Gregor Samsa verwandelt sich in ein Ungeziefer. So beschrieb es Franz Kafka in seinem Werk „Die Verwandlung“. Und Heiko Nostadts verwandelt in seiner neuesten Arbeit Kafkas Werk mit einem Stück Holz in eine Skulptur. Der Kirchheimer ist im Hauptberuf Sozialpädagoge bei der Arbeiterwohlfahrt Ludwigsburg (Awo). Das macht der 51-Jährige gerne, seine weiteren Leidenschaften sind Kunst und Literatur.
Kirchheim Die Verwandlung von Literatur in eine Skulptur
Heiko Nostadts neueste Arbeit ist „Die Verwandlung“ von Frnaz Kafka. Mit seiner Kunst versucht er einen Bezug zur Lebenswelt herzustellen.
Literatur und deren tieferer Sinn stecken in den Skulpturen
„Wortholz“ nennt er als Sammelbegriff seine skulpturale Kunst, da er literarische Gedanken und Worte in Holz ausdrückt, wie Nostadt sagt. In seinen Werken stecken Literatur und deren tieferer Sinn. Das sei ein langer Prozess, der mit dem Lesen vor allem klassischer Literatur beginne, sich mit der Auseinandersetzung des Inhalts und Gesprächen darüber fortsetze sowie mit der Planung der Skulptur und schließlich mit der Arbeit am Holz die Endphase finde.
Mit der Skulptur setzt er nicht nur das Werk unmittelbar um, sondern auch seine inhaltliche Bedeutung. Literatur ist für Nostadt allumfassend. „Alle literarischen Werke haben nicht nur einen Bezug zur Lebenswelt ihrer Entstehung, mit ihren Themen ist Literatur immer gültig.“ Seine Werke bekommen Titel wie Demütigung, Läuterung, Wachstum, Orientierung, Lebenswille, Verführung oder Befreiung. Damit gibt Nostadt den literarischen Werken einen Bezug und eine Bedeutung für das, was er „Menschsein und Menschwerdung“ nennt. „Als Pädagoge erkenne ich viele Parallelen zwischen Literatur und Alltag, vieles, was Dichter beschrieben, hat auch heute noch eine Bedeutung“, sagt er. Nostadt hofft, dass seine Visualisierung in Holz die Menschen nicht nur zur Literatur führt, denn: „Literatur zeigt uns tiefe Einblicke in unsere Seele und die Seele des Menschen allgemein“. Er glaubt auch, dass die Skulpturen mehr zum Nachdenken anregen als die Literatur selbst. Wenn er Schillers „Bürgschaft“ als Händedruck dreier Männer darstellt, steckt vieles dahinter: Moros und Selinuntius sind enge Freunde, würden füreinander sterben. Der zum Tode verurteilte Möros lässt seinen besten Freund Selinuntius als Bürgen bei dem Tyrann Dionysius zurück und verspricht, in drei Tagen zurückzukehren, und Selinuntius zu befreien. Die Selbstaufgabe auch von Selinuntius, und das absolute Vertrauen in den Freund – das macht den Tyrannen Dionysios neidisch auf die Stärke der Freundschaft.
„Ich sei, gewährt mir die Bitte, In eurem Bunde der Dritte.“
Am Ende bittet er „Ich sei, gewährt mir die Bitte, In eurem Bunde der Dritte.“ Und genau das stellt Nostadt in seiner Skulptur da. Möros und Selinuntius sind in der freundschaftliche Geste der Hände verbunden und die größere, stärkere Hand des Dionysios umklammert beide mit festem Griff.
Eines Tyrannen würdig kann er sich dennoch nicht auf eine Stufe mit den Freunden stellen, er muss die Untertanen beherrschen. Ist er zur wahren Freundschaft nicht fähig? Und der Händedruck der Freunde ist zögerlich. Sollen sie ihm vertrauen? Wollen sie tatsächlich mit einem Tyrannen befreundet sein? Ist er tatsächlich von dem Freundschaftsideal so überzeugt, dass er sich ihm unterwirft? Oder zerstört er ihre Freundschaft mit dem harten Händedruck? Alles Fragen, die sich jeder in puncto einer Freundschaft stellen sollte. „Genau das ist es, was ich will – dass sich Fragen auftun, Gesprächsstoff entsteht.“ Deswegen sind bei Ausstellungen seiner Kunst auch immer Texte dabei, die einen Ausgangspunkt für Überlegungen bieten. In dem Fall des Kunstwerks nach Friedrich Schiller geht es Nostadt um Freundschaften. „Wann gehe ich eine ein, wann beende ich sie, wenn ich sehe, sie tun mir nicht gut?“
Zurück zu seinem derzeitigen Werk, Franz Kafkas „Verwandlung“. Nostadt will eine Art Kokon schnitzen, in dem Gregor Samsa als Ungeziefer verbrannt ist. Für Nostadt ist die Verwandlung in ein Ungeziefer wie das visuell gewordene unglückliche Leben des Protagonisten. Wenn Gregor Samsa zum Ungeziefer wird, ist damit nicht nur er selbst zerstört, auch seine Familienstruktur, für die er wie der Hamster im Käfig geschuftet hat, fällt in sich zusammen.
Nostadts Kunst ist philosophisch, dennoch allgemeingültig. Ästhetische Schönheit wird zum Träger des Ausdrucks, der dadurch anziehender wird und die Bedeutung des literarischen Werks erweckt. Nostadt will künftig mehr ausstellen, bisher gab es nur drei Ausstellungen, die letzte in Ludwigsburg. Auch ist er derzeit daran, eine eigenen Website zu erstellen.
