Was heute als selbstverständlicher Bestandteil der sozialen Infrastruktur gilt, war vor 25 Jahren Gegenstand intensiver Diskussionen, schwieriger Standortentscheidungen und einer außergewöhnlichen Erbschaft aus den USA. Die Entstehung des Karl-Ehmer-Heims war verbunden mit kommunalpolitischem Ringen, einer vorausschauenden Planung und persönlicher Verbundenheit zur alten Heimat.
Karl-Ehmer-Stift Ingersheim Vom Vermächtnis zum Pflegeheim
Vor 25 Jahren wurden für den Karl-Ehmer-Stift die Weichen gestellt. Durch die Spende des Exil-Ingersheimers Karl Ehmer konnte die Einrichtung gebaut werden.
Großer Bedarf an Pflegeplätzen
Bereits Ende der 1990er-Jahre wurde im Landkreis Ludwigsburg deutlich, dass der Bedarf an Pflegeplätzen stark steigen würde. Ingersheim galt dabei als eine der Gemeinden mit besonders hohem prognostiziertem Zuwachs älterer Menschen. Der damalige Bürgermeister Volker Godel und der Gemeinderat sahen deshalb dringenden Handlungsbedarf. Im April 2001 stand schließlich die entscheidende Frage im Mittelpunkt einer Sondersitzung des Gemeinderates: Wo sollte das geplante Pflegeheim gebaut werden? Zur Diskussion standen vor allem zwei Standorte – der Bolzplatz an der Goethestraße und ein Grundstück an der Bietigheimer Straße 17.
Die Debatte wurde damals emotional geführt. Befürworter des Bolzplatzes argumentierten mit der zentraleren Lage und der Nähe zu Kindergarten und Schule. Gegner wiederum verwiesen auf den Verlust einer wichtigen Grünfläche und darauf, dass das Gelände später möglicherweise für Schule, Kindergarten oder Halle benötigt werden könnte. Am Ende überwogen die Argumente für die Bietigheimer Straße. Ausschlaggebend waren vor allem die geringeren Grundstückskosten, die bessere Größe sowie die Möglichkeit einer verkehrlichen Erschließung. Nach mehr als vier Stunden Diskussion sprach sich der Gemeinderat mit deutlicher Mehrheit von 14:4 Stimmen für diesen Standort aus.
Parallel zur Standortfrage entwickelte sich eine zweite, für das Projekt entscheidende Geschichte: das Vermächtnis des aus Kleiningersheim stammenden Amerika-Auswanderers Karl Ehmer. Dieser war 1930 in die USA ausgewandert und hatte dort mit Metzgereien und Fleischwaren ein Vermögen aufgebaut (siehe Infobox). Trotz seines Erfolgs verlor er nie den Bezug zu seiner Heimatgemeinde. Nach seinem Tod im Jahr 1998 erhielt die Gemeinde Ingersheim aus seinem Nachlass mehr als eine Million Mark – zweckgebunden für den Bau oder Betrieb eines Alten- beziehungsweise Pflegeheims. Der Weg bis zur Auszahlung war jedoch kompliziert.
Jahrelange juristische Prüfung
Bereits 1995 hatte ein amerikanisches Anwaltsbüro erstmals Kontakt mit der Gemeinde aufgenommen. Nach Ehmers Tod folgten jahrelange juristische Prüfungen, Übersetzungen und Abstimmungen mit Nachlassverwaltern in den USA, die in einer dicken Akte gesammelt wurden. Erst 2001 konnte Ingersheim schließlich offiziell über rund 1,114 Millionen Mark verfügen. Ein Teil des Geldes – rund 600.000 Mark – wurde für den Erwerb des Grundstücks an der Bietigheimer Straße verwendet. Der restliche Betrag floss in die Finanzierung der neuen Einrichtung. Aus Dankbarkeit und auf Wunsch des Erblassers erhielt das Pflegeheim den Namen „Karl-Ehmer-Heim“, später „Karl-Ehmer-Stift“. Die Gemeinde arbeitete von Anfang an eng mit der Evangelischen Heimstiftung Stuttgart zusammen, die als Träger gewonnen wurde. Geplant wurden Pflegeplätze, Altenwohnungen sowie Gemeinschafts- und Sozialräume. Die Architektur sollte sich bewusst in die Hanglage einfügen und gleichzeitig eine ruhige Wohnatmosphäre schaffen.
2003 war der Baubeginn vorgesehen. Nach rund 18 Monaten Bauzeit wurde das Karl-Ehmer-Stift schließlich im Juni 2005 eingeweiht. Für Ingersheim bedeutete dies nicht nur den Ausbau der Pflegeversorgung, sondern auch ein sichtbares Zeichen dafür, wie eine Gemeinde frühzeitig und langfristig auf die demografischen Entwicklungen reagieren kann.
Karl Ehmer, „The best butcher on the block“
Der aus Kleiningersheim stammende Karl Ehmer zählt zu den bemerkenswerten Auswanderern der Region Stuttgart. Mit Mut, Unternehmergeist und harter Arbeit baute er sich in den USA eine beeindruckende Existenz auf und wurde zu einem erfolgreichen Geschäftsmann.
Kurz nach seiner Ankunft in Amerika eröffnete Ehmer 1930 – mitten in der Zeit der Weltwirtschaftskrise – seinen ersten Delikatessenladen in der 46th Street in Manhattan. In den folgenden Jahren hatte er eine Kette von insgesamt 55 Geschäften sowie Franchisebetrieben. Der Jahresumsatz erreichte schließlich rund zehn Millionen Dollar. Doch Karl Ehmer beschränkte sich nicht nur auf den Handel. 1953 kaufte er in LaGrange eine große Milchfarm, die später zu einer Schweinezucht umgewandelt wurde. 1956 verlegte er seinen Wohnsitz nach Dutchess County. Vier Jahre später erwarb er eine weitere Farm in LaGrange, auf der er eine Rinderzucht betrieb. 1986 verkaufte er einen Großteil seines weitläufigen Farmgeländes in LaGrange für rund 3,2 Millionen Dollar an einen Landentwickler.
Bis heute werden Fleisch- und Wurstprodukte unter dem Namen des Ingersheimers Karl Ehmer in den Vereinigten Staaten verkauft. Ganz nach dem Motto: „The best butcher on the block“.
