SSeit zehn Jahren leitet Dr. Dörte Bester als theologisch-diakonischer Vorstand die Geschicke der 750 Mitarbeiter und 1200 Menschen, die auf der Karlshöhe betreut werden. Seit 150 Jahren kümmert sich die Einrichtung in Ludwigsburg um Menschen, die Hilfe, Begleitung und Unterstützung benötigen. Vom einstigen Kinderheim und Bruderhaus ist die Karlshöhe stetig gewachsen und bietet heutzutage Angebote für Kinder, Jugendliche, Senioren, Menschen mit Behinderung oder psychischen und sozialen Schwierigkeiten. Die BZ sprach mit Dörte Bester über die Entwicklung der Karlshöhe.
Karlshöhe Ludwigsburg „Alles tun, um die Not zu lindern“
Zum 150-jährigen bestehen der Karlshöhe erklärt Dr. Dörte Bester, theologisch-diakonischer Vorstand, was sich geändert hat und was immer noch Bestand hat.
Frau Bester, die Karlshöhe wurde vor 150 Jahren gegründet. Was war damals der Grund und hat sich dieser im Laufe der Jahre verändert?
Dr. Dörte Bester: Vor 150 Jahren, als Ludwigsburg ein neues Kinderheim brauchte, wurde die Karlshöhe als Kinder- und Brüderanstalt gegründet. Neben dem Kinderheim gab es eine Ausbildungsstätte für junge Männer. Handlungsleitend für die Entwicklung der Karlshöhe war die Fragestellung: „Wo ist Not und wie können wir die Not wenden?“ Das Motto der Karlshöhe zum 150-jährigen Bestehen ist „Weil menschlich so viel möglich ist“. Wir entwickeln uns ständig weiter, Bereiche kommen dazu, werden erweitert. Wir schauen über den Tellerrand und sind auch immer offen für Anfragen von Stadt und Landkreis, wenn menschliche Not vorhanden ist.
Wie kamen die einzelnen Angebote zustande?
Ein gutes Beispiel ist die Wohnungsnotfallhilfe auf der Karlshöhe. Als Theo Lorch in den 1950er-Jahren Direktor wurde, ließ die Karlshöhe wohnungslose Menschen in einer alten Scheune auf dem Gelände übernachten. Die Scheune war Teil des landwirtschaftlichen Selbstversorger-Betriebs der Anstalt Karlshöhe. Als die Scheune 1960 abbrannte, erkannte er, dass dies der Anlass zu mehr Hilfe ist. Er ließ das Haus auf der Wart als „Resozialisierungsheim“ bauen. Zudem kam er 1955 der Bitte der Stadt nach, das Wernerhaus als Ausbildungseinrichtung für körperbehinderte Kinder und Jugendliche zu bauen. Heute können Jugendliche mit körperlichen oder psychischen Beeinträchtigungen dort eine Ausbildung mit IHK-Abschluss absolvieren. Und so kamen bis heute, je nach Bedarf, neue Bereiche, neue Angebote hinzu.
Was war der letzte Bereich, der hinzu kam?
Das waren neue Angebote im Bereich der Hilfen für Menschen mit psychischen und sozialen Schwierigkeiten. 2018 eröffneten wir das Haus Doppelpunkt für Menschen mit der Doppeldiagnose Sucht und psychische Erkrankung. Im Neubau entstanden 30 Plätze. Zwölf offene Plätze für Menschen mit einer Doppeldiagnose Sucht- und psychischer Erkrankung sowie 18 neue geschützte Plätze für Menschen mit einer psychischen Erkrankung und einem Unterbringungsbeschluss aufgrund von selbstgefährdendem Verhalten. Hier reagierte die Karlshöhe auf einen hohen Bedarf von Menschen, die beispielsweise Depressionen haben und eine Suchterkrankung. Wir entwickeln Angebote, die den Menschen eine Perspektive geben.
Im Frühjahr hatten wir einen bundesweiten Fachtag zum Messi-Syndrom. Ganz aktuell gibt es dazu im September in Bietigheim einen Vortrag für Angehörige. Die Welt verändert sich schnell und die Probleme werden komplexer. Unsere Strategie ist es, schnell und beweglich auf diese sozialen Veränderungen zu reagieren. Derzeit bauen wir ein Quartiersprojekt auf. Ziel ist die Vernetzung der Karlshöhe mit den umliegenden Stadtteilen, um die Inklusion zu fördern. Inklusion hat für uns zwei Richtungen. Wir unterstützen zum Beispiel Menschen mit Behinderungen darin, sich auf den Weg in die Stadt zu machen und sich einzubringen und wir laden Menschen auf die Karlshöhe ein, um die Menschen hier kennenzulernen.
Wenn die Struktur der Karlshöhe immer komplexer wird, immer mehr Bereiche hinzukommen, verzettelt man sich nicht?
