Ingersheim „Es braucht Zeit und klare Ideen“

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Ein Teil der Marktstraße wurde im abgelaufenen Jahr für 271 000  Euro saniert. Das wichtigste Projekt für 2021 bleibt jedoch die weitere Planung und Umsetzung des Wohngebietes In den Beeten II.⇥ Foto: Martin Kalb

Trotz Corona hat die Ingersheimer Bürgermeisterin Simone Lehnert die wichtigen Themen in der Kommune beharrlich vorangetrieben. Ein Stillstand ist nicht in Sicht.

Es war kein einfaches Jahr für die neue Ingersheimer Bürgermeisterin Simone Lehnert. Trotzdem blickt sie positiv auf die letzten Monate und voller Optimismus in die Zukunft der Kommune.  „Wir sind gut aufgestellt“, so Simone Lehnert im BZ-Interview zum Jahreswechsel.

Wie fällt Ihre Gesamtbilanz für das Corona-Jahr 2020 aus?

Simone Lehnert: Positiv. Wir haben viel gearbeitet und wie ich finde, auch geschafft. 2020 war ein forderndes und in jeder Hinsicht mit Überraschungen gespicktes Jahr. Als ich im Februar 2020 in Ingersheim zur Bürgermeisterin gewählt wurde, habe ich noch nicht ahnen können, was auf mich und die gesamte Gesellschaft zukommen wird. Im Mai bin ich dann mitten im Krisenmanagement ins Amt gestartet. Alles war einfach anders, als man es hätte erwarten können. Ich finde, dass wir in Anbetracht der Umstände gut mit den Herausforderungen umgegangen sind. Es hat uns im Rathaus und im Gemeinderat die Chance gegeben, uns als neues Team zu finden und die Grundlagen für eine gute Zusammenarbeit zu legen. Das Jahr 2020 zeigt mir, dass es in unserer eigenen Hand liegt, wie wir mit Krisen umgehen. Ich versuche, das Positive darin zu sehen, unsere Gesellschaft funktioniert gut zusammen, wenn wir es wollen.

Also war es nicht unbedingt nur ein Corona-Jahr für Sie?

Nein. Die Gemeinde Ingersheim stand auch ohne Corona schon vor einigen Herausforderungen. Wir dürfen uns von Corona nicht allzu sehr davon ablenken lassen, diese zu meistern. Die Haushaltskonsolidierung ist dabei unsere wichtigste Aufgabe. Die hatten wir auch schon ohne Corona, durch die Krise wird sie nur noch deutlicher sichtbar.

Was waren im Jahr 2020 die wichtigsten Investitionen?

2020 hat Ingersheim in seine Infrastruktur investiert. Im Wohngebiet In den Beeten wird derzeit in den Neubau der Wasserleitungen investiert, die Anwohner erhalten die Möglichkeit, sich ans Gasnetz anzuschließen. Mit einhergehen wird der Bau einer  Wendeplatte, und alle Straßen werden einen neuen Belag erhalten, die Parkbuchten werden mit attraktivem Pflaster eingefasst werden. Diese Maßnahme umfasst ein Gesamtvolumen von rund einer Million Euro und läuft bereits seit einigen Monaten.   Davor haben wir  einen Teil der Marktstraße bereits saniert, mit einem Investitionsvolumen von 271 000  Euro. Die Bauarbeiten im Wohngebiet In den Linden in Kleiningersheim konnten ebenfalls realisiert und zum Abschluss gebracht werden.

Gibt es auch Einsparungen?

Eine Investition, die in ganz Großingersheim zu mehr Licht vor allem jetzt in der dunklen Jahreszeit führt, war die Umrüstung auf LED im Ort. Im Wohngebiet In den Beeten wird ebenfalls die gesamte Straßenbeleuchtung neu aufgebaut. Hierfür gibt die Gemeinde insgesamt rund 270 000 Euro aus. Dies wird sich allerdings im Laufe der kommenden Jahre amortisieren, da aufgrund der Umrüstung auf das stromsparende LED jährlich rund 50 000 Euro an Stromkosten eingespart werden können.

Wie hat sich durch Corona die Haushaltslage zum Jahresende geändert?

Wir haben im Juli eine Haushaltssperre beschlossen, da sich die finanziell stark angespannte Lage der Gemeinde durch die große Unsicherheit im Zusammenhang mit den Haupteinnahmequellen der Gemeinde, die Einkommensteuer und die Gewerbesteuer, weiter verschärft hatte. Im Oktober haben wir dann einen Nachtragshaushaltsplan erlassen, mit dem die Sperre wieder aufgehoben wurde.

Mit welchen Auswirkungen?

Durch die finanziellen Ausgleichszahlungen von Bund und Land für die ausgefallenen Gewerbesteuereinnahmen konnte der Ausfall für 2020 weitestgehend aufgefangen werden. Dafür sind wir sehr dankbar. Allerdings gibt es für den hohen Ausfall der Einkommensteuer, die in Ingersheim in der Regel weit über der Gewerbesteuer liegt, keine Ersatzleistungen. Bislang sind auch noch keine in Aussicht gestellt. Dies reißt eine große Lücke in unsere Einnahmenseite. Wir müssen mit einem deutlichen Rückgang auf der Einnahmenseite rechnen. Eine sehr große Herausforderung für unseren Haushalt.

Wie reagiert die Gemeinde in Zukunft darauf?

