Ingersheim Die Luft wird dünner

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Im Sitzungssaal des  Ingersheimer Rathauses hat Volker Godel in den letzten Jahren viel Zeit  verbracht. Nicht nur bei Gemeinderatssitzungen, sondern auch bei kulturellen Veranstaltungen.⇥ Foto: Martin Kalb

Bürgermeister Volker Godel scheidet im Mai 2020 aus dem Amts aus. Zeit für eine letzte Bilanz als Verwaltungschef und einen Ausblick auf die Zeit danach.

Für Volker Godel ist es der letzte Jahreswechsel als Bürgermeister. Nach drei Amtsperioden wird er sein Amt am 1. Mai abgeben. Trotzdem nutzt er im BZ-Jahresgespräch die Möglichkeit, eine Bilanz zu ziehen und, soweit es möglich ist, noch einen Blick in die Zukunft zu werfen.

 

Wie fällt die Gesamtbilanz für 2019 aus?

2019 war für Godel ein Jahr, in dem Begonnenes weitergeführt und für die Weiterentwicklung der Gemeinde Akzente und Weichenstellungen vorgenommen werden konnten.  Das „Wohnen-Plus-Konzept“ der Evangelischen Heimstiftung nähere sich seiner Vollendung, wie auch der Bau der Zentrale von ACPS im Gewerbegebiet „Bietigheimer Weg“. Der Beschluss, ein größeres Grundstück an die Firma Atlanta aus Bietigheim-Bissingen zu verkaufen, treibe eine sinnvolle und notwendige Erweiterung des Gewerbegebiets weiter voran. „In der Kinderbetreuung haben wir den im Vergleich anerkannt hohen Standard auch durch die Implementierung von Leitungsebenen wahren können“, so Godel weiter. Im Bereich Umwelt und Natur konnte Ingersheim als eine der ersten  Kommunen im Landkreis mit Unterstützung des Landes, der Fachbehörden aus dem Landratsamt und unter Mitwirkung zahlreicher Akteure aus der Gemeinde, vor allem aus der Landwirtschaft, eine Biotopvernetzungskonzeption  auf den Weg bringen.

Was waren im Jahr 2019 die  wichtigsten Investitionen?

Von der Bausumme her sei  der Abschluss des zusätzlichen Neubaus für die Schulkindbetreuung mit rund 800 000  Euro  der „größte Brocken“ gewesen.  Ansonsten sei man in Ingersheim im Tiefbau und in der Hochbausanierung anhaltend mit kleineren Maßnahmen beschäftigt. Godel nennt die Erneuerung von Wasserversorgungsleitungen nebst Straßenbelagsarbeiten im Gebiet „In den Linden“, ein möglicher Breitbandausbau und Ansätze hinsichtlich der Gasversorgung in Kleiningersheim.  Und mit dem vom Landkreis koordinierten Ausbau des bisher unbefestigten Feldwegs zwischen der Kreisstraße 1618 und dem Holderweg bestehe seit wenigen Wochen eine durchgehend asphaltierte Radwegverbindung zwischen Klein- und Großingersheim, die auch den landwirtschaftlichen Anliegern Vorteile bringe.

Wie ist die Haushaltslage zum Jahresende?

Intern sind Ausgabensteigerungen unter anderem bei notwendigen Unterhaltungsmaßnahmen, durch Tarifsteigerungen bei den Personalkosten und einem weiteren notwendigen Ausbau der EDV-Infrastruktur auf dem Rathaus gegeben. „Gleichzeitig sind die Gewerbesteuereinnahmen, mit Ausnahme von Bereichen im Zweckverbandsgebiet „Bietigheimer Weg“, nicht mehr auf dem hohen Stand wie bisher. Das wirke sich auf das Ziel eines Haushaltsausgleichs im Ergebnishaushalt gegenüber den Haushaltsansätzen negativ aus.

„Und wenn der Gemeindetag Baden-Württemberg augenblicklich schätzt, dass kurz- bis mittelfristig 40 bis 50 Prozent der Kommunen ihre nach dem neuen Haushaltsrecht zu erwirtschaftenden Abschreibungen nicht mehr darstellen können, dann spricht das Bände und lässt außerdem weitere Zweifel an der Sinnhaftigkeit des uns vom Land aufgezwungenen Verfahrens aufkommen“, kritisiert Godel. So werde auch in Ingersheim die Luft zunehmend dünner, was sich bereits in der Jahresrechnung für 2019 zeigen werde. Konnte man die Gesamtverschuldung im Haushalt noch bis Ende 2017 auf unter einer Million Euro halten, so haben in der Zwischenzeit notwendige Kreditaufnahmen den Stand von rund vier Millionen Euro erreicht. Maßgeblich ausschlaggebend dafür sind fast eine dreiviertel Million Euro für den Neubau der Schulkindbetreuung sowie deutlich über zwei  Millionen Euro für die Flüchtlingsunterkunft.

