Interview mit Maura Visser von der SG BBM „So aufzuhören, ist unmenschlich“

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So werden die SG-Fans Maura Visser gern in Erinnerung behalten: Die niederländische Rückraumspielerin ballt nach einer gelungenen Aktion die Fäuste und strahlt übers ganze Gesicht. ⇥ Foto: Marco Wolf

Maura Visser von der SG BBM leidet unter dem abrupten Karriereende. Ein Gespräch über verpasste Abschiede, bleibende Freundschaften und die Vorzüge ihrer niederländischen Heimat.

Ein leiser Abgang nach einer großen Laufbahn – das Corona-Virus und der Saisonabbruch haben Maura Visser einen standesgemäßen Abschied vom Frauenhandball und der SG BBM Bietigheim verdorben. Im Telefon-Interview mit der BZ spricht die 34-Jährige über das bittere Karriereende, die Zeit in Bietigheim und ihre Rückkehr in die niederländische Heimat.

Was ärgert Sie mehr: dass Sie durch Corona möglicherweise ihre dritte deutsche Meisterschaft mit der SG BBM verpasst haben oder dass Sie sich nicht vom Bietigheimer Publikum verabschieden konnten?

Maura Visser: Es schmerzt mich mehr, dass ich mich nicht von den Fans und der ganzen SG-Familie verabschieden konnte. Im perfekten Fall hätte ich mich mit meiner dritten Meisterschaft verabschiedet.

Hätte Ihr Team den Spitzenreiter Borussia Dortmund noch abgefangen, wenn die Bundesliga-Saison regulär zu Ende gegangen wäre?

Davon bin ich fest überzeugt. Wir hatten in den Wochen vor Corona einen guten Lauf und haben darauf hingearbeitet, erst den Thüringer HC auswärts zu schlagen und dann das Spitzenspiel gegen Dortmund zu gewinnen. Wir sind mit den Jahren auch immer erfahrener geworden, um mit solchen großen Spielen umzugehen. Ich bin mir sicher, dass wir in der MHP-Arena vor unseren eigenen Zuschauern einen Sieg gegen den BVB geschafft hätten. Aber es bringt nichts, sich jetzt noch darüber Gedanken zu machen.

War es richtig, den Meistertitel für 2019/20 nicht zu vergeben?

Das war meiner Meinung nach eine faire Entscheidung und auch die richtige. Es lagen ja noch viele Spiele vor uns, und wir hatten nur einen Punkt weniger als Dortmund. Das Rennen um die Meisterschaft war noch völlig offen.

Können Sie die Wut und Enttäuschung im BVB-Lager über die Entscheidung verstehen? Schließlich ist bei den Männern ja auch Kiel zum Corona-Meister gekürt worden.

Dass man einen Unterschied zwischen Männern und Frauen gemacht hat, verstehe ich auch nicht. Ich hätte in beiden Fällen keinen Verein zum Meister erklärt. Darum kann ich sehr gut nachvollziehen, dass man in Dortmund darüber sauer oder enttäuscht ist.

Haben Sie schon realisiert, dass durch die Covid-19-Pandemie Ihre Laufbahn ein so abruptes Ende genommen hat?

Auf diese Weise aufzuhören, ist unmenschlich. Es tut schon richtig weh, eine 13-jährige Karriere so beenden zu müssen. Das Thema habe ich auch für mich selbst noch nicht verarbeitet. Es ist eine Situation eingetreten, mit der man nie gerechnet hat und die es noch nie gegeben hat. Das alles ist einfach nur bitter.

Wenn Sie eine Abschiedsrede vor der Mannschaft halten müssten, was würden Sie sagen?

Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass ich mich von meiner Mannschaft noch von Angesicht zu Angesicht verabschieden kann – und auch von den Fans. Bei einer Abschiedsrede würde ich mich bei allen für die Erfahrungen und die gemeinsamen Erlebnisse bedanken. Ich werde die Zeit nie vergessen. Jede und jeder Einzelne hat zum Erfolg beigetragen. Wir waren eine gute Mannschaft, die immer fest zusammenhielt – ganz besonders, wenn es darauf ankam. Wir hätten so gerne noch die dritte Meisterschaft nach Bietigheim geholt.

Wie fällt Ihr Fazit nach fünf Jahren bei der SG BBM aus?

Ich habe mit dem Verein viel erlebt und erreicht. Man muss ja sehen, wo die SG herkommt. Als ich 2015 nach Bietigheim gewechselt bin, haben mich viele gefragt, was ich dort eigentlich will. Die wenigsten wussten damals, wo die Stadt überhaupt liegt und was das für ein Verein ist. Heute ist die SG BBM in ganz Europa bekannt. Wir haben hier über die Jahre etwas aufgebaut – und ich war wie Trainer Martin Albertsen oder Angela Malestein von Anfang an dabei. Darauf bin ich stolz.