Nein, die vielfältigen Angebote der Karlshöhe sind unsere große Stärke. Die Bereiche haben viele Schnittstellen. Mitarbeitende aus den verschiedenen Bereichen bringen ihr Wissen ein und suchen für die Klientinnen und Klienten die bestmöglichen Lösungen.
In Zeiten fehlender finanzieller Mittel sind die Ausgaben sicher ein Faktor. Müssen Sie Abstriche machen?
Der Großteil der Kosten unserer Hilfeleistungen wird gemäß dem Subsidiaritätsprinzip als sozial-staatliche Aufgabe übernommen. Die Kosten werden abgerechnet und von entsprechenden Stellen, wie der Kommune oder dem Staat getragen. Aber ja, derzeit wird der Sozialstaat oft als reiner Kostenfaktor angesehen. Inklusion und Teilhabe werden vor allem unter Kostengesichtspunkten betrachtet. Und entsprechend wird derzeit viel über Kürzungen diskutiert. Deswegen haben wir uns der Kampagne „Nicht am Menschen sparen“ angeschlossen, weil wir uns große Sorgen machen, dass viele Unterstützungsformen auf dem finanziellen Prüfstand stehen. Mehrfach behinderte Menschen oder Menschen mit psychischen und sozialen Schwierigkeiten haben eine sehr schwache Lobby in der Politik. Wir schlagen vor, an der Bürokratie zu sparen, aber nicht an den Leistungen für die Menschen.
Können Sie Beispiele nennen, wo Sie konkret Abstriche machen müssen?
Beispielsweise sollen Tarifsteigerungen nicht mehr ganz vom Staat refinanziert werden, die Träger müssten diese Mehrkosten übernehmen, was ein strukturelles Defizit zur Folge hätte. Wir sind davon überzeugt, dass soziale Arbeit einen Wert hat und auch entsprechend entlohnt werden muss.
Mussten Sie schon Angebote beenden, aus Kostengründen?
Schließen oder beenden bisher nicht. Zwar können wir „Karlas Wohnzimmer“ in Bietigheim-Bissingen nicht weiterführen, dieses Projekt war jedoch durch Fördermittel der Aktion Mensch finanziert, die Ende September auslaufen. Dies hat nichts mit den aktuellen Kürzungsplänen zu tun, spiegelt jedoch die knappen Finanzen öffentlicher Haushalte wider. Die soziale Anlaufstelle für Menschen mit schwierigen und besonderen Lebensumständen im Diakoniezentrum in Bietigheim-Bissingen war als Modellprojekt eingeführt worden. Die Besonderheit: Karlas Wohnzimmer steht für Menschen mit diversen Problemen als niederschwellige Ansprechstelle offen. Für Probleme mit Behörden, Anträgen, bei Arbeitslosigkeit, Sucht, familiären Problemen, Wohnungslosigkeit oder psychischen Problemen ist dies eine erste Anlaufstelle. Sie wurde sehr gut angenommen. Es gibt aber auch gute Nachrichten: Wir konnten die Arbeit der Jugendberatungsstelle, die vom Landkreis finanziert wird, fortführen, wenn auch in reduziertem Umfang. Sie berät Jugendliche am Übergang Schule-Beruf.
Was treibt Sie persönlich an, diesen anspruchsvollen Dienst am Menschen zu machen?
Zuerst einmal bin ich dankbar, dass ich ein Teil der Karlshöhe sein darf. Mir ist es wichtig, die Rahmenbedingungen für Klienten und Mitarbeiter bestmöglich zu gestalten. Meine Arbeit macht Sinn und meistens auch Freude. Mein Antrieb persönlich ist meine lebensbejahende Haltung. Sie gründet in meinem christlichen Glauben. Ich bin überzeugt, dass Gott jedem Menschen unzerstörbare Würde gegeben hat. Dieses „Ja“ Gottes zu jedem einzelnen Menschen machen wir mit unserer Arbeit erfahrbar. Wenn Menschen sich angenommen fühlen, können sie so viel erreichen, unabhängig davon, welche Handicaps oder Herausforderungen sie mitbringen. Als Pfarrerin im Vorstand der Karlshöhe zu sein, bedeutet, mich, zusammen mit meinem Vorstandskollegen, Frank Gerhard, auch der wirtschaftlichen Verantwortung, die damit verbunden ist, zu stellen. Wir leben noch nicht im Reich Gottes und müssen deshalb unter den Bedingungen unserer Welt verantwortlich wirtschaften. Deswegen habe ich auch ein Zusatzstudium zur Betriebswirtin absolviert. Wir sind mit über 750 Mitarbeitenden auch ein großer Arbeitgeber und setzen uns im Landkreis Ludwigsburg für Menschen ein. Wir setzen damit auch ein Zeichen für gegenseitigen Respekt und den sozialen Zusammenhalt in unserer Gesellschaft.
