Jahresgespräch in Vaihingen „Ich habe mich kopfüber in diese Stadt gestürzt“

Von Heidi Vogelhuber
Vaihingens Oberbürgermeister Uwe Skrzypek auf der Enzplattform in der Stadtmitte. Foto: /Martin Kalb

Uwe Skrzypek spricht mit der BZ über Sanierungsstau, warum nicht alle alles haben können und die Politik als Lösung für die großen Probleme. 

Seit gut vier Monaten hat Vaihingen einen neuen Oberbürgermeister. Das Jahresabschlussgespräch sei daher eine „ganz persönliche Bilanzierung“, sagt Uwe Skrzypek beim Gespräch mit der BZ. Gerade in der Wahlbewerbungsphase habe der frühere Daimler-Manager Vaihingen sehr intensiv – „es geht kaum intensiver“ – kennengelernt und dabei den Fokus auf die neun Stadtteile gelegt. „Ich habe mit sehr vielen Menschen gesprochen und mich kopfüber in diese Stadt gestürzt.“

Schon bevor er sich um das Amt als OB bewarb, war er mit seiner Frau nach Vaihingen gezogen und hat ein Haus in der historischen Innenstadt gekauft, das die Familie noch immer saniert. Es sei nicht selbstverständlich, dass der Wahlschwabe aus NRW das Rennen gemacht habe. „Ich bin froh, dass ich dieses Vertrauen bekommen habe“, sagt er.

Das erste Projekt als OB

„Konsolidieren“, das sei das erste große Projekt, dass Skrzypek in der großen Kreisstadt Vaihingen angegangen sei. Er wollte gleich zu Beginn der Frage nachgehen: Wo steht die Stadt? Der 52-Jährige musste feststellen: „Unter monetären Gesichtspunkten ist der Spielraum klein.“ Die Zahlen des Haushalts seien „nicht bekömmlich und das hat Konsequenzen.“ Der Haushalt weise derzeit ein Minus von 6,5 Millionen Euro auf, die Perspektive für 2024: „vielleicht ein Minus von sieben Millionen Euro“, so der OB.

Ein Ziel des 52-Jährigen: Nachhaltigkeit implementieren – auch monetär. „Natürlich ist eine Verzichtsdebatte wenig charmant. Aber wir müssen wieder ins Handeln kommen.“ Dabei setzt Skrzypek darauf, die Menschen mitzunehmen.

Einsparen und investieren

Auch wenn es um den Sanierungsstau geht, den der OB feststellen musste. Viel sei in den letzten zehn bis 15 Jahren liegen geblieben. „Die Summe der Leckagen frisst das Budget auf“ – neben den laufenden Fixkosten. Darin sieht Skrzypek auch ein großes Manko. Denn Vaihingen besteht aus neun Stadtteilen, allesamt ohne Rücklagen. Die Stadt sei wie eine „Eigentümergemeinschaft, die keine Rücklagen“ habe. Die Struktur der großen Kreisstadt Vaihingen sei vor 50 Jahren erfunden worden und laufe unter dem Motto: „Alles für alle.“ Das jedoch führe unweigerlich zu einem „Scheitern mit Ansage.“

Denn der Unterhalt für neun Rathäuser, neun Mehrzweckhallen, neun Feuerwehrhäuser und insgesamt 180 Immobilien überfordere Vaihingen personell und finanziell. „Zu wissen, was man nicht will, ist nicht gestalten“, sagt Skrzypek. Er möchte mit den fast 29 000 Einwohnern gemeinsam an der Zukunft der Stadt arbeiten. Das heiße an einigen Stellen einzusparen, um an anderer Stelle investieren zu können.

Und notwendige Investitionen gebe es genug. So stünden kommunale Pflichtaufgaben an, wie Ausgaben für frühkindliche Bildung, die Schaffung von Kindergartenplätzen sowie der Anspruch auf Ganztagesbetreuung an Grundschulen ab 2026 und Katastrophen-, Umwelt- und Datenschutz. In allen Bereichen gebe es finanzielle und personelle Engpässe. Auch dürfe die alternde Gesellschaft nicht vergessen werden, die „andere Strukturen braucht.“ Für den OB steht fest, dass nicht alles in allen neun Stadtteilen angeboten werden kann. Er möchte mit der Bürgerschaft in eine offene Diskussion gehen. „Wir müssen die Köpfe zusammenstecken und den bestmöglichen Service für die Bürger ausarbeiten“, sagt Skrzypek, der sich selbst als Moderator sieht. Die Zeitenwende, von der überall die Rede sei, mache auch vor den Toren Vaihingens nicht Halt. „Wir können nicht immer mehr wollen. Es muss auch losgelassen werden“, resümiert der OB.

