Interview mit Kapitän Jan Asmuth von der SG BBM „Das Virus kam mit Wucht“

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Linksaußen Jan Asmuth geht bei der SG BBM Bietigheim als Kapitän stets voran – ob mit oder ohne Ball. ⇥ Foto: Marco Wolf

SG-Kapitän Jan Asmuth spricht im Interview über Ablenkung in der Quarantäne, seine Covid-19-Infektion im Oktober und den schwachen Saisonstart.

Am Montag sind die Zweitliga-Handballer der SG BBM Bietigheim aus ihrer zweiten Quarantäne innerhalb kurzer Zeit zurückgekehrt, am Mittwoch (19.30 Uhr) feiern sie im Heimspiel gegen den TV Großwallstadt ihr Comeback. Über den Wiederauftakt, Profisport während der Pandemie und seine auskurierte eigene Covid-19-Erkrankung spricht Kapitän Jan Asmuth im BZ-Interview.

Wie haben Sie bis Sonntag die zweiwöchige Quarantäne verbracht?

Jan Asmuth: Ich lenke mich ganz gerne mit Arbeit ab, um das ganze Thema Corona mal aus dem Kopf zu bekommen. Im August habe ich mich in der Bau- und Projektleitung selbstständig gemacht – das ist mein Ausgleich zum Sport. Auf diese Weise bekomme ich den Kopf frei. Außerdem haben wir uns fit gehalten, um möglichst gut wieder einzusteigen. Es ist wichtig, den Körper bei der Stange zu halten, um bereit zu sein, wenn dann wieder die große Belastung eintritt.

Am Mittwoch geht’s in der Zweiten Bundesliga zu Hause gleich gegen den TV Großwallstadt weiter. Ist die Mannschaft für so einen Kraftakt schon wieder bereit?

Es gibt sicher den einen oder anderen Spieler, der körperlich noch etwas aufholen muss, wenn er jetzt aus der Quarantäne herauskommt. Das wird unser Trainer aber auch richtig dosieren. Es kann sein, dass Spieler, die sonst vielleicht nicht so sehr im Fokus stehen und eher weniger Spielzeit erhalten, jetzt umso mehr gefordert sind. Wir werden das mit der Breite unseres Kader gut hinbekommen.

Macht Handball in Zeiten der Pandemie und mit Geisterspielen überhaupt noch Spaß?

Handball ist unsere Leidenschaft. Wir sind Profisportler und fiebern vor allem auf die Spiele hin. Dort Erfolgserlebnisse mitzunehmen, macht den Reiz aus. Es gibt durch Corona viele Dinge, die einem etwas den Spaß nehmen – zum Beispiel die ständigen Diskussionen und Fragen: Darf man trainieren oder nicht? Findet ein Spiel statt oder muss der Fokus wieder neu ausgerichtet werden? Auch durch die fehlenden Fans ist man von dem, was Handball ausmacht, ein gutes Stück entfernt. Ich bin aber positiv gestimmt, dass wir uns in den vielen Spielen im Dezember unsere Erfolgserlebnisse holen und der Spaß im gewohnten Maß zurückkehrt.

Apropos positiv. Sie hatten im Oktober selbst Covid-19. Wie haben Sie die Krankheit erlebt?

Das Virus kam bei mir mit einer Wucht an. Ich lag zwei, drei Tage flach und konnte rein gar nichts machen. Nicht nur der Körper leidet, sondern auch der Kopf. Bei einer Grippe geht’s einem ja auch schlecht, aber da hat man immerhin noch Kontakt zu anderen Menschen. Das war mir gar nicht vergönnt. Ich wünsche keinem, dass er’s kriegt. Mir fehlt jegliches Verständnis dafür, dass es Menschen gibt, die diese Krankheit nicht ernst nehmen.

Leiden Sie an Nachwirkungen?

Ich bin wieder komplett hergestellt. Vor dem ersten Training nach der Quarantäne haben alle Erkrankten einen Check beim Arzt absolviert – ohne Auffälligkeiten. In den ersten zwei, drei Wochen nach der Genesung habe ich trotzdem noch etwas gespürt, ohne es richtig definieren zu können. Darum wurde ich ein zweites Mal medizinisch durchgecheckt und nochmals auf Herz und Lunge untersucht. Die Ergebnisse waren dann so, wie man sie bei einem Profisportler meines Alters erwartet. Darum konnte ich wieder guten Gewissens starten und mich heranarbeiten.

Der Saisonstart fiel mit einem Sieg und zwei Niederlagen enttäuschend aus. Was ist bisher schiefgelaufen?