Die Haushaltssperre war nur der Beginn einer umfassenden Haushaltskonsolidierung, die verwaltungsintern und in der Zusammenarbeit mit dem Gemeinderat begonnen wurde. Den Startschuss hat eine Klausurtagung des Gemeinderats im Oktober gebildet. Es wird nun jede Ausgabe auf den Prüfstand gestellt. Bei vielen Themen ist es wichtig, keine Schnellschüsse vorzunehmen, sondern sich strategisch neu aufzustellen. Dies braucht Zeit und klare Ideen, wohin es gehen soll.

Wie schätzen Sie die Aussichten für 2021 ein?

Stand heute können wir davon ausgehen, dass die Maßnahmen in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie noch eine Weile unser Leben prägen werden. Damit wird es weiterhin unsicher bleiben, wie sich unsere Finanzen entwickeln.

Was sind die wichtigsten Projekte?

Das wichtigste Projekt für 2021 ist die weitere Planung und Umsetzung des Wohngebietes In den Beeten II. Auch aufgrund unserer Haushaltslage ist dieses Projekt wichtig. Wir kalkulieren hier mit Einnahmen, die wir dringend brauchen, um wieder ein wenig Boden unter den Füßen zu bekommen. Gleichzeitig ist dieses Wohngebiet für die Ortsentwicklung ein prägendes Projekt. Mein Ziel ist es, dort eine nachhaltige Wärmeversorgung umsetzen zu können. Zudem schwebt mir vor, dass wir neben Einfamilien-, Doppel- und Reihenhäusern attraktive Mehrfamilienhäuser realisieren können. Es soll für jeden Geldbeutel etwas dabei sein, Stichwort „Bezahlbarer Wohnraum“. Zudem bietet In den Beeten II auch die Möglichkeit, neue Wohnformen zu realisieren. Dadurch, dass die Gemeinde über die Hälfte der Grundstücke selbst veräußern wird, da diese aufgrund der Umlegung der Gemeinde gehören, haben wir hier großen Gestaltungsspielraum.

Was ist noch geplant?

Auch in der Ortsmitte soll es weitergehen. Es steht der Abriss von Gebäuden an, diese Investition ist zu tätigen, da wir ansonsten bereits ausbezahlte Fördermittel aus dem Sanierungsgebiet zurückzahlen müssten. Die Ortsmitte bietet großes Entwicklungspotenzial. Mir schwebt vor, dass wir 2022 mit der Erarbeitung eines Ortsentwicklungsplanes beginnen, mit enger Kooperation von Gemeinderat, Bürgerschaft und Verwaltung. Hierbei soll auch die Weiterentwicklung der Ortsmitte Thema sein. Ich erhalte viele E-Mails und Briefe mit Hinweisen und Ideen für die weitere Entwicklung von Ingersheim. Dies zeigt, wie groß das Interesse der Bürgerinnen und Bürger an der Entwicklung ihrer Gemeinde ist. Dieses Potenzial kann genutzt werden.

Gibt es auch Überlegungen für Kleiningersheim?

Aus meiner Sicht müssen natürlich auch Fragen angegangen werden, die Kleiningersheim betreffen – die Sanierung des Schönblicks beispielsweise. Hier gibt es Ideen von Bürgerinnen und Bürgern, die aufgegriffen werden können. Unsere Haushaltslage wird eine herkömmliche Sanierung mit hoher Investition seitens der Gemeinde nicht möglich machen. Vielleicht gibt es hier neue Wege, die wir gehen können, in Zusammenarbeit mit der Bürgerschaft. Hierfür bin ich offen und möchte mit Interessierten ins Gespräch gehen.

Ein Problem ist die Infrastruktur.

Vielleicht ergibt sich auch die Möglichkeit einer interessanten Nahversorgung für Kleiningersheim, wie sie in manchen Orten, die eine ähnliche Struktur haben, bereits realisiert wurde. Hierfür habe ich Ideen und möchte mit den Menschen vor Ort ins Gespräch kommen. Das war 2020 – in meinen ersten acht Monaten – noch nicht alles möglich, auch aufgrund der Pandemie.

Was sind Ihre persönlichen Wünsche fürs kommende Jahr?

Mein Wunsch ist, dass wir gemeinsam nach vorne schauen und uns als Gesellschaft nicht auseinanderdividieren lassen.  Jede und Jeder darf und soll seine eigene Meinung haben und diese auch kundtun. Das gehört zu einer freien und vielfältigen Gesellschaft dazu. Angst macht mir jedoch, dass der Ton teils so scharf wird, Menschen beleidigt werden und Pauschalierungen gemacht werden.  Ich wünsche mir, dass wir sehen, worin die Chance liegt, die uns diese Zeit bietet und Jede und Jeder sich klar wird darüber, welch starke Waffen auch Worte sein können. Ich persönlich hoffe auch, dass wir uns im neuen Jahr auf ein Jubiläumsjahr mit zahlreichen Festlichkeiten in 2022 vorbereiten können. Da jährt sich der Zusammenschluss von Groß- und Kleiningersheim zum 50. Mal. Das wäre aus meiner Sicht ein  Anlass für Ingersheim, sich selbst zu feiern und vielleicht auch ein richtiges Aufatmen nach der Corona-Krise.

Gibt es spezielle Sorgenkinder in Ihrer Gemeinde?

Von speziellen Sorgenkindern möchte ich  nicht sprechen. Manchmal sehe ich die Vielzahl an Aufgaben und hoffe, dass wir alles schaffen. Eine Gemeinde funktioniert nur als Gemeinschaft. Hier sind wir gut aufgestellt, sowohl der Gemeinderat möchte als Gemeinschaft agieren als auch die Gemeindeverwaltung. Deshalb werden wir auch die etwas größeren Herausforderungen bewältigen.

 
 
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