Jugend musiziert auf der Kippe Widrige Zeiten für „Jugend musiziert“

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Musizieren auf Abstand: Alexandra Kroll am Klavier von der Musikschule Besigheim und Darian Keller an der Posaune aus der Musikschule Bietigheim bei „Jugend musiziert“ im Jahr 2019. Wurde damals eher zufällig Abstand gehalten, ist es heute Vorschrift. Das stellt die Musikschulen vor Hürden. ⇥ Foto: Archiv/Musikschule Besigheim

Ab Altersklasse 3 soll der bei Musikschülern so beliebte Wettbewerb komplett online abgehalten werden mit Videoaufnahmen, die eine Jury online bewertet.

Keiner weiß etwas Genaues. Das ist in Corona-Zeiten auch leider Fakt beim beliebten Schülerwettbewerb „Jugend musiziert“. In Bönnigheim, Besigheim und Bietigheim-Bissingen kämpfen Musikschulleiter und ambitionierte Schüler mit besonders widrigen Wettbewerbsbedingungen. Schüler und Lehrer können zurzeit durch die Corona-Regeln nicht zusammen üben – auch nicht jetzt in den Faschingsferien. Das gemeinsame Üben, das so wichtig ist, weil es das soziale Band zwischen den jungen Musikern festigt und die Stücke so ihren Feinschliff bekommen, kann für die meisten Teilnehmer derzeit nur online stattfinden.

Die Musikschulleiter dürfen keine Räume für Schüler öffnen, die sich in der Musikschule gemeinsam vorbereiten wollen. Das alles sowie ungleiche Wettbewerbsbedingungen stellt den Sinn des Wettbewerbs für so manchen infrage. Rainer Falk, Stadtmusikdirektor und Musikschulleiter in Bönnigheim spricht von unfairen Wettbewerbsbedingungen: Ein Geschwisterpaar, das gemeinsam am Wettbewerb teilnehmen will, könne jederzeit zusammen üben und sogar noch den Lehrer mit ins Boot nehmen, weil das Geschwisterpaar in der Regel aus einem Haushalt kommt. Diesen Vorteil haben andere Kombinationen aus Musikern nicht. Falk: „Das ist alles ganz schön schwierig gerade.“

Für die Altersklassen eins bis zwei überlegt der Landesmusikrat, der jährlich den Jugend-musiziert-Wettbewerb neu ausschreibt und die Organisation an die Musikschulen weitergibt, für den Regionalwettbewerb einen Nachholtermin im März oder April anzuvisieren, je nachdem wie sich die Infektionslage entwickelt. „Die ersten beiden Altersklassen werden noch nicht weitergeleitet zum Landeswettbewerb, deshalb könnte man sie in einem Regionalwettbewerb vor Ort auftreten lassen“, erklärt Reimund Schiffer, Musikschulleiter der Musikschule im Schloss in Bietigheim-Bissingen das Bestreben.

Noch bis vor Kurzem hatten Musikschulleiter wie Schiffer gehofft, wenigstens in den Faschingsferien die Musikschulen zum Üben öffnen zu können, doch Fehlanzeige. „Bis 22. Februar sind die Musikschulen nun komplett geschlossen. Wir wissen aktuell nicht, ob wir am 22. wieder aufmachen können. Falls ja, dann hätten wir ohnehin nur noch bis 7. März Zeit, die Aufnahmen für den Landeswettbewerb zu machen.“ Zwei Wochen live proben und dann gleich alles aufzunehmen sei eine heikle Sache. „Das ist wenig Zeit“, bringt es der Bietigheimer Musikschulleiter auf den Punkt. Schiffer sieht die Entwicklung ebenfalls mit großer Skepsis. „Ich stelle meinen Kollegen frei zu sagen, sie melden ihre Schüler an oder nicht.“

Von 17. bis 22. März sollen sich im Rahmen dieses ersten Online-Wettbewerbs die Juroren zusammensetzen und sich die ganzen Aufnahmen der Solisten und Duos anhören und bewerten. „Ensembles sind in diesem Jahr wohl kaum zu finden, denn wie wollen die denn proben“, so Schiffer.

