. Demnach dürfte die Bevölkerung weiter auf 1400 Menschen angewachsen sein. In den beiden folgenden Jahrzehnten nahm die Bevölkerung vermutlich weiter zu, so Sauer.

Mit diesem Wachstum ging eine zunehmende Regulierung des Zuzugs einher. Das Bürgerrecht war mit erheblichen Vorteilen verbunden, etwa dem Anrecht auf einen Garten sowie auf Holz- und Weidengaben. Entsprechend groß war der Andrang von Bewerbern. Um eine Verarmung der Gemeinde zu verhindern, erhöhte man die Bürgerrechtsgebühren mehrfach. Von ursprünglich 2 Gulden auf 8 Gulden, im 18. und 19. Jahrhundert sogar auf 18 Gulden, für Frauen jeweils die Hälfte.

Zusätzlich verlangte die Gemeinde Ingersheim finanzielle Bürgschaften, die Anschaffung eines Feuereimers, das Pflanzen von zwei Obstbäumen auf der Allmende, einem gemeinschaftlich genutzten Land, sowie eine Beisteuer zum gemeindlichen Fruchtvorrat.

Dörfer komplett verlassen

Diese Entwicklung fand jedoch ein abruptes Ende, als Krieg und Seuchen über die Gemeinde hereinbrachen. In den Jahren 1626 und 1627 raffte die Pest etliche Hunderte Menschen dahin. Allein in Kleiningersheim starben laut den historischen Aufzeichnungen innerhalb von sieben Monaten 76 Personen. Ganze Familien wurden ausgelöscht.

Nach der Schlacht bei Nördlingen am 6. September 1634, eine der Hauptschlachten des 30-jährigen Krieges, erreichte die Katastrophe ihren Höhepunkt. Krieg, Hunger und Verwüstung machten ein geordnetes Leben unmöglich. Im Dezember desselben Jahres lebten in Großingersheim nur noch acht Bürger, in Kleiningersheim kein einziger mehr. Die Überlebenden hatten – sofern sie nicht bereits umgekommen waren – hinter den Mauern benachbarter Städte, insbesondere der Amtsstadt Bietigheim, Zuflucht gesucht. 1639 waren beide Dörfer vollständig verlassen.

Wenige bewohnbare Häuser

Erst nach dem Ende des 30-jährigen Krieges im Jahr 1648 wagten die Überlebenden in größerer Zahl die Rückkehr. Sie fanden jedoch nur noch wenige bewohnbare Häuser vor. 1654 lebten in Großingersheim wieder 307, in Kleiningersheim 80 Einwohner.

Auffällig ist die religiöse Zusammensetzung der Bevölkerung. Neben der protestantischen Mehrheit lebten nun auch sechs Katholiken und elf Calvinisten, eine Richtung innerhalb des Protestantismus, in der Gemeinde. Dies zeigt, dass nur ein Teil der Bewohner aus alteingesessenen Familien stammten. Viele Neuansiedler kamen aus weiter entfernten Gegenden, manche vermutlich sogar aus der Schweiz. So wurde 1656 in Großingersheim der aus Wien gebürtige Adam Berger als Kuhhirte eingestellt, und 1671 sind mehrere Schweizer als Einwohner belegt.

 
 
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