Kindergarten Besigheim Wohin mit autistischem Kind?

Von Michael Soltys
Autistische Kinder benötigen besondere und ständige Betreuung, meist fehlt jedoch das personal, um sie in die Kindergärten integrieren zu könne Foto: dpa//Julian Stratenschult

Die Mutter drängt auf vollständige Betreuung, der Kindergarten sieht sich überfordert. Wie Inklusion an der Praxis scheitert.

Wenn Selma P. von ihrer Tochter Paula (beide Namen von der Redaktion geändert) erzählt, dann kommen ihr schnell die Tränen. Das fünfeinhalb Jahre alte Kind leidet am Autismus-Spektrum. „Sie spricht nicht viel, sie ist lieber allein“, schildert die Mutter ihr Verhalten. „Sie kann ihre Gefühle nicht kontrollieren und akzeptiert kein Nein.“ Der Umgang mit dem Kind erfordere die volle Aufmerksamkeit.

Im evangelischen Kindergarten Bühl in Besigheim dürfte Paula gut aufgehoben sein, hoffte die Mutter, die selbst Muslimin ist. In einer Einrichtung, die vom Glauben geprägt ist, werde es akzeptiert, glaubte sie. Diese Hoffnung sieht Selma P. enttäuscht, und eben das treibt ihr die Tränen in die Augen. Aber die Mutter ist auch entrüstet. Ihre Vorwürfe: Das Kind werde schlecht behandelt, die Erzieherinnen werden allzu schnell ungeduldig, das Kind sei angeschrien worden.

Das Personal sei überlastet

Dreimal die Woche bringt Selma P., die berufstätig ist, Paula in den Kindergarten. Eine Mitarbeiterin der Eingliederungshilfe muss anwesend sein, um sich um das Kind zu kümmern. Ihren Wunsch, die Tochter fünfmal die Woche bringen zu können, hat die Mutter aufgegeben. Es sei kein Personal für die Betreuung verfügbar, habe sie zu hören bekommen.

Das Personal sei überlastet, der Besuch des Kindes an drei Tagen die Woche sei jetzt schon zu anstrengend. „Dabei hat Paula nach einem Jahr Eingewöhnungszeit das Recht, den Kindergarten täglich zu besuchen“, sagt die Mutter. Ein Risiko für andere Kinder sieht sie nicht. Ihre Schwiegermutter hilft ihr, den Alltag zu meistern und Job und Familie unter einen Hut zu bringen.

Mittlerweile hat Selma P. eine Rechtsanwältin in dieser Sache eingeschaltet, um Druck auszuüben. Auf eine Anzeige hat sie bisher verzichtet. Mit dem Gang an die Öffentlichkeit gehe es ihr darum, den Boden für Eltern vorzubereiten, die in einer ähnlichen Situation stecken. „Ich möchte in ihrem Sinne handeln“, sagt sie und beruft sich auf das Inklusionskonzept des Landes Baden-Württemberg. „Inklusion gilt doch für alle.“ Paula selbst werde bald den Kindergarten verlassen und in die Schule gehen.

Kirchenbezirk hält sich bedeckt

Dekan Eberhard Feucht vom Kirchenbezirk Besigheim, dem Träger des Kindergartens, hält sich auf Anfrage der BZ bedeckt. Dabei spielt die rechtliche Auseinandersetzung um das Kind ebenso eine Rolle wie der Schutz des beteiligten Personals. Die Vorwürfe, Paula sei ungerecht behandelt worden, weist er pauschal zurück. „Wir wollen die bestmögliche Förderung im Sinne des Kindes“, sagt Feucht, „und die Zusage der Integration umsetzen.“ Aber Feucht sagt auch: „Die Eins-zu-Eins-Betreuung eines Kindes mit Autismus ist ein begrenzt leistbarer Rahmen.“ Gemeinsam mit der Mutter und Fachleuten für Heilpädagogik und Sonderpädagogik hat Feucht an einer Sitzung in der Kita teilgenommen.

Integrationskräfte benötigt

Die Verantwortung für die evangelischen Kindergärten liegt seit Kurzem beim Kirchenbezirk und nicht mehr bei den einzelnen Kirchengemeinden. Die Geschäfte werden von Tobias Laufs besorgt, der 34 Kindergärten in den Kirchenbezirken Ludwigsburg und Besigheim und damit zwischen 1400 und 1500 Kinder betreut. Er äußert sich ähnlich zurückhaltend wie der Dekan und möchte nur im Grundsatz Stellung nehmen.

Einzelne Fälle zu diskutieren, oder sogar Namen zu nennen, „das dürfen wir nicht“, sagte er. Das trifft insbesondere auf die Vorwürfe zu, das Kind werde von Erzieherinnen schlecht behandelt. „Das ist schnell behauptet“, sagte Laufs lediglich. Die Vorwürfe der Mutter sind ihm bekannt. Wie in anderen Fällen auch, habe es danach Gespräche mit dem Personal gegeben, bestätigte er lediglich.

„Inklusion ist toll“, sagt Laufs. Die evangelischen Kindergärten „leben Inklusion“, versichert er. Doch was hilft das Engagement, wenn das geeignete Fachpersonal in den Kitas fehlt? „Wir brauchen diese Integrationskräfte“, sagt er, aber auf dem Arbeitsmarkt gibt es sie nicht. Finanziell geht die Rechnung ebenfalls nicht auf. Für die Integrationshilfe, die Paula betreut, bekomme der Kindergarten-Träger pauschal 748 Euro brutto monatlich vom Landratsamt, in besonderen Fällen 930 Euro, das reiche rechnerisch für eine Betreuung des Kindes von zwei bis drei Stunden täglich.

„Doch am Geld soll es nicht liegen“, versichert Laufs. Es geht ihm vor allem um das Wohl des Kindes. Kinder im Rollstuhl werden in den Kindergärten betreut und können integriert werden, auch Kinder mit Trisomie. Bei Kindern mit Autismus-Spektrum jedoch sei dies schwierig. Ein offener Kindergarten wie derjenige im Bühl mit einer großen Anzahl lebhafter Kinder sei für autistische Kinder kein geeigneter Platz.

 
 
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