Interview mit dem neuen Präsidenten der Landesverkehrswacht „Mehr Respekt würde genügen“

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2019 gab Polizeipräsident Burkhard Metzger (Mitte) gemeinsam mit Bietigheim-Bissingens OB Jürgen Kessing den Startschuss für die Jugendverkehrsschule am Dreschschuppen.⇥ Foto: Martin Kalb

Der Ludwigsburger Polizeipräsident Burkhard Metzger ist neuer Chef der Landesverkehrswacht. Er ist gegen neue Vorschriften und will stattdessen für mehr Verkehrskompetenz sorgen.

Burkhard Metzger wird es nicht langweilig. Nicht nur ist er seit Juni 2019 Polizeipräsident in Ludwigsburg, er wurde im Juli diesen Jahrs auch zum neuen Präsidenten der Landesverkehrswacht Baden-Württemberg gewählt. Das Ziel des Vereins, dessen Anfänge ins Jahr 1949 zurückreichen, ist es die Verkehrssicherheit zu erhöhen. Wie das in Zeiten von steigenden Autozahlen und begrenztem Verkehrsraum funktionieren soll, erzählt der 59-Jährige, der in Bietigheim-Bissingen wohnt und täglich selbst Pedelc fährt, im Gespräch mit der BZ.

Herr Metzger, warum wollten Sie Präsident der Landesverkehrswacht werden?

Burkhard Metzger: Ich halte die Verkehrssicherheitsarbeit für sehr wichtig und habe einige berufliche Erfahrung in diesem Segment. Unter anderem habe ich vor Jahren die vernetzte baden-württembergweite Arbeit der Initiative „Gib Acht im Verkehr“ mitgestaltet. Wer das Leid kennt, das schwere Verkehrsunfälle oft mit sich bringen, weiß, dass es sich lohnt, sich für mehr Verkehrssicherheit und eine Reduzierung der Unfallzahlen einzusetzen.

Was sind ihre Ziele in dem Amt?

Ich will die Verkehrswacht durch gute Projekte und Maßnahmen wieder öffentlich bemerkbar machen, die Arbeit auf Landesebene professionalisieren, neue Mitglieder gewinnen, einen Generationenübergang in die Wege leiten, eine ordentliche Finanzierung sicherstellen und meinen Teil dazu beitragen, dass der in den Verkehrswachten gerne verwendete Begriff der „Verkehrswachtsfamilie“ seine Berechtigung behält.

Wie wollen Sie den  Generationenübergang schaffen? Haben Sie schon Pläne, mehr junge Leute in die Verkehrswacht zu holen?

In einem ersten Schritt haben wir bei der letzten Jahreshauptversammlung den Vorstand der Landesverkehrswacht stark verjüngt. Neben mir als Präsidenten sind dort vier Vizepräsidenten für die vier Regierungsbezirke, der von der Kreissparkasse Ludwigsburg kommende Schatzmeister, der Koordinator für Fahrsicherheitstrainings und ein Ehrenvorstandsmitglied vertreten.

Gemeinsam wollen wir die Arbeit der Verkehrswacht zielgruppenorientiert ausrichten und Zuständigkeiten für Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Seniorinnen und Senioren begründen. Der für Jugendliche zuständige Bezirk wird ein Konzept für die Gewinnung junger Menschen erarbeiten und gemeinsam mit den örtlichen Verkehrswachten werden wir Maßnahmen für einen Generationenübergang vor Ort erarbeiten.

Sie sprechen davon, die Finanzierung sicherzustellen. Wie finanziert sich der Verein bislang und warum ist das nicht sicher?

Bislang erhält die Landesverkehrswacht eine jährliche institutionelle Förderung vom Verkehrsministerium, die allerdings für die Lohnkosten der Geschäftsstellenmitarbeiter nicht ausreicht. Zusätzlich erfolgen noch projektbezogene Förderungen. Daneben erhalten wir gelegentlich Spenden und Bußgeldzuweisungen. Die bisherigen Einnahmen erlauben weder große Sprünge noch eine nachhaltige Verkehrssicherheitsarbeit, die wir anstreben.

Wie wollen Sie das ändern?

Weil sich unsere baden-württembergweiten Aktionen immer vor Ort auswirken, gehen wir jetzt gezielt auf Landkreise und Kommunen zu und werben für eine Fördermitgliedschaft.  Erste Signale und Zusagen sind da sehr positiv. Von allen Stadtkreisen in Baden-Württemberg, von zahlreichen Landkreisen und unter anderem auch von Bietigheim-Bissingen. Daneben habe ich mich mit der Bitte um Bußgeldzuweisungen an alle Landgerichte und Staatsanwaltschaften im Land gewandt, wo insbesondere Bußgelder aus Verkehrsstraftaten gut in die Verkehrssicherheitsarbeit investiert werden könnten. Unter Berücksichtigung der Coronabelastungen gehen wir auch gezielt auf Wirtschaftsunternehmen zu und werben dort für Fördermitgliedschaften. Staatliche Fördergelder für Projekte runden das Portfolio ab.

