Interview zum Markgröninger Schäferlauf „Es gibt keine Alternative zur Absage“

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Ein Gemeinschaftsprojekt der Stadt und des Arbeitskreises „Markgröningen aktiv“: Mit Schafskulpturen und Heugarben wurde der Kreisverkehr am Menziplatz dekoriert. Beides verweist auf den Schäferlauf.⇥ Foto: Martin Kalb

30 Jahre lang moderierte Wolfgang Milde das Geschehen beim Markgröninger Traditionsfest. Die BZ sprach mit ihm über seine Sicht auf das Fest und die Absage im Corona-Jahr 2020.

Exakt 30 Jahre lang moderierte Wolfgang Milde das Festgeschehen des Markgröninger Schäferlaufes, er moderierte auf dem Marktplatz, wenn der Bürgermeister den Landrat mit der Kutsche abholte und kommentierte die Tänze, Spiele und den Lauf der Schäfer auf dem Stoppelfeld. Doch statt in diesem Jahr das Geschehen zu verfolgen, nimmt Milde lediglich an der Eröffnung des neuen Kreisverkehrs am Menziplatz teil, der mit Motiven des Schäferlaufs gestaltet wird. Es ist ein Gemeinschaftsprojekt der Stadt und des Vereins „Markgröningen Aktiv“, in dem Milde, der heute in Bietigheim lebt, nach wie vor aktiv ist. Die BZ sprach mit Wolfgang Milde über den Schäferlauf und die Absage im Corona-Jahr 2020.

Herr Milde, wo und wie verbringen Sie in diesem Jahr das letzte August-Wochenende?

Das letzte August-Wochenende werde ich in diesem Jahr zu Hause in Bietigheim verbringen und mich gerne daran erinnern, dass normalerweise jetzt Schäferlauf-Zeit wäre.

Was werden Sie am meisten vermissen?

Am meisten werde ich die positive Feststimmung vermissen, die den Schäferlauf auszeichnet. Häufig sind ganze Familien in das Fest integriert. Diese positve Stimmung kommt von innen heraus, hier dieses Fest zu feiern.

Das hängt sicher mit der jahrhundertealten Tradition des Festes zusammen.

So ist es. Man weiß nicht genau, wann dieses Fest begründet wurde. Aber man darf davon ausgehen, dass es vom Mittelalter her so festgesetzt war, immer am 24. August in Markgröningen dieses Schäferfest zu feiern. Es war ursprünglich ein Fest der Schäferzunft.

Der 24. August ist der Bartholomäustag, der Namenstag des Heiligen. Aber das Fest wird am letzten Augustwochenende gefeiert.

Das Fest wird am 24. August gefeiert, ursprünglich fand es immer an diesem Tag statt. Aber wenn der 24. August ein Wochentag ist, wird es heutzutage am Wochenende darauf gefeiert. Das wurde im Jahr 1960 vom Gemeinderat so entschieden, weil viele Menschen an einem Wochentag nicht zum Feiern kommen konnten.

Können Sie sich in der langen Zeit der Verbundenheit mit dem Schäferlauf an Überlegungen erinnern, das Fest nicht abzuhalten?

Ich habe mir immer wieder durch den Kopf gehen lassen, wie die Markgröninger das aufnehmen würden. Es gibt ja andere Schäferlaufstädte in Baden-Württemberg, in Urach und in Wildberg im Schwarzwald. Dort findet der Schäferlauf nur alle zwei Jahre statt. Ich habe über die lange Zeit gute Kontakte zu den Organisatoren in diesen Städten gepflegt. Sie können sich gar nicht vorstellen, jedes Jahr einen Schäferlauf zu veranstalten. Ein Markgröninger jedoch kann sich nicht vorstellen, dass der Schäferlauf nicht jedes Jahr stattfindet.

Zuletzt waren Feste in der Region, darunter auch der Schäferlauf, im Jahr 2016 nach den Terroranschlägen in Nizza bedroht. War die Situation damals nicht ebenso bedrohlich wie heute?

Man hat damals wahrscheinlich fest daran geglaubt: Was in Nizza passiert ist, wird bei uns nicht geschehen. Damals wurde der Sicherheitsapparat dramatisch erhöht. Wie in anderen Städten auch wurden Omnibusse und Lastwagen an den Ortseingängen quergestellt, damit niemand durchfahren kann. Der Festfreude hat es damals keinen Abbruch getan. Aber im Grund genommen kann bei jedem Fest irgendetwas Schlimmes passieren. Man kann nicht auf alles vorbereitet sein.

Können Sie denn mit der Entscheidung leben, den Schäferlauf abzusagen?

Ja selbstverständlich. Man muss sich der Corona-Situation anpassen, nicht nur mit der Maskenpflicht, sondern auch bei einem Fest dieser Größenordnung. Es kommen bei einem normalen Schäferlauf-Wochenende etwa 100 000 Besucher nach Markgröningen. Das kann man sich in Corona-Zeiten nicht vorstellen. Umgekehrt: Wenn man es doch machen würde, mit entsprechenden Auflagen, es wäre kein fröhliches Fest geworden.

Der Schäferlauf war schon im Mittelalter ein Wirtschaftsfaktor. Das belegen historische Berichte. Welche Folgen hat die Absage für Wirte und Vereine?

Für sie ist es eine schlimme Situation, vor allem für die Vereine. Für sie ist das oft die einzige größere Einnahme im Laufe eines Jahres, mit der sie ihre Kosten tragen können, um Trainer und Dirigenten zu bezahlen oder neues Material zu kaufen. Für die Wirte ist es die gleiche Situation wie zu Anfang der Corona-Zeit als sie schließen mussten. Aber ich bin überzeugt: Es gibt keine Alternative.

Denken Sie, dass der Schäferlauf als Traditionsfest diese Pause verkraften wird?

Davon bin ich völlig überzeugt. Die Markgröninger denken an diesem Wochenende alle an den Schäferlauf und haben vielleicht im Stillen damit gerechnet, dass es einen „kleinen Schäferlauf“ geben wird. Auch das wäre viel zu riskant. Im nächsten Jahr werden sie sich wieder darauf freuen, dass wieder Schäferlauf ist.

Vielen Dank für das Gespräch.

 
 
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