Iran-Protest „Jeder Exil-Iraner kennt einen Toten“

Von Gabriele Szczegulski
Arezoo Shoaleh hat Angst um das iranische Volk, das schlimmer Gewalt ausgesetzt ist. Foto: /Martin Kalb

Arezoo Shoaleh, Leiterin des Vereins Frauen für Frauen, lebt seit fast 30 Jahren in der Stadt. Das Morden in ihrer Heimat setzt ihr schwer zu. 

Ganz oft in den vergangenen drei Jahren und jetzt auch wieder trägt Arezoo Shoaleh ein T-Shirt oder einen Hoodie  mit den iranischen Schriftzeichen für „Frauen, Leben, Freiheit“, womit sie ihre Solidarität zu den Protesten in ihrem Heimatland ausdrückt. Shoaleh ist Exil-Iranerin und lebt seit 27 Jahren in Ludwigsburg, seit 25 Jahren ist sie beim Verein Frauen für Frauen. Sie ist dort die pädagogische Leiterin und verantwortlich für das Frauenhaus.

„Ich wollte der deutschen Gesellschaft immer etwas zurückgeben, mich für Schwache einsetzen, aus Dankbarkeit, dass sie mich so gut aufnahmen“, sagt sie. „Als Exil-Iranerin ist das dem Gemetzel zuschauen aus der Ferne schwer auszuhalten“, sagt sie.

Schlimmste Zeit in 46 Jahren Islamische Republik

Sie fragt sich, warum das iranische Volk derzeit so „im Stich gelassen wird, wo wir einfach abgeschlachtet werden“. Sie spricht in Wir-Form, solidarisiert sich mit den Iranern und Iranerinnen, die derzeit wohl die schlimmste und grausamste Zeit seit 46 Jahren Islamischer Republik erfahren. „Es gab immer schlimme Zeiten, die Gewalt an dem iranischen Volk durch die Mullahs war immer da, zuletzt extrem nach dem Tod Jina Aminis 2023“, sagt sie. Doch jetzt sei es Krieg gegen das eigene Volk. Zigtausende seien bisher, seit Anfang Januar, grausam ermordet worden und würden es immer noch. Offizielle UN- und Amnesty-International-Berichte gehen von bis zu 8000 Toten aus, Shoaleh spricht von bis zu 50.000, so würden es iranische Quellen berichten. „Jeder unter uns Exil-Iranern kennt mindestens einen Toten, der vom Regime ermordet wurde“, sagt sie.

Shoaleh bezieht ihre Informationen aus einigen wenigen Telefonaten mit ihrer Mutter, ihrer Familie und aus den Berichten der Exil-Iraner, die sich derzeit unter dem Sohn des letzten Schahs, Reza Pahlavi zusammenschließen. Dieser hat einen 100-Tage-Plan veröffentlicht, so Shoaleh, der einen Übergang zu demokratischen Wahlen eröffnen soll. „Wir brauchen jetzt eine Führungsfigur wie Pahlavi, die uns an die Hand nimmt“, sagt sie. Man nehme jede Hilfe an, auch die von US-Präsident Donald Trump. „Den Iranern machen amerikanische Bomben keine Angst mehr, nachdem, was sie im eigenen Land erfahren müssen, sie hoffen auf eine Befreiung“, sagt sie.

Vor allem am 8. und 9. Januar gingen die Menschen massenhaft auf die Straßen – im ganzen Land. Sie fordern das Ende des Mullah-Regimes. Auslöser waren Preiserhöhungen der Lebensmittel- und Lebenshaltungskosten von bis zu 200 Prozent und der Schulterschluss der Händler in den Bazaren mit den Protestlern, wie Schoaleh sagt. Seit Jahren befindet sich das Land in einer Wirtschaftskrise. Die Menschen werfen den Machthabern aber nicht nur Korruption und Misswirtschaft vor, sie fühlen sich von der Führung unterdrückt. Sie wollen Freiheit.

Leichen werden nur nach Zahlung von „Kugelgeld“ herausgegeben

Und das Regime schlug, so sagt sie, grausam zu. Menschen wurden gezielt in Kopf und Hals geschossen, Krankenhäuser gestürmt und die Verletzten ermordet, Leichen werden den Verwandten nur nach Zahlung des so genannten „Kugelgeldes“ überlassen. Diese Nachrichten sammeln die Exil-Iraner durch ihre Kontakte in den Iran durch seltene Telefonate, das Internet ist immer noch abgeschaltet. Hineintelefonieren in den Iran sei nicht möglich, wenn sie aus ihrer Heimat angerufen werde, dann über Umleitung und beispielsweise lettische oder kanadische Nummern. „Das Regime tötet gerade die Zukunft Irans“. Die Bevölkerung hat ein Durchschnittsalter von 35 Jahren, „die werden grade zu Tausenden verhaftet, gefoltert, vergewaltigt und hingerichtet“, sagt Shoaleh. Es gibt eine Ausgangssperre, auch tagsüber, jede Straße, viele Häuser werden engmaschig kontrolliert. „Es ist noch nicht mal ein Käfig, in dem sie sitzen, sondern eine Falle.“ Jeder, der ohne Grund auf die Straße gehe, werden erschossen oder verhaftet.

Arezoo Shoaleh und ihre Mitstreiter wollen vor allem aufmerksam machen auf die Menschenrechtsverletzungen. „Das sind internationale Verbrechen gegen die Menschenrechtskonvention, aber niemand tut irgendwas, deshalb hoffen die Iraner nun auf Trump.“

Die Iraner hoffen nun auf Donald Trump

Shoaleh geht zu jeder Iran-Demonstration in Europa, sie war in Brüssel, Düsseldorf. In Ludwigsburg organisierte sie Ende Januar eine Protestaktion, auf der sie sprach und Hunderte gekommen waren.

In dieser Woche, wenn am 13. bis 15. Februar die Sicherheitskonferenz in München stattfindet, wird sie in der Demonstration am 14. Februar mitlaufen. Gleichzeitig soll auch in Toronto und Los Angeles demonstriert werden, wo jeweils 150.000 Menschen erwartet werden. „Wir dürfen nicht vergessen, wer gegen dieses Regime kämpft, der kämpft für unser aller Freiheit und für unsere Sicherheit, denn dass hier ohne eine Reaktion Tausende von Menschen abgeschlachtet werden, das kann überall passieren“, sagt Shoaleh. Sie frage sich und alle, ob es reiche, die Menschenrechte nur zu benennen und nicht zu schützen? „Was ist eine wertebasierte Politik wert, wenn sie dort endet, wo sie wirtschaftlich uninteressant wird oder ein Sturz des Regimes geopolitisch von den Nachbarländern nicht gewollt ist?“

Um auf ihre Fragen Antworten zu bekommen, hat sie Dutzende Briefe geschrieben, an Politiker, die Landtagskandidaten des Kreises, die Bundestagsabgeordneten aus dem Kreis, an Kanzler Friedrich Merz. Sie hat Antworten bekommen, außer vom Kanzler, aber keine Antwort zu Taten. „In der Geschichte hat noch nie ein Volk so sehnsüchtig auf einen militärischen Angriff von außen gewartet“, so Shoaleh, die von Protesten vor ausländischen Botschaften im Iran weiß, wo die Menschen einen Angriff auf ihr eigenes Land forderten. Es handle sich im Iran nicht mehr um die Niederschlagung von massiven Protesten, das sei ein Krieg zwischen einem Volk und seinen Unterdrückern, sagt Shoaleh.

 
 
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