Ingersheim Wo bunte Farben Wurzeln schlagen

Von Jörg Palitzsch
Unter dem Titel „Roots and Fruits“ stellt der Graffiti- und Streetart Künstler Jan-Malte Strijek im Rathaus aus. Foto: /Martin Kalb

Eine Ausstellung mit Arbeiten des Frankfurter Künstlers Jan-Malte Strijek wurde im Rathaus eröffnet.

Graue Wurzeln, bunte Erdbeeren, schwarz-weiße Spuren und wenige Buchstaben. Die Arbeiten des Frankfurter Graffiti- und Streetart-Künstlers Jan-Malte Strijek führen den Betrachter in ein unbekanntes Terrain, dorthin, wo der Künstler eine Botschaft vermitteln will. Mit einer Vernissage wurde am vergangenen Freitag die Ausstellung „Roots and Fruits“ mit seinen Bildern im Ingersheimer Rathaus eröffnet. Die Gäste nutzten die Gelegenheit, die Werke Strijeks kennenzulernen und mit ihm persönlich ins Gespräch zu kommen.

Der Künstler selbst übernahm die Einführung und erklärte, wie er seinen eigenen Stil fand, wobei dieser mit seinen vielen Facetten auf den ersten Blick nicht erkennbar ist.

Über die Grenzen der Graffiti-Kunst

So gehen Strijeks Arbeiten weit über die klassischen Grenzen der Graffiti-Kunst hinaus. Die künstlerischen Wurzeln liegen im New-York-Stylewriting, ein Begriff für das klassische Graffiti, das Anfang der 1970er Jahre von Jugendlichen in New York City erfunden wurde, und sich aus einfachen Schriftzügen auf U-Bahnen komplexe Formen wie der „Wild Style“ entwickelte – dreidimensionale, ineinander verschlungene und schwer lesbare Buchstabenkompositionen mit hoher Dynamik. „Der Sprühname wird zur Marke“, erklärte Strijek. Er selbst hat in den vergangenen Jahren eine eigenständige Bildsprache entwickelt, die sich zunehmend von Buchstaben und Schriftformen gelöst hat. Stattdessen prägen organische Strukturen, fließende Formen und wiederkehrende Motive, wie etwa verschlungene sowie verästelte Wurzeln, seine Werke. Kunst müsse auch immer etwas über den Künstler verraten und müsse auch eine Botschaft vermitteln – um wiederum nicht zu viel zu verraten, so Strijek.

Der Ausstellungstitel „Roots and Fruits“ verweist auf zwei zentrale Elemente seines Schaffens. Zum einen sind es die wurzelartigen Strukturen, die sich durch viele seiner Arbeiten ziehen. Sie symbolisieren Wachstum, Entwicklung sowie die Vergänglichkeit der Zeit und verleihen den Bildern eine zusätzliche Ebene. Wie etwa „Life“, ein aufgetürmtes Wurzelwerk in ganz unterschiedlichen Farben.

Erdbeeren als Motiv

Zum anderen begegnen den Betrachterinnen und Betrachtern immer wieder Erdbeeren – mal dezent versteckt, mal als markanter Blickfang. Mal fliegen sie vielfarbig durch die Luft, mal füllen sie in allen Phasen ihrer Reife die Leinwand. Sie schaffen so einen spannenden Kontrast zu den oft komplexen Formgeflechten und sind zu einem charakteristischen Merkmal seiner Arbeiten geworden. Besonders prägend ist die Arbeit „Never Stop Trying to Fly“, auf dem ein Seemann in die Ferne blickt, oder ein junger Mann nach seiner Liebsten schaut, oder einfach einen Platz zum Losfliegen sucht. Interpretationen sind ausdrücklich erwünscht.

Die Ausstellung zeigt auch Fotografien großformatiger Wandarbeiten aus dem öffentlichen Raum ebenso wie Werke auf Leinwand aus den vergangenen zehn Jahren. Dabei wird die Entwicklung des Künstlers besonders anschaulich sichtbar: von den Ursprüngen in der urbanen Graffiti-Kultur bis hin zu einer freien, abstrakten Bildsprache. Während die Fassadenarbeiten mit Sprüh- und Fassadenfarben entstanden, kommen bei den ausgestellten Leinwandarbeiten unterschiedliche Techniken wie Acrylmalerei, Airbrush und Sprühlack zum Einsatz.

In ihrer Begrüßung würdigte Bürgermeisterin Simone Lehnert die künstlerische Qualität der Arbeiten. Man könne sich von den Arbeiten inspirieren lassen und immer wieder etwas Neues entdecken. Sie erinnerte an eine weitere Arbeit von Strijek im öffentlichen Raum: Er hat an der Pleidelsheimer Straße mit Kindern und Jugendlichen ein kleines Gebäude des Energieversorgers Syna besprüht.

Ein weiterer Programmpunkt folgte am Samstag auf dem Fischerwörthgelände. Dort gestaltete Jan-Malte Strijek im Jugendtreff eine großflächige Holzwand. Zunächst skizzierte er den Entwurf, so waren erste Konturen einer fantasievollen Pflanze zu erkennen. Nach gut fünf Stunden war die Arbeit fertig, die einen farbigen Kontrast zu den von den Jugendlichen mit Sprüchen und Zeichnungen bemalten Holzwänden bildet und nun immer zu sehen ist.

 
 
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