Unsere größte Baustelle ist, im Angriff den Spielfluss zu halten. Wir verkrampfen da oft und bringen die gegnerische Abwehr nicht genug in Bewegung. Das zwingt uns hie und da zu schlechten Würfen und dem einen oder anderen technischen Fehler zu viel – und dies wird in der Zweiten Liga gleich mit einem Konter bestraft. Das schmälert unsere bisher eigentlich sehr gute Abwehr- und Torhüterleistung, denn in der stehenden Abwehr bekommen wir sehr wenig Gegentore.

Ist nach den Eindrücken bisher das Ziel Aufstieg noch realistisch?

Wir wissen, dass es große Konkurrenz gibt – auch durch Teams, mit denen man vor der Saison nicht ganz so gerechnet hat wie etwa Hamburg. Wegen Corona muss man nun erst recht von Spiel zu Spiel schauen. In der vergangenen Saison haben wir schon einmal gezeigt, was möglich ist. Da hatte man uns im November, Dezember schon abgeschrieben. Am Ende waren wir Dritter und wären hundertprozentig aufgestiegen, wenn die Runde nicht abgebrochen worden wäre.

Am Mittwoch kommt es zum Wiedersehen mit dem ehemaligen Bietigheimer Trainer Ralf Bader, der nun Großwallstadt trainiert. Welche Erinnerungen verknüpfen Sie mit ihm?

Da denke ich an die Erste Liga, die für ihn und auch für mich damals Neuland war – und an eine aufregende Vorbereitung. Ralf hat nach der Ära Hartmut Mayerhoffer ein schweres Erbe angetreten. Wir sind schlecht in die Saison gestartet, was aber aufgrund unserer Underdog-Rolle zu erwarten war. Im Endeffekt hat es mit ihm nicht ganz gepasst. Das hat man ja auch an der Qualität unseres Spiels gesehen. Ralf hat in dieser Zeit sicher viel gelernt, genauso wie wir. Letztlich haben wir nur eine halbe Saison zusammengearbeitet. Darum habe ich auch keine vertiefte Bindung zu ihm. In Großwallstadt scheint er einen guten Job zu machen.

Baders Nachfolger Hannes Jon Jonsson hat Sie im Sommer 2019 zum Kapitän gemacht. Beschreiben Sie mal Ihre Beziehung zu ihm.

Wir haben ein sehr gutes Verhältnis und tauschen uns viel  aus – über Spiele, unsere Spielweise, das Training. Ich versuche, die Schnittstelle zwischen ihm und der Mannschaft zu sein, und das ist ja alles auch die Aufgabe eines Kapitäns. Das gesamte Verhältnis zwischen Trainer und Team ist sehr gut.

Sie sind ein Bietigheimer Eigengewächs, haben aber erst mit 24 den Durchbruch bei den Profis geschafft – und heute sind Sie ein Führungsspieler. Wie beurteilen Sie in der Rückschau Ihre bisherige Karriere?

Da gibt es zwei Blickwinkel. In der Jugend hätte ich vielleicht mehr Gas geben können und auch müssen, denn dann hätte ich den Sprung garantiert früher gemacht. Auf der anderen Seite bin ich damals auch nicht so sehr in den Fokus gerückt. Eigentlich hatte ich meine Handball-Karriere mehr oder weniger schon beiseitegelegt. Mit guten Leistungen in der zweiten Mannschaft und viel Glück, weil oben eine Stelle als Linksaußen frei wurde, habe ich mich dann in den Bundesliga-Kader gekämpft. Dass ich jetzt ein paar Jahre später diese Stellung habe, ist schon untypisch für eine Karriere. Das zeigt, dass man mit Engagement quasi auch auf dem zweiten Bildungsweg den Weg in den Profihandball schaffen kann.

 

ZUR PERSON

Jan Asmuth, Spitzname „Janus“, ist ein Eigengewächs der SG BBM. Der 28-jährige Linksaußen fing bei den Minis an, empfahl sich bei der zweiten Männer-Mannschaft für höhere Aufgaben und stieß im Februar 2017 zum Zweitliga-Kader. Abgesehen von Abstechern zum TV Kornwestheim, dem VfL Waiblingen und Fortuna Köln verbrachte er die gesamte Karriere bei seinem Heimatverein. Mit Bietigheim stieg Asmuth 2018 in die Erste Liga auf – und in der Folgesaison gleich wieder ab. Im Sommer 2019 berief ihn Trainer Hannes Jon Jonsson zum Kapitän. Sportdirektor Jochen Zürn bezeichnete den 1,83 Meter großen Rechtshänder mal als „emotionalen Leader“ und „Mentalitätsmonster“. Im August hat sich Asmuth, der Ingenieur ist, mit einer Firma für Bau- und Projektleitung selbstständig gemacht. Seine Hobbys sind Ballsportarten, Skifahren, Reisen und Gitarre spielen. ⇥ae

 
 
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