Ingersheim Herzensmusik unter freiem Himmel

Von Helga Spannhake
Nils Wanderer, der charismatische heimatverbundene Sänger, füllte mit seinen musikalischen Gästen den Festplatz Fischerwörth. Foto: /Oliver Bürkle

Auch in diesem Jahr verband das Festival „Zwischen den Welten“ unter der künstlerischen Leitung des Ingersheimer Countertenors Nils Wanderer Klassik, Pop und Weltmusik.  

Auf der Bühne wurden letzte Vorbereitungen getätigt, während sich in der, immer noch warmen Abendsonne die Plätze vor der Bühne nach und nach füllten. Die Ingersheimer Bürgermeisterin Simone Lehnert begrüßte gut gelaunt das erwartungsvolle Publikum: „Ich bin sprachlos, stolz und glücklich, dass wir hier so ein tolles Festival stattfinden lassen“. Sie erinnerte daran, dass Nils Wanderer erst vor kurzem sein Debüt an der Metropolitan Opera in New York gegeben hatte und nun wieder in Ingersheim auftrat, der Stadt, der er nach wie vor besonders verbunden ist. Bisher fand sein Festival auf Schloss Kleiningersheim statt, aber dort wurde es im letzten Jahr doch etwas zu eng. Daher fragte Nils Wanderer nach einer neuen Location an und außerdem stand zusätzlich die Frage im Raum, ob vielleicht die Vereine aus Ingersheim mitmachen würden. Beides konnte mit ja beantwortet werden und so wurde auf dem Festplatz Fischerwörth eine imposante Bühne aufgebaut und ringsherum viele Vereins-Stände.

Stimmung mit dem ersten Akkord

Nach den einleitenden Worten spielte die Band unter der Leitung von Ariane Müller (bekannt als ein Teil des Duos Suchtpotenzial) erste Takte, als Nils Wanderer unter viel Beifall im Publikum zur Bühnenmitte lief: „Schön, dass ihr da seid“, rief er und der berühmte Funke sprang augenblicklich über. Da wurde begeistert mitgeklatscht, im Takt auf den Stühlen gewippt und es wurde sofort klar, dass das ein Abend von Freunden für Freunde war: Herzlich, familiär der Umgang und Nils Wanderer, gegen die langsam untergehende Sonne singend, witzelte, dass es schön kühl sei und prophezeite, dass sein weißes Hemd im Laufe des Abends wohl die Farbe wechseln würde. Anschließend stimmte er gemeinsam mit Sängerin Julia Gámez Martin (der andere Teil des Duos Suchtpotenzial) ein Duett an – Shallow von Lady Gaga und Bradley Cooper und hier traf rockige auf Opernstimme. Beim folgenden Cover des Bronski Beat 80er Jahre Hits „Smalltown Boy“, damals gesungen von Jimmy Somerville mit seiner außergewöhnlichen Falsettstimme, passte Nils Wanderers Countertenor-Timbre perfekt. Er spielte gekonnt mit den verschiedenen Stimmregistern und sofort nach Verklingen der letzten Note war ihm brandender Applaus sicher.

Das Festival war betitelt mit „Zwischen den Welten“ und nach dem rockigen Beginn folgte nun der Wechsel in die Welt der Opernarien. Mit der wohl berühmtesten Arie Georg Friedrich Händels „Lascia ch’io pianga“, die erst als Klagelied in seiner Oper „Rinaldo“ weithin bekannt wurde, zeigte Nils Wanderer warum er als Countertenor zahlreiche Preise gewonnen hat: Seine klare, technisch brillant geführte und hier sehr lyrisch angelegte Stimme sorgte für wohlige Gänsehaut und ließ das andächtig lauschende Publikum im Anschluss erneut jubeln. Dieser galt dabei auch Ariane Müller, die ihn wunderbar empathisch als Pianistin begleitet hatte: „Ich schwitze nicht nur wegen der Sonne“, warf sie ein und das war kein Wunder, denn Barockmusik gehört eigentlich nicht zum Repertoire des Duos Suchtpotenzial. Als Musik-Comedy werden ihre Auftritte charakterisiert, gern gespickt mit albernen Dialogen, aber auch Gesellschaftskritik. Als musikalische Gäste von Nils Wanderer zeigten sie sich beim Festival als gestandene und auch professionell ausgebildete Musikerinnen. Ariane Müller hatte sogar ihre beiden erwachsenen Töchter dabei. Sie sind längst in die Fußstapfen ihrer Mutter getreten und gaben als „Die Müller Sisters“ ein kleines, drei Songs umfassendes, Set mit Mitsingpassagen, die das begeisterte Publikum gern annahm.

Vom Konzert zur Party

In der halbstündigen Pause bestand die Gelegenheit die Stände der Ingersheimer Vereine zu besuchen. Da gab es Burger, Pommes und Wilde-Rote, die aus Wildschwein und Reh hergestellt war. Neben Bier, Wein und Aperol Spritz Angeboten waren auch die AIDS-Hilfe Stuttgart und die Deutsche AIDS Stiftung mit Ständen und Infos vertreten. Ins Gespräch kommen konnte man auch mit der bekannten Fernsehmoderatorin Bettina Böttinger.

Extra aus Köln war sie nach Ingersheim gereist, da sie mit Nils Wanderer befreundet ist: „Er ist ein ganz warmherziger kluger Mensch“, konstatierte sie und lobte das Festival: „Da könnte sich manch große Stadt eine Scheibe von abschneiden“. Es war ein Abend mit Musik, die vom Herzen kam und der Konzertcharakter des Festivals wandelte sich nach der Pause zur Partyzone, denn alle machten noch mehr Stimmung – ob als Blues Sisters oder Soulgirls, beim James Bond Titel „Skyfall“ oder mit „Memory“ aus dem Musical-Klassiker „Cats“. Sie schienen in allen Genres bestens zu Hause zu sein und zum 80er Jahre Medley schließlich hielt es fast keinen mehr auf seinem Sitzplatz. Vor der Bühne wurde getanzt, geklatscht, mitgesungen und ohne Zugaben entließ das enthusiastische Publikum keinen von der Bühne.

 
 
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