Was war Ihr größtes Erlebnis in ihrer Zeit im Bietigheimer Trikot?

Es gab viele tolle Momente, da kann ich nicht nur ein Spiel nennen. Ich habe es genossen, in einer ausverkauften MHP-Arena zu spielen. Die erste Meisterschaft 2017 mit der SG, unter anderem mit dem grandiosen Sieg beim Thüringer HC, war unglaublich schön. Für mich persönlich waren auch die Duelle mit Bietigheim beim HC Leipzig immer besonders, weil ich dort davor selbst jahrelang gespielt hatte.

Was werden Sie als Ex-Handballerin am meisten vermissen?

Das Adrenalin, das der Körper bei den Spielen ausschüttet. Und das Gefühl, gemeinsam als Team für etwas zu kämpfen. Es fällt mir schwer, zu akzeptieren, dass das nun alles vorbei ist.

Welche Freundschaften werden über Ihre SG-Zeit hinaus Bestand haben?

Als Sportler sieht man die Mitspielerinnen und die Trainer fast täglich – und damit viel öfter als die eigene Familie. Da kennt man sich untereinander natürlich sehr gut. Wir haben uns immer toll verstanden. Das wird auch in Zukunft so sein. Ich werde sicher auch ab und zu nach Bietigheim kommen, um mir Spiele anzuschauen. Mit Martin werde ich ebenfalls in Kontakt bleiben – auch wenn er ab der nächsten Saison in der Schweiz arbeitet.

Sie sind im März nach dem Saisonabbruch in Ihre Geburtsstadt Den Haag zurückgekehrt. Wie sieht dort Ihr Leben ohne Profi-Handball aus?

Ich verbringe sehr viel Zeit mit meiner kleinen Tochter Mexie, die jetzt zwei Jahre alt ist. Vor kurzem habe ich mir in Den Haag eine neue Wohnung gekauft, die ich zurzeit einrichte. Trotz Corona versuche ich mich fit zu halten und gehe zum Beispiel regelmäßig laufen. Das ist fest in meinem Alltag verankert. Mit Sport fühle ich mich einfach besser.

Sind die Corona-Regelungen in den Niederlanden ähnlich streng wie in Deutschland?

Ich habe den Eindruck, dass es in den Niederlanden etwas lockerer zugeht. Bei uns sind zum Beispiel die Spielplätze für Kinder schon länger wieder offen. Auch einen Mundschutz müssen wir nicht tragen. Man merkt, dass die Leute ungeduldig sind und endlich wieder etwas erleben wollen. Die Straßen füllen sich von Tag zu Tag mehr, und auch die Geschäfte sind immer besser besucht.

Was war ausschlaggebend für Ihre Rückkehr in die Heimat?

Ganz einfach: Hier habe ich meine Familie und meine Freunde. Ich bin 13 Jahre lang als Profi im Ausland gewesen. Für mich fühlt sich das jetzt wie ein Nachhausekommen an. Seit der Geburt meiner Kleinen ist mir immer bewusster geworden, wie sehr ich dieses Umfeld vermisst habe.

Werden Sie ab und zu noch zum Handball greifen oder dem Sport sonst irgendwie verbunden bleiben, etwa als Trainerin?

Ich habe immer gesagt, dass ich nach meiner Karriere etwas Abstand haben möchte und dann sehen will, ob mir etwas fehlt. Aber ich habe inzwischen schon gemerkt, wie sehr ich Handball vermisse. Ich kann mir vorstellen, mal Trainerin zu werden, aber nicht jetzt gleich, sondern vielleicht später. Denn dann hat man wieder eine Verpflichtung und ist jedes Wochenende unterwegs – und gerade das möchte ich zurzeit nicht.

Zwei EM-Medaillen mit den Niederlanden

Die am 1. Juni 1985 in Den Haag geborene Maura Visser stieß 2015 zur SG BBM Bietigheim. 2017 und 2019 wurde sie mit dem Klub jeweils Deutscher Meister. Die Saison 2017/18 setzte die Spielmacherin wegen ihrer Schwangerschaft aus. Weitere internationale Stationen waren KIF Kolding, Viborg HK (beide Dänemark) sowie der HC Leipzig. Visser bestritt 139 Partien für die niederländische Nationalmannschaft, in denen sie über 450 Tore erzielte. Bei der EM 2010 war sie mit 36 Treffern die fünftbeste Werferin des Turniers. Bei den Europameisterschaften 2016 und 2018 holte sie mit dem Oranje-Team Silber und Bronze, ehe sie ihre Länderspiel-Karriere beendete. Visser ist ledig und hat aus ihrer früheren Beziehung mit dem Hoffenheimer Fußball- Torhüter Philipp Pentke die Tochter Mexie. Als Hobbys nennt sie Shoppen, Filme gucken, Essen gehen, Kochen, Sport und Fitness.⇥ae

 
 
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