Kirchheim Demenzexpertin berührt mit Liedern und Geschichten

Von Corinna Müller
Sarah Straub versprühte in Kirchheim bei ihrer Konzertlesung „Lebensmut trotz(t) Demenz“. Foto: /Oliver Bürkle

Sarah Straub informierte in Kirchheim ernsthaft, aber auch unterhaltsam über die Krankheit. 

„Lebensmut trotz(t) Demenz“, weiß die Liedermacherin Dr. Sarah Straub aus eigener Erfahrung. In ihrer Eigenschaft als Neuropsychologin, Autorin und Demenzexpertin stand sie auf Einladung der Gemeinde Kirchheim am vergangenen Freitagabend in der Gemeindehalle auf der Bühne. „Eigentlich wollte ich Musikerin werden“, vertraute sie der BZ an, „aber ich sollte zunächst etwas G‘scheits lernen.“ Deshalb hatte sie „so nebenher“ noch studiert. Erst als ihre Großmutter an Demenz erkrankte, begann sie, ihr Studium richtig ernst zu nehmen.

Hommage an die verstorbene Oma

Den Abend eröffnete sie daher mit einer Hommage an ihre verstorbene Oma und trug mit ausdrucksstarker Stimme, begleitet von ihrem E-Piano, einen Song von Hannes Wader vor: „Heute hier, morgen dort“ – ein Text, der im Zusammenhang mit Demenz gänzlich neu interpretiert wurde. Bereits im Alter von sechs Jahren hatte Straub bei ihrem Vater das Klavierspiel erlernt, mit 13 Jahren hatte sie ihre ersten Lieder getextet. Nun setzt sie diese Fähigkeiten ein, um einen positiven Umgang mit Demenz zu fördern.

„Es gibt über 50 verschiedene Arten an Demenz“, informierte die Psychologin das Publikum, für das noch zusätzliche Stühle herbeigeschafft werden mussten. Verständlich und teilweise in liebenswertem bayrischen Dialekt erläuterte sie nicht nur die medizinischen Hintergründe, sondern auch die Vorgehensweisen zur Erstellung entsprechender Diagnosen. „Demenz kann man nicht heilen“, gab sie zu, aber wenn man sie frühzeitig erkenne, wäre man in der Lage, die Krankheit hinauszuzögern und den Abbauprozess zu verlangsamen.

Einer der wichtigsten Punkte sei es jedoch, mit den Betroffenen auf Augenhöhe zu agieren, sie Mensch sein zu lassen. „Ich lege mit dir den ganzen Weg zurück, Stück für Stück“ sang sie eines ihrer tiefgründigen Lieder. Zwischendurch las sie aus ihrem Buch vor, in dem sie einfühlsam vom Leben einzelner Demenzerkrankter berichtet.

Straub plauderte über ihren dementen Schwiegervater, der lange bettlägerig und völlig apathisch gewesen sei. Doch als er durchs Fenster seinen Rasenmäher im Garten entdeckt habe, sei er plötzlich aufgestanden, hinausgegangen, habe den Tank überprüft und sei mit dem Mäher zwei Kilometer zur Tankstelle marschiert – total glücklich. Von da an habe man ihn jeden Tag ein Stück des Rasens mähen lassen. „Ich möchte, wenn ich mal dement bin, auch kein Mandala im Zimmer haben, sondern mein Klavier“, teilte die Liedermacherin dem schmunzelnden Publikum mit und plädierte, man solle den Betroffenen Lebensfreude mit Dingen bereiten, die ihnen etwas bedeuten.

Das Thema enttabuisieren

Die Neuropsychologin brachte ihr fundiertes Wissen immer wieder ein und erzählte von ihrer Demenzsprechstunde im Uniklinikum Ulm. Sie forderte die Angehörigen auf, sich Hilfe von außen zu suchen, um die Aufgabe bewältigen zu können. Man müsse das Thema enttabuisieren und „die Erkrankten neu Kennenlernen“, denn Demenz gehöre zum Leben dazu. Ihr anschließender Song „Im Herbst ziehen die Schwalben Richtung Süden“ berührte die Zuhörer sichtlich.

 
 
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