Wie werden die Aussichten für 2020 eingeschätzt?

Spielräume für Investitionen größeren Ausmaßes werde es nicht geben, daneben wird es aus jetziger Sicht auch schwer möglich sein, den Ergebnishaushalt auszugleichen, so Godel. „Außerdem sind wir seitens der Stadt Freiberg  mit Kostenbeteiligungsforderungen, was den Neubau der Oscar-Paret-Schule anbelangt, in Millionenhöhe konfrontiert. Zukunftsfähig können wir uns aus meiner Sicht nur mit einem weiter forcierten Aufbau des Gewerbegebiets Bietigheimer Weg aufstellen.“

Bedauerlich sei dabei aber, dass das, was jetzt eingeleitet und umgesetzt werde, erst mit einiger Verzögerung einen größeren finanziellen Ertrag zeitige, so Volker Godels besorgter Blick in die Zukunft der Gemeinde Ingersheim.

Was sind die wichtigsten Projekte im neuen Jahr?

„Vorab, ich kann die Entwicklungen nur noch für rund drei Monate beeinflussen. Trotz der angespannten finanziellen Situation ergeben sich Perspektiven, vor allem durch Weichenstellungen im planerischen Bereich“, so Godel. Wobei sich die Entwicklung eines Gemeinwesens nach Meinung des Bürgermeisters nicht ausschließlich durch die Höhe der getätigten Investitionen im Hochbausektor definiere. Dafür wurden höhere Ausgaben in der Infrastruktur eingeleitet und sind teilweise bereits in der Umsetzung. Der Wasserversorgung kommt dabei neben Breitband- und Gasversorgungsmöglichkeiten eine deutlich stärkere Bedeutung zu. Für eine weitere Sicherung der anteiligen Eigenversorgung mit Wasser sind Probebohrungen im Tal für einen Tiefbrunnen im Gange, so Godel. Ein Radwegekonzept ist in den Grundzügen ebenso vorhanden, hier könne auf Bestehendem aufgebaut werden. „Auch der Entwurf unseres Lärmaktionsplans ist in der Überarbeitung, wir hoffen, dass aufgrund von Rechtsänderungen hier weitere Geschwindigkeitsbeschränkungen, beispielsweise im Zuge der L 1113 nördlich und südlich, im Pflaster und vielleicht auch in Kleiningersheim möglich sein können.“ Wenn der Grunderwerb für das Gewerbegebiet weiter betrieben werden kann, ergeben sich auch Perspektiven für eine durchgehende Gewerberandstraße zwischen L 113 und L 1125 als Teilentlastung der innerörtlichen Verkehrsbeziehungen. Auf dem Wohnungsbausektor hofft Godel noch in seiner Amtszeit mit dem Abschluss der Umlegung für das Baugebiet „Beeten II“ weiterzukommen, auch, um im sozialen Wohnungsbaus aktiv werden zu können. Und für die Ortskernsanierung konnten für die „Neue Mitte“ in Großingersheim  Planungsaufträge vergeben werden, nachdem sich nach langer Zeit grundstücksbezogene Perspektiven ergeben hätten.

Wie sehen die ganz persönlichen Wünsche für die kommende Zeit aus?

„In dienstlicher Hinsicht eine gute Weiterentwicklung der Gemeinde, für die eine Mehrheit des Gemeinderates aus meiner Sicht nach wie vor positiv steht. Dazu gehört neben der Beibehaltung des Standards in der Kindertagesbetreuung auch die weitere Unterstützung der Sozialstation, die viel Hilfe im Verborgenen leistet.“ Allgemein wünscht sich Volker Godel, dass in der Abwägung unterschiedlicher Interessen nicht immer  auf die gehört werde, die sich am lautesten öffentlichkeitswirksam zu Wort melden. „Privat wünsche ich eine  Stabilisierung meiner gesundheitlichen Situation, verbunden mit der Möglichkeit, zumindest absehbar im Ehrenamt für die Gemeinschaft wirken zu dürfen“, so Volker Godel.

 
 
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