Jahresgespräch „Es ist finanziell die falsche Zeit für die Stadtbahn“

Von Heidi Falk
Ludwigsburgs Oberbürgermeister Dr. Matthias Knecht auf der Treppe zum Rathaus. Foto: /Martin Kalb

Im Interview mit der BZ spricht Oberbürgermeister Matthias Knecht über die Stadtbahn Lucie, den Schanzacker und Ludwigsburgs Status als Leuchtturmkommune. 

Im Interview mit der BZ lässt Ludwigsburgs Oberbürgermeister Dr. Matthias Knecht das vergangene Jahr Revue passieren. Er spricht über die Herausforderungen des Jahres, aber auch über die schönen Momente.

Wie war 2025 für Ludwigsburg?

Matthias Knecht: 2025 war für alle Kommunen ein sehr herausforderndes Jahr, so auch für Ludwigsburg. Wir haben alle gemerkt, dass wir an unsere Grenzen kommen – finanziell und organisatorisch. In Baden-Württemberg wird die strukturelle Unterfinanzierung der Kommunen jedes Jahr ein Stück dramatischer.

Die Stadtbahn Lucie wurde letztendlich vom Gemeinderat abgelehnt. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Die Stadtbahn wird seit etwa 30 Jahren diskutiert. Stadtverwaltung und Gemeinderat haben sich im Juli 2022 mit den Partnern auf den Weg gemacht, doch nun trifft das Thema auf die wirtschaftlich schwierigste Zeit seit 30 Jahren. Die Entscheidung des Gemeinderats ist aus nachvollziehbaren Gründen so gefallen.

Ludwigsburg wird im öffentlichen Diskurs vorgeworfen, einen Fehler zu begehen, da die Finanzierung zu 90 Prozent gesichert wäre durch Fördergelder. Was sagen Sie dazu?

Wir haben eine unglaublich gute Förderkulisse für die Reaktivierung der Bahnlinie Ludwigsburg-Möglingen-Markgröningen. Das sind die genannten über 90 Prozent vom Land. Es stimmt, für diesen Ast müssen wir nicht mehr als fünf bis zehn Millionen Euro beisteuern als Anteil für Ludwigsburg. Dafür hat sich der Gemeinderat auch entschieden. Aber es ging ja um ein Gesamtnetz von Remseck zum Ludwigsburger Bahnhof und über die Innenstadt in die Oststadt und in Richtung Oßweil. Und das hätte unseren Berechnungen nach die Stadt mindestens 37,5 Millionen gekostet – mit Baupreissteigerung sind wir bei 40 bis 50 Millionen Euro. Die Betriebskosten kommen noch hinzu.

In einer Zeit, in der uns das Wasser finanziell bis zum Hals steht, befand der Gemeinderat mehrheitlich diese Kosten nicht für verantwortbar – auch viele Mitglieder des Gremiums, die sich zuvor zur Stadtbahn bekannt hatten. Ich verstehe die Frustration vieler, das ist aber kein verantwortungsloses Handeln. Im Gegenteil.

Sie persönlich sind also kein Stadtbahn-Gegner?

Ich war nie ein Stadtbahn-Gegner. Es ist nur jetzt gerade die falsche Zeit dafür. Die Verwaltung hatte vorgeschlagen, das Projekt zehn Jahre ruhen zu lassen. Der Vorschlag fand im Rat keine Mehrheit, deswegen der Beschluss, sich nur auf die Reaktivierung der Strecke nach Markgröningen zu beschränken. In meiner bisherigen Amtszeit gab es mehrere Projekte, die mir ein Herzensanliegen waren und von denen ich mich trotzdem trennen musste. Beispielsweise der Wunsch nach drei Sporthallen für Ludwigsburg: in Poppenweiler, Oßweil und der Oststadt. Und jetzt wird es genau eine. Und das nicht, weil wir nicht immer noch drei Hallen wollen. Es wird jetzt eine, da wir uns nicht mehr leisten können. Und das Gleiche ist es bei der Stadtbahn. Wir können uns momentan keine große Stadtbahnlösung leisten.

Ludwigsburg war in vielen Bereichen eine Leuchtturmkommune. Wie kann die Stadt das ohne die nötigen finanziellen Mittel weiterhin sein?