Gemeinschaft fehlt

Die Chancengleichheit bei den weiterführenden Wettbewerben ist infrage gestellt, weil in den Bundesländern verschiedene Regeln für das gemeinsame Üben vor den Wettbewerben gelten. Ein wichtiger Aspekt des Wettbewerbs fehle komplett: Mitzuerleben, wie die anderen spielen. „Diese anonyme Bewertung hat Haken und Ösen. Man bekommt hinterher auch kein Feedback von den Juroren wie sonst üblich als Teilnehmer“, weiß Roland Haug, Musikschulleiter in Besigheim in der Musikschule im Steinhaus: „Wir wissen Stand jetzt nicht, wie es weitergeht. Je nachdem wie die stufenweise Öffnung der Schulen vonstatten geht, öffnen auch die Musikschulen wieder. Falls das erst am 1. März sein sollte, haben die Jugend-musiziert-Teilnehmer nur noch eine Woche Zeit, bis sie ihre Aufnahmen einschicken müssen.“ Wer sich auf sein Musikabitur vorbereitet, habe zur Zeit wieder andere Freiheiten in Sachen Präsenzunterricht wie jemand, der für Jugend musiziert üben will. Nachfragen beim Deutschen Musikrat über diese Ungereimtheiten würden abschmettert werden, erklärt der Besigheimer Musikschulleiter.

Keiner wolle zur Zeit die Verantwortung für diese Situation wirklich übernehmen, so ist die Bilanz der drei Leiter der Musikschulen Bönnigheim, Besigheim und Bietigheim-Bissingen. Bleiben allerdings die Schüler, die auf keinen Fall ihren Wettbewerb noch einmal wie im letzten Jahr davonschwimmen sehen wollen.

Schwierig für Pianisten

Eine besonders schwierige Situation haben die Pianisten, die sich für Literatur zu vier Händen an einem Flügel entschieden haben. Sie müssen beim Wettbewerb wegen der 1,5 Meter Abstand-Regel an zwei Klavieren spielen. Klavierlehrerin Ulrike Walz aus Besigheim unterrichtet zwei sehr begabte und sehr versierte Schüler mit 16 Jahren, die bei Jugend musiziert schon jetzt eine Bilderbuchkarriere hingelegt haben. Alexander Schütz und Henning Dong, beide 16 Jahre. Ihr Credo: „Die künstlerische Arbeit leidet immens im Online-Unterricht. Außerdem ist es nicht einfach zu entscheiden, wo die Mikrofone platziert werden im heimischen Wohnzimmer.

Alexander Schütz, 16 Jahre, Pianist aus Besigheim, kann ein Lied singen von den schwierigen Bedingungen zur Vorbereitung auf den Wettbewerb: „Seit Weihnachten hatten wir keinen Präsenzunterricht mehr mit unserer Lehrerin, nur noch eine Internetverbindung. Um die Feinheiten zu hören und zu verändern, brauchen wir aber den Präsenzunterricht. Ich hoffe, dass wir nach den Faschingsferien wieder gemeinsam mit ihr üben dürfen.“

Durch das Spielen an zwei Klavieren scheidet aus, dass man gemeinsam zu Hause üben kann, denn niemand habe zwei Klaviere zu Hause. Sitzt man so weit auseinander, fehlt der Kontakt. Stumme Absprachen durch kleine Gesten sind viel schwerer. „Zum Glück kennen wir uns lange und spielen seit acht Jahren miteinander“, so Schütz. Was auch extrem fehle, sei die Atmosphäre bei den Wettbewerben. „Beim Landes- und beim Bundeswettbewerb in Lübeck war es jedes Mal toll zu erleben, wie die anderen spielen“, sagt er und ergänzt: „Ein großes Problem ist der Klang bei Online-Aufnahmen. Da geht viel Qualität verloren.“

Dennoch, lieber Jugend musiziert online als gar nicht. Das sei letztes Jahr so enttäuschend gewesen: Der Regionalwettbewerb im Januar fand noch statt, Landes- und Bundeswettbewerb wurden abgesagt. „Das war für viele, die eine Weiterleitung in der Tasche hatten, ein schwerer Schlag.“

 
 
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