Insgesamt befinde sich Vaihingen im Krisenmodus. Krisen, die bewältigt werden müssen. Einerseits der Ukrainekrieg mit seinen wirtschaftlichen Folgen, wie der Energiekrise, aber auch der Flüchtlingsunterbringung. „Jenseits unserer Möglichkeiten“, sagt der OB. Es werde alles angemietet, um der Verpflichtung gegenüber dem Landkreis gerecht zu werden. Zuletzt seien gut 100 Geflüchtete im Hotel „Post“ untergebracht worden.

Nicht zu vergessen, die Klimakrise mit ihren Starkregenereignissen, der Hitze und der Dürre.

Große Investitionen

Und doch muss investiert werden, begonnene Projekte müssen weitergeführt werden. 2023 liegt das Investitionsvolumen der Stadt Vaihingen bei 30 Millionen Euro. Unter anderem für die Erschließung des 10,6 Hektar großen Gewerbegebiets „Fuchsloch III“ am nordöstlichen Stadtrand sowie für das Baugebiet „Leimengrube“ am östlichen Rand der Stadt. Für fünf Millionen Euro hat die Stadt nach zweieinhalbjähriger Verhandlung das Häcker-Areal gekauft. Die 4,1 Hektar große Fläche zwischen Enz und der Straße nach Aurich soll in die landschaftliche Gesamtkonzeption zurückgeführt werden und gilt als wichtiger Teil der Gartenschau-Planung für 2029.

In Ensingen soll außerdem ein neuer Kindergarten für rund 4,5 Millionen Euro gebaut werden und die Freiwillige Feuerwehr in Roßwag bekommt ein neues Gerätehaus für 3,1 Millionen Euro.

Beteiligung der Bürger

Ein Thema liegt dem Vaihinger OB am Herzen: Bürgerbeteiligung. Gerade junge Familien, Jugendliche und junge Erwachsene seien schwer zu erreichen, sollten aber ein signifikantes Interesse daran haben, die Zukunft mitzugestalten. „Bürgerbeteiligung fängt bei Information an, muss aber auf Interesse stoßen“, sagt Skrzypek. Bürgerbefragungen seien aktuell in aller Munde, das könne auch ein gutes Werkzeug sein. Jedoch weist der OB darauf hin, dass es Gruppierungen gebe, die auf komplexe Fragen einfache Antworten geben. Das funktioniere selten gut.

Dem Rathauschef sei wichtig, Bürgerbeteiligung in der Stadt fest zu verankern. Innerhalb der Stadtverwaltung gebe es bereits einen Mitarbeiter, der sich exklusiv mit dem Thema Bürgerbeteiligung auseinandersetze. Den Anfang möchte Skrzypek mit einer Umfrage zum Thema Maientag machen. „Der Maientag ist im positivsten Sinne emotional besetzt“, sagt er. Im Gespräch ist, den Haupttag des traditionellen Kinder- und Heimatfestes vom Pfingstmontag auf den Freitag zu verschieben. Das soll vor allem Kindern und Familien die Teilnahme ermöglichen; „viele sind am Pfingstmontag schon im Pfingsturlaub“, sagt der OB. „Man muss sich fragen: Was ist Tradition? Der Pfingstmontag als der Tag des Feierns oder dass das Fest für Kinder ist.“ Noch bis 15. Januar könne über die Homepage der Stadt abgestimmt werden. Bislang haben 1500 Bürgerinnen und Bürger teilgenommen.

Dieses Thema sieht der OB als „Einstieg in den Dialog mit den Bürgern“, er wolle Politik erlebbar machen. „Ich glaube, dass die großen Probleme nur politisch gelöst werden können“, resümiert Uwe Skrzypek und wirbt für die Partizipation.

 
 
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