Ich bin keiner, der gerne dramatisiert. Es gibt weiterhin die positiven Seiten, etwa die tolle Ehrenamtslandschaft, die unglaublich starken Ludwigsburger Vereine mit ihrem starken Engagement. Und trotz der derzeitigen Wirtschaftskrise gibt es auch in der Wirtschaft Positivbeispiele. Wir haben einige Unternehmen in Ludwigsburg, die es geschafft haben, den Schalter umzulegen. Etwa ISP Tech, die ins Ludwigsburger Industriezentrum (LIZ) gezogen sind und ungiftige Treibstoffe für Raumsonden entwickeln. Oder Weiss Robotics mit Sitz in Oßweil sowie Roche Diagnostics Automation Solutions. Goetze KG Armaturen bekennt sich zu Ludwigsburg und hat im Waldäcker III einen Neubau errichtet als neuen Firmenhauptsitz. Es gibt also durchaus viele, die zeigen, dass man in diesen schwierigen Zeiten bestehen kann.

Sie glauben also, dass die Region die Flaute überwinden wird?

Der Standort wird sich berappeln. Er kann wieder Weltspitze werden. Momentan haben wir im Bereich der Innovationsführerschaft einiges eingebüßt, nicht nur in Ludwigsburg, sondern generell in Süddeutschland. Und ich glaube, dass diese Dürrejahre schon bis zu zehn Jahre andauern können, in denen wir uns neu aufstellen müssen. Gerade deswegen sind Ludwigsburger Gründungen, beispielsweise Instagrid, die mittlerweile Weltmarktführer in der tragbaren Akkustromversorgung sind, so wichtig. In der Region steckt Stärke und Kraft. Wir wollen in Ludwigsburg ein gründungsfreundlicher Standort sein und das noch weiter ausbauen mit alldem, was ein Unternehmen zum Start braucht. Dafür haben wir etwa das Franck-Areal als Gründungszentrum, das Kokolores-Kollektiv und das LIZ, in dem derzeit rund 10.000 von 64.000 Quadratmetern belegt sind, sowie das Film- und Medienzentrum.

Tamm und Asperg wollen dem Land den Schanzacker abkaufen, um eine Bebauung mit einer Flüchtlingsunterkunft zu verhindern. Der Grünzug liegt jedoch auf Ludwigsburger Gemarkung. Was sagen Sie dazu?

Aus meiner Sicht braucht man den Schanzacker mittlerweile weder als Landeserstaufnahme- noch als Erstaufnahmeeinrichtung (EA). Ich sage es in aller Deutlichkeit, weil die Zahlen im Bereich Geflüchtete extrem zurückgegangen sind – sicher auch ein Verdienst der neuen Bundesregierung, das muss man durchaus anerkennen. Ich glaube mit der LEA in Weilimdorf ist der Bedarf für die Region abgedeckt. Für eine kleine EA von 300 bis 500 Plätzen, die stattdessen nun auf dem Schanzacker entstehen soll, finde ich es nicht verhältnismäßig, einen regionalen Grünzug so zu belasten. Dafür muss eine Bestandsimmobilie verwendet werden. Deswegen klare Aussage von mir: Finger weg vom Schanzacker als LEA oder EA. Aber – auch das sage ich in aller Deutlichkeit – ich erwarte, wenn ich diese klare Aussage treffe, auch von den Kommunen Tamm und Asperg: Finger weg vom Eigentumserwerb auf Ludwigsburger Gemarkung.

Was war ihr Lieblingsprojekt 2025?

Die Feierlichkeiten rund um das Jubiläum 75-Jahre Ludwigsburg und Montbéliard, der ersten deutsch-französischen Partnerschaft nach Kriegsende. Für mich war es sehr bewegend, am 8. Mai, zu den Feierlichkeiten des Kriegsendes in Montbéliard, auf Französisch eine Rede halten zu dürfen. Sicherlich nicht in perfektem Französisch, aber das spielt keine Rolle. Es war für mich ein ganz besonderer Moment, vor Kriegsveteranen und NS-Opfern zu sprechen. Großartig war natürlich auch einen Tag später die Stadtgründungsfeier in Ludwigsburg mit vielen Gästen aus Deutschland und Frankreich. Im Dezember fand das gemeinsame Abschlusskonzert der Montbéliarder Stadtkapelle und des Musikvereins Ludwigsburg-Oßweil statt. Als das große Friedensprojekt ist die älteste deutsch-französische Städtepartnerschaft auch ein wunderbares Zeichen für ganz Europa.

Vielen Dank für das Gespräch.

 
 
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