Was verstehen Sie unter der Digitalisierung der Verkehrswacht?

Dazu gehört für mich eine adäquate Ausstattung mit moderner Technik, wie Laptops, Smartboards in Jugendverkehrsschulen, guten Präsentationsmedien, einer Cloud, aus der wir Verkehrssicherheitsmedien landesweit unproblematisch bereitstellen können, einheitlichen E-Mail-Adressen in der Verkehrswacht, einer digitale Mitgliederverwaltung, einer digitalen Aktenablage auf der Landesgeschäftsstelle und insbesondere die Vermittlung von Verkehrssicherheitsbotschaften über Social-Media-Kanäle. Ein Feld in das wir gerade einsteigen.

Neben vereinsinternen Angelegenheiten gibt es auch auf der Straße viel zu tun. Stichwort Elterntaxi: Gibt es da schon einen Ansatz, der erfolgreich ist, die Fahrt bis vor die Schule zu unterbinden?

Ja. Aus Stuttgart. Dort gibt es eine Aktion „Sicher zu Fuß zur Schule“ mit der Schulamt, Stadt, Polizei und andere genau in die Richtung gehen. Kindersicherheit durch helle reflektierende Kleidung, genug Zeit für den Schulweg, dass Kinder gemeinsam in die Schule gehen und Spaß dabei haben, dass Kinder die erforderlichen Regeln kennen, spielen da eine Rolle. Und die Schulklassen können durch die Anzahl ihrer Fußgänger Punkte sammeln und beispielsweise eine Klassenfahrt gewinnen, wenn viele mitmachen. Den Medien entnehme ich, dass sich da immer mehr Grundschulen in Stuttgart beteiligen.

Wie sieht es im Kreis aus?

Ein gutes Beispiel aus dem Landkreis gibt es auch: Vom 21. September bis 2. Oktober diesen Jahres organisieren die Schüler der Klassen 8 der Schule auf dem Laiern in Kirchheim in Aktionstagen morgens einen Laufbus für interessierte Grundschüler und Schüler der Sekundarstufe. An verschiedenen Treffpunkten im Ort sammeln sich die Schüler und legen den Schulweg gemeinsam zurück. Für jeden fleißigen Läufer wird der Einsatz in diesen Tagen belohnt.

Die Zahlen der Pedelec-Unfälle steigen. Reicht es da tatsächlich aus, mehr Übungsangebote zu machen oder müssen nicht Vorschriften geändert werden?

Als jemand der täglich mit dem Pedelec zur Arbeit fährt, sind mir neue Vorschriften nicht so wichtig. Wenn alle die bestehenden Vorschriften einhalten würden und wenn der Respekt im Straßenverkehrs ein wenig ausgeprägter wäre, würde das meines Erachtens genügen. Die Stärkung der Verkehrskompetenz der Pedelecnutzer oder ein sicheres Radwegenetz halte ich dagegen für sehr sinnvoll.

Was die Verkehrskompetenz angeht, stehen wir bereits in Kontakt mit dem Württembergischen Radsportverband und dem ADFC, um in die Initiative Sicher E-Biken einzusteigen, wo neue Pedelecnutzer im Training lernen, ihr Rad gut zu beherrschen. Wir bilden entsprechende Moderatoren aus und haben im Land zahlreiche Verkehrsübungsanlagen, wo entsprechende Trainings durchgeführt werden können.

Generell leben Radfahrer auch im Kreis Ludwigsburg noch immer gefährlich. Was will die Verkehrswacht dazu beitragen, dass sich das ändert?

Die Verkehrswacht bildet gemeinsam mit der Polizei alle Viertklässler in Baden-Württemberg flächendeckend in den Jugendverkehrsschulen in Radfahrtrainings aus. Ohne diesen Aufwand würde Baden-Württemberg wohl eher nicht zu den Ländern gehören, in denen Kinder im Verkehr mit am sichersten unterwegs sind. Daneben wollen wir auch im Landkreis verstärkt ins Thema Pedelec-Training einsteigen.

Welche Projekte stehen im Landkreis als nächstes an?

Derzeit steht der Bau des Verkehrssicherheitszentrums für den Landkreis Ludwigsburg in Asperg im Vordergrund. Träger des Projekts ist die Kreisverkehrswacht Ludwigsburg. Kooperationspartner sind der Motorsportclub Hohenasperg und die Polizei. Dort wollen wir mit dem Bau eines modernen Schulungsgebäudes und der Sanierung des Verkehrsübungsplatzes eine Schulungsumgebung für alle Zielgruppen der Verkehrssicherheitsarbeit schaffen. Die Bauplanung läuft und was die Finanzierung angeht, sieht es gut aus.

Vielen Dank für das Gespräch

 
 
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