Interview mit Steelers-Mentaltrainer Jan Mayer „Ich kann nicht hexen“

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Jan Mayer weilt seit Mitte Januar einmal pro Woche in der Bietigheimer EgeTrans-Arena. Der 47-jährige Sportpsychologe führt mit den Steelers-Profis in erster Linie Einzelgespräche. ⇥ Foto: MARTIN KALB

Professor Dr. Jan Mayer berät die Eishockey-Profis der Bietigheim Steelers als Sportpsychologe. Im Interview gibt er Einblicke in seine Arbeit.

Die Bietigheim Steelers gehen seit Mitte Januar innovative Wege. Mit Professor Dr. Jan Mayer hat der DEL2-Klub erstmals einen Mentaltrainer für die Mannschaft engagiert. Wie seine Arbeit mit den Profis aussieht, erzählt der Sportpsychologe im Interview.

Sie sind ein vielbeschäftigter Mann. Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, ob Sie eine Mannschaft wie zuletzt die Steelers übernehmen?

Jan Mayer: Die Bedingung ist, dass eine Offenheit da ist und die Spieler das auch wollen. Im Erstkontakt war spürbar, dass das nicht nur die Idee des Managers war, sondern dass die einzelnen Spieler ein Interesse daran haben. Nur dann macht es Sinn, kann man etwas bewirken.

Sportpsychologe einstellen und der Erfolg kommt zurück – geht diese einfache Gleichung auf?

Ich kann nicht hexen. Es wäre absolut unseriös, mit irgendwelchen Erfolgsversprechen oder Garantien zu arbeiten. Wir bedienen nur einen Sektor der sportlichen Leistung. Neben dem Mentalen gibt’s die Sektoren Talent, Technik, körperliche Fitness, Taktik, Ernährung, Soziales – und all das trägt zum Erfolg bei. Und ein kleines Kuchenstück ist auch Glück oder Pech. Es wäre ja vermessen, wenn man diesen einen mentalen Bereich überbewertet. Die anderen Bereiche sind mindestens genauso wichtig.

Können Sie als Sportpsychologe in jedem Fall etwas ausrichten?

Es gibt immer die drei Aspekte Bio, Psycho, Sozial. Wenn zum Beispiel das Talent nicht da ist, kann ich als Psychologe auch nichts machen. Dasselbe gilt, wenn ein Team schlecht oder falsch zusammengesetzt ist. Das ist aber bei den Steelers spürbar nicht der Fall. Letztlich geht es darum: Habe ich einen Hebel oder habe ich keinen? Es hat sich herausgestellt, dass man hier am Psychologischen arbeiten kann, und das machen wir jetzt.

Wie sieht Ihre Arbeit mit den Profis aus?

Der erste Schritt ist immer, sich vor die Mannschaft zu stellen. Sie will ja auch wissen, mit wem sie es zu tun hat. Dann erkläre ich den Spielern, was aus meiner Sicht jetzt nötig wäre. Da läuft aber keine Show ab. Es gibt verschiedene Modi. Bei den Steelers haben wir vereinbart, dass wir mit Einzelgesprächen anfangen, die wir nun seit ein paar Wochen systematisch führen.

Um was geht es in den Einzelgesprächen?

Was wir da reden, ist privat. Es wäre unseriös, wenn ich das der Zeitung erzähle.

Im Eishockey ist es innovativ und selten, dass Vereine einen Mentaltrainer haben. Wie sieht es zum Beispiel im Fußball aus?

Vor 20 Jahren hat man gesagt: Wieso muss ein Fußballer denken? Der soll doch kicken. Mittlerweile ist jedem klar, dass es in bestimmten Situationen mentale Vorgänge gibt, die dich blockieren oder weiterbringen können. Heute ist es im Fußball gang und gäbe, dass man neben dem Taktischen und dem Körperlichen auch am Psychologischen arbeitet. Die Leistungszentren müssen gegenüber der DFL sogar nachweisen, dass sie einen Sportpsychologen als volle Stelle beschäftigen, sonst bekommen die Vereine die Lizenz nicht.

Am Standort Bietigheim herrscht eine sehr hohe Erwartungshaltung. Mit welcher Einstellung können Spieler dem Druck begegnen?

Die Leute denken immer, ein Sportpsychologe hat mit Angst und Zweifeln zu tun, aber meistens geht es darum, dass ein Sportler zu viel will und es zu gut machen möchte – und da kommt auch der Frust her, wenn er sich dabei selbst im Weg steht. Letztlich ist es immer die gleiche Geschichte: Als Innenverteidiger habe ich immer dieselben Aufgaben – ganz egal, ob ich gegen den FC Bayern spiele oder gegen Düsseldorf und ob ich im Training meinen Job mache oder vor 20 000 Leuten im Stadion. Die Tätigkeit ändert sich ja nicht. Es ist nur die Wahrnehmung der Situation. Die lässt eine Tätigkeit, die eigentlich ganz einfach ist, plötzlich zu einem schwierigen Problem werden. Jetzt im Büro auf einen Stuhl zu steigen, ist ganz einfach. Wenn der Stuhl auf einem Kran stehen würde und ich soll draufsteigen, fange ich an zu zittern – weil ich mich nicht mehr mit der eigentlichen Aufgabe beschäftige, sondern mit den möglichen Konsequenzen.

Was raten Sie, wenn eine Mannschaft vor einem besonders wichtigen Spiel steht?

In herausfordernden Situationen geht es darum, dass man nicht versucht, das Besondere zu machen. Denn dann schaltet sich wieder das Gehirn ein, und ich greife in Automatismen ein, die seit Jahren angelegt sind. Dann wird der Eishockey-Spieler quasi „fest“, und es gelingen selbst die einfachsten Sachen nicht mehr. Die Kunst ist es, auf die Automatismen zu vertrauen, gerade wenn es mal schwierig wird.

Das heißt konkret?

Dein bewusstes Denken muss sich auf dem Eis mit den Kleinigkeiten beschäftigen. Das sind die einfachen Dingen wie: Sei taktisch diszipliniert, mache das, was du zu tun hast, schalte nach Scheibenbesitz um, tausche dich mit deinen Mitspielern aus.

Inwiefern profitiert der Trainer von Ihrem Wissen und Ihrer Erfahrung?

„Coach the Coach“ ist ein wesentlicher Bereich der Sportpsychologie. Ein Trainer wirkt ja immer auch psychologisch, ob er ein Eins-zu-eins-Gespräch hat, ob er eine Ansprache vor der Mannschaft hält oder ob er am Spielfeldrand coacht. Da haben moderne Trainer Fragen – und für diese Fragen bin ich da.

Ist die Sportpsychologie im Profisport immer wichtiger geworden?

Ich glaube, sie wird immer mehr als Normalität gesehen – als ein Bereich, in dem man genauso arbeiten kann und muss wie im athletischen oder im technisch-taktischen Bereich. Es hat mit Professionalität zu tun, wenn man auch im mentalen Bereich nichts dem Zufall überlässt, sondern dem Experten. Diese Einstellung setzt sich immer mehr durch.

 
 
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