Die kommunale Kasse ist leer, Investitionen nur noch mit Krediten und Fördergeldern möglich: Ingersheim steht finanziell stark unter Druck. Bürgermeisterin Simone Lehnert spricht im BZ-Interview zum Jahreswechsel darüber, warum künftig häufiger „Nein“ gesagt werden muss, welche Projekte trotzdem vorankommen sollen – und weshalb sie sich von der Bevölkerung mehr Realismus, aber auch mehr Zuversicht wünscht.
Ingersheim Zu vielem deutlicher Nein sagen
Ingersheims Bürgermeisterin Simone Lehnert über Sparzwänge, Prioritäten – und den Wunsch nach mehr Zusammenhalt.
Frau Lehnert, welche Herausforderungen haben Sie und die Gemeinde im vergangenen Jahr am meisten beschäftigt?
Simone Lehnert: Das alles bestimmende Thema ist die finanzielle Situation. Wir haben ein wenig resigniert, weil wir glaubten, die Grundstücke im Neubaugebiet Beeten II nicht verkaufen zu können. Zum Ende des Jahres konnten wir dies aber noch in die Wege leiten. Ein weiteres Thema war der Übergang der Sozialstation an die Heimstiftung, was zur Jahresmitte erfolgte. Wichtig war auch die Haushaltskonsolidierung, flankiert vom Entwicklungskonzept, sowie der ständige Kontakt zu den Vereinen.
Die Haushaltslage der Gemeinde bleibt angespannt, welche Weichen müssen jetzt gestellt werden?
Wir müssen zu vielen Dingen noch deutlicher Nein sagen oder auch Standards senken oder ganz abschaffen. Ganz aktuell ist es die Oscar-Paret-Schule in Freiberg, deren Platz nicht mehr ausreicht, und wir da finanziell auch wieder ins Boot geholt werden, ebenso bei der Musikschule Bietigheim-Bissingen. Man wird sich fragen müssen, ob wir diese Dienstleistungen noch mitfinanzieren können. Manche wünschen sich, dass wir noch mehr machen. Aber dies ist absolut nicht mehr drin und dies ist in der Bevölkerung leider noch nicht angekommen.
Ingersheim hat für 2025 einen Kredit von 2,6 Millionen Euro aufgenommen und kann auch kein Geld für Investitionen erwirtschaften. Wie denken Sie über eine Haushaltsperre?
Ich habe eine Sperre 2020 erlassen, als ich hier angefangen habe. Dies heißt aber, es wird nur das Notwendigste erledigt. Wir haben aber das Bewusstsein dafür geschaffen, jede Ausgabe zu hinterfragen. Dauerhaft ist eine Sperre aber nicht sinnvoll, sonst gibt es einen Stillstand. Wir müssen vielmehr noch schärfer Prioritäten setzen und die überflüssigen Dinge weglassen.
Ingersheim stehen rund vier Millionen Euro aus dem Sondervermögen des Bundes Infrastruktur und Klimaneutralität (SVIK) für Investitionen zur Verfügung. Förderfähig sind demnach nur Maßnahmen mit einem Volumen von mindestens 50.000 Euro. Gibt es solche Maßnahmen, um die Gelder abzurufen?
Sicher. Zum Beispiel das Straßenprojekt In den Linden, die dringend notwendige Sanierung des Mörikekindergartens, das Vereinsheim und der Kindergarten Schönblick. Und die SKV-Halle kann auch nicht für immer und ewig so bleiben. Es gibt also genug Möglichkeiten.
In Kleiningersheim wartet man auf die Modernisierung des Vereinsheims. Laut Haushaltsplan sollen die Planungen 2027 beginnen. Gibt es für die Sanierung Zuschüsse?
Das ist eine Maßnahme im Landessanierungsprogramm und wird gefördert. Im neuen Jahr werden wir die Vereine einbeziehen, damit wir einen Plan stehen haben, um dann mit der Modernisierung starten zu können. Ohne Förderungen können wir notwendige Investitionen nicht mehr umsetzen.
Geplant ist auch ein Investorenwettbewerb für das „Innere Ei“, die Entwicklung der Großingersheimer Ortsmitte. Was ist da zu erwarten?
Es wird sich noch entscheiden, ob wir mit der ganzen Fläche oder nur mit dem brach liegenden Grundstück an der Tiefengasse beginnen können. Aber wir müssen irgendwann mal anfangen. Mein Wunsch wäre, in der Ortsmitte ein Gesundheitszentrum mit örtlichen Ärzten und der Apotheke anzubieten, toll wäre auch Gastronomie. Klar ist, dass die Gemeinde dazu einen Investor braucht, was derzeit nicht so einfach ist.
In vielen Kommunen sind Klimaschutz und Nachhaltigkeit zentrale Themen. Welche Schritte plant Ingersheim?
Wir haben unsere Wärmeplanung schon lange und, als jüngstes Beispiel, auf der Kläranlage eine große Photovoltaikanlage bauen lassen, die uns sehr viel Strom einspart. Von einer Neubesetzung der Stelle eines Klimaschutzmanagers haben wir uns verabschiedet. Es war schwer, überhaupt jemand zu finden und dann jemand, der die Theorie in die Praxis umsetzt. Es bringt nichts, immer neue Arbeitskreise zu bilden und keiner kommt in die Umsetzung. Wir beschränken uns jetzt darauf, was wir hier mit unseren eigenen Liegenschaften machen können und werden dabei von der Ludwigsburger Energieagentur unterstützt. Pragmatismus ist das entscheidende Stichwort.
Bürgerbeteiligung gewinnt zunehmend an Bedeutung, wie mit Ihrer persönliche Sprechstunde und die digitale Übertragung der Gemeinderatssitzungen. Was gibt es noch?
Bei der Beantragung der Landessanierungsprogramme gab es Bürgerbeteiligungen, auch das Gemeindeentwicklungskonzept werden wir weiter fortführen mit der Möglichkeit, sich zu beteiligen. Ebenso machen wir jedes Jahr eine Umfrage bei den Eltern der Kindergartenkinder, um den Bedarf, etwa bei der Ferienbetreuung, zu prüfen. Aber bei allem gilt auch hier: Wir müssen in die Umsetzung kommen, wobei wir noch mehr Transparenz schaffen wollen, wie die Abläufe sind.
Zum Abschluss: Was wünschen Sie sich für Ingersheim für dieses Jahr?
Mein Eindruck ist, dass zu viel gejammert wird, ohne zu sehen, wie gut es uns in sehr vielen Bereichen hier im Ort geht. Ich wünsche mir, dass sich die Menschen in Ingersheim auf die Dinge besinnen, die wirklich gut laufen, und dass wieder ein Gedanke des Zusammenhalts eintritt. Ganz im Sinne von „Ingersheim schafft Gemeinschaft!“.
