Ingersheim Eine Tour gegen das Vergessen

Von Jörg Palitzsch
Norbert Meier aus Ingersheim will mit seiner Radtour die Erinnerungen an vergangenes Unrecht lebendig halten. Foto: /Martin Kalb

Mit dem Fahrrad zu den Orten der NS-Verfolgung: Norbert Meier macht Familiengeschichte zu einer Botschaft für die Gegenwart. 

Mit einer außergewöhnlichen Fahrradtour durch Deutschland und Osteuropa verbindet der 65-jährige Norbert Meier, Unternehmer im Ruhestand aus Ingersheim, persönliche Erinnerungsarbeit, historische Bildung und gesellschaftliches Engagement. Die rund 1300 Kilometer lange Reise mit dem Fahrrad, kein E-Bike, führen ihn ab Ende Juni zu bedeutenden Orten der europäischen Geschichte, darunter ehemalige Konzentrationslager und Gedenkstätten. Angetrieben wird er dabei vor allem von der Geschichte seines Großvaters Ernst Wauer, der als Zeuge Jehovas während der NS-Zeit verfolgt und in Konzentrationslagern inhaftiert wurde. Die Tour ist für ihn nicht nur eine sportliche Herausforderung, sondern auch eine Gelegenheit, über Werte, Menschlichkeit und die Bedeutung historischer Erinnerung ins Gespräch zu kommen, so Meier.

Erste Anlaufstelle ist die neue Gedenkstätte für die verfolgten Zeugen Jehovas, die nach einem einstimmigen Beschluss des Bundestags errichtet und am Goldfischteich im Berliner Tiergarten eingeweiht wird. Die Gedenkstätte soll an das Schicksal der vielen Zeugen Jehovas erinnern, die während der NS-Zeit verfolgt wurden. Für Meier hat dieses Thema eine besondere persönliche Bedeutung, da sein Großvater Ernst Wauer selbst Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung und neun Jahre in Haft war. Wauer arbeitete als Unternehmensberater in Dresden und weigerte sich, eine Erklärung zu unterschreiben, mit der er sich dem NS-Regime unterordnen sollte. Aufgrund seiner religiösen Überzeugung und seines Engagements für die Zeugen Jehovas wurde er zunächst in Einzelhaft genommen und später in verschiedene Konzentrationslager deportiert. Schließlich kam er in das KZ Sachsenhausen. Dort wurde er Zeuge der Erschießung eines Kriegsdienstverweigerers und erlebte zahlreiche Grausamkeiten aus nächster Nähe. Trotz schwerster Misshandlungen, harter Arbeit, Schlägen und Essensentzug blieb er seinen Überzeugungen treu.

Bei Schulen zu Besuch

Norbert Meier sieht sich heute als einen der letzten Menschen, die diese persönlichen Erinnerungen noch weitergeben können. Aus der Familiengeschichte heraus engagiert sich Meier intensiv für Erinnerungsarbeit und politische Bildung. Er besucht Schulen und spricht dort mit jungen Menschen über die Zeit des Nationalsozialismus, die Verfolgung von Minderheiten und die Bedeutung von Menschlichkeit, Respekt und demokratischen Werten. Dabei geht es ihm nicht nur darum, historische Fakten zu vermitteln, sondern auch die Lehren aus der Geschichte für die Gegenwart aufzuzeigen. Er möchte dazu anregen, über Verantwortung, Zivilcourage und den Umgang miteinander nachzudenken.

Eine besondere Rolle spielt dabei seine geplante Fahrradtour, die ihn von Berlin aus über Görlitz und Liberec nach Breslau und dann nach Tschenstochau, Krakau und Auschwitz führt – entlang historisch bedeutsamer Orte und ehemaliger Konzentrationslager. Er möchte dabei nicht nur die Landschaften und Städte kennenlernen, sondern auch die Geschichte der Regionen nachvollziehen und mit den Menschen ins Gespräch kommen. Gerade Auschwitz betrachtet Meier als einen wichtigen Ort der Erinnerung, da er sich bereits intensiv mit vielen anderen Konzentrationslagern beschäftigt hat und die Erfahrungen seines Großvaters stets mit diesen Besuchen verbindet.

Die Reise soll durch die Tatra und die Slowakei fortgesetzt werden. Dort interessiert ihn neben der Natur auch das Leben der Menschen und die kulturelle Entwicklung. Bären, die in diesem Gebiet auftauchen können, will er mit lauter Radiomusik auf Distanz halten. Gespannt sei er auf Trencin, in diesem Jahr Kulturhauptstadt Europas. Anschließend plant Meier, nach Budapest weiterzuradeln und an Victor Orbans Privathaus vorbeizufahren.

Norbert Meier beschreibt sich selbst als jemanden, der nach der Übergabe seines Betriebs an seinen Sohn einen neuen Lebensabschnitt begonnen hat. Gesundheit, Bewegung und persönliches Engagement spielen für ihn eine wichtige Rolle. Er bereitet sich körperlich auf die lange Reise vor und nutzt seine Erfahrungen als Heilpraktiker, um fit zu bleiben. Seine Fahrradtouren verbindet er bewusst mit Projekten, die für ihn einen gesellschaftlichen oder historischen Sinn haben.

Lehren aus der Geschichte

Geprägt wurde sein Denken nicht nur durch die Erfahrungen seines Großvaters, sondern auch durch weitere Familienmitglieder, die wegen ihres Glaubens Repressionen erlebt haben. So wurde ein Onkel in der DDR inhaftiert, weil er Zeuge Jehovas war. Diese Erfahrungen haben den Ingersheimer darin bestärkt, sich für Werte wie Gewissensfreiheit, Frieden und Menschlichkeit einzusetzen. Er ist überzeugt, dass Menschen für ihre Überzeugungen einstehen sollten, auch wenn dies persönliche Nachteile mit sich bringt.

Sein Ziel ist es, die Erinnerungen an vergangenes Unrecht lebendig zu halten und gleichzeitig deutlich zu machen, dass die daraus gewonnenen Werte auch heute Orientierung geben können. Für Norbert Meier stehen nicht Schuldzuweisungen im Vordergrund, sondern die Frage, wie Menschen verantwortungsvoll miteinander umgehen und welche Haltung sie gegenüber Ausgrenzung, Gewalt und Intoleranz einnehmen. Meier: „Jede Geschichte hat seine Lehren.

 
 
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