Ingersheim Eine stille Heldin des Alltags

Von Jörg Palitzsch
Pauline Groll mit Pfarrer Felix Klein, dem sie Jahrzehnte den Haushalt führte. Foto: /Archiv Palitzsch

Das „Pfarr-Päule“ verbrachte ein Leben voller Pflichten, Fürsorge und unerfüllter Liebe. Sie starb vor 50 Jahren.  

Es war eine schlichte Todesanzeige, die vor 50 Jahren in der Bietigheimer Zeitung erschien. Die Angehörigen nahmen 1976 Abschied von Pauline Groll, die im gesegneten Alter von 86 Jahren verstarb. „Nach einem arbeitsreichen Leben voller Liebe und Fürsorge für ihre Nächsten durfte unsere gute Tante, Großtante, Urgroßtante und Schwägerin, Pfarr-Päule, für immer zur Ruhe gehen.“ Das „Pfarr-Päule“ ist bis heute bei vielen Menschen in Kleiningersheim unvergessen. War sie im Dienst der Kirche im Pfarrhaus doch Köchin, Mesnerin, Krankenpflegerin und Seelentrösterin zugleich. Im Dorf nannte man sie liebevoll die „gute Seele“.

Früh Verantwortung übernommen

Geboren 1890 als ältestes von sieben Kindern der Familie Groll, wuchs Pauline in einfachen Verhältnissen in der Kleiningersheimer Hauptstraße auf. Früh musste sie Verantwortung übernehmen, während zwei ihrer Brüder später im Ersten Weltkrieg dienten. Ein besonders schwerer Schlag traf die Familie im Dezember 1921. Vater Karl Groll kam bei einem tragischen Unglück am Neckar ums Leben, dieser Verlust prägte Pauline tief.

Auch privat blieb ihr das Glück versagt. Ihre große Liebe galt dem jungen Friedrich Nägele. Die Beziehung wurde vom Vater strikt abgelehnt und Pauline kurzerhand als Dienstmädchen nach Frankfurt geschickt – weit weg von zuhause und von dem Mann, den sie liebte. Nägele wanderte später nach Amerika aus und wollte Pauline nachholen. Doch das Schicksal verhinderten ein Wiedersehen. Als Pauline erfuhr, dass Nägele in New York eine andere Frau geheiratet hatte, war die Hoffnung für sie endgültig verloren.

Ihre Lebensaufgabe begann 1915 im Pfarrhaus

1915 begann ein neuer Lebensabschnitt: Pauline Groll kam ins Pfarrhaus von Kleiningersheim. Was zunächst als Hilfe für die kranke Schwester des Pfarrers Felix Klein begann, wurde zu einer Lebensaufgabe. Eine Kirchengemeinde hatte die Aufgabe einzugreifen, wo Hilfe benötigt wurde. Der Dienst am Nächsten gehörte zu kirchlichen Auftrag und Pauline erfüllte diesen 30 Jahre lang im Pfarrhaus mit großem Eifer.

So wurde sie zur unersetzlichen Stütze des Haushalts im Pfarrhaus. Pfarrer Klein, den sie stets ehrfürchtig „meinen Herr“ nannte, litt an Diabetes und war auf besondere Ernährung angewiesen. Pauline kümmerte sich gewissenhaft um ihn, selbst wenn sie dafür teure Lebensmittel besorgen musste. Für andere da zu sein, war für sie selbstverständlich.

Sechsköpfige Kinderschar des neuen Pfarrers

Nach dem Tod von Pfarrer Klein zog mit Pfarrer Anton Hudjetz neues Leben ins Pfarrhaus ein – und mit ihm eine sechsköpfige Kinderschar. Wieder war es Pauline, die kochte, wusch, flickte und tröstete. Windeln wurden im Winter draußen zum Trocknen aufgehängt, die Hände froren, doch die Sorge um die Kinder ließ sie alle Mühen vergessen. Trotz harter Arbeit bewahrte sie sich ihren Humor und ihre Warmherzigkeit.

Auch die dunklen Jahre des Nationalsozialismus gingen nicht spurlos an Kleiningersheim vorbei. Es gab SA-Aufmärsche, Fahnen und politische Spannungen bestimmten das Bild. Das Schloss war nach 1933 Gauführerschule für die Sturmabteilung der Nazis, um den „Führernachwuchs“ der NS auszubilden. Ebenso befand sich ein Heim für „Mädchen im Pflichtjahr“ im Gebäude, die ein „Landjahr“ absolvieren mussten. Die SA-Männer sangen im Garten des Schlosses schändliche Lieder in Richtung des nahe gelegenen Pfarrhauses und verhöhnten Kirche und Pfarrer. Während draußen Parolen gerufen wurden – historische Bilder zeigen Kolonnen von SA-Männern durch den Ort ziehen, die dann für ein Gruppenfoto vor dem Café und der Bäckerei von Gustav Haug posierten – hielt Pauline Groll im Pfarrhaus den Alltag am Laufen, für die Kinder, für die Kirche, für die Menschen.

Innerlich der Heimat treu geblieben

Im Alter holten die Krankheiten sie ein, Rheuma, Gicht, Diabetes und offene Beine machten ihr zu schaffen. Sie kam erst ins Krankenhaus nach Bietigheim, später ins Altersheim nach Markgröningen. Doch innerlich blieb sie ihrer Heimat treu. Bilder und Karten aus Kleiningersheim schmückten ihre Wände, und in Gesprächen kehrte sie immer wieder zu den Menschen und Zeiten zurück, die ihr Leben geprägt hatten.

Am 2. März 1976 starb Pauline Groll im Alter von 86 Jahren. Zwei Tage später wurde sie in Kleiningersheim beerdigt. An dem Ort, an dem sie selbst immer hatte ruhen wollen, nahe dem Grab von Pfarrer Felix Klein. Pauline Groll hatte keine eigenen Kinder. Doch sie hinterließ etwas, was heute noch über sie erzählt wird. Dankbarkeit, Erinnerung und das Gefühl, dass jemand da war, wenn man Hilfe brauchte. Eine stille Heldin des Alltags – still, pflichtbewusst und mit einem unerschütterlichen Sinn für Verantwortung. Jörg Palitzsch